John Davy
Davy, John
Pseudonym/Varianten: John Waterman

Journalist, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien.

*08.08.1927 London (Grossbritannien)
†28.10.1984 Forest Row (Grossbritannien)







John Davys Talente waren vielseitig. Den ersten Teil seines Berufslebens verbrachte er als naturwissenschaftlicher Korrespondent der Zeitschrift „The Observer“ in London, die letzten 14 Jahre als Dozent und stellvertretender Leiter des Emerson College in Forest Row. Zudem widmete er sich engagiert der Anthroposophical Society in Great Britain.

John Davy wurde als Sohn des englischen Journalistenehepaars Charles und Doris Davy in London geboren. Er hatte einen jüngeren Bruder, der wie er selbst Journalist wurde. Beide Eltern waren seit den 30er-Jahren mit der Anthroposophie verbunden. Charles Davy schrieb mehrere Bücher, eines davon über soziale Dreigliederung: „The Three Spheres of Society“ (1946), während Doris Davy Reiseberichte und Kinderbücher verfasste. Ihr Hauptinteresse galt jedoch der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, deren Journal „Star and Furrow“ sie jahrelang herausgab. So versteht es sich von selbst, dass viele interessante Menschen in Johns Elternhaus ein und aus gingen.

Die beiden Jungen kamen mit elf bzw. neun Jahren auf eine Boarding School in Nordengland, denn man befürchtete eine deutsche Invasion im Süden des Landes. „Abbotsholme“ war von dem Pädagogen Kurt Hahn beeinflusst. Besonders die praktische und musikalische Seite der Schulbildung war für Johns Entwicklung sehr wichtig. John bat seine Eltern sein letztes Schuljahr an der Waldorfschule „Michael Hall“ in Minehead (damals Ort der Evakuierung) verbringen zu dürfen. Er lernte dort als seine Lehrer Cecil Harwood und Francis Edmunds kennen, die ihm lebenslang als Kollegen in der anthroposophischen Arbeit verbunden bleiben sollten.

Zunächst aber kam er zum Militär. Die Jahre 1945–47 verbrachte er als Mitglied des Intelligence Corps in Wien. Dort hatte er vor allem Flüchtlinge zu verhören. Trotz des allgemein großen Elends konnte er in dieser Zeit viele kulturelle Anregungen aufnehmen. Er studierte ab 1948 in Cambridge Zoologie und schloss mit einem „B.A. hons.“ ab. Unmittelbar anschließend lernte John auf einer Jugendtagung in England seine spätere deutsche Frau Gudrun zur Linden kennen und folgte ihr nach Deutschland – auch um Deutsch zu lernen. Er arbeitete als Waldarbeiter in Schloss Hamborn, unterrichtete Englisch an der Waldorfschule in Stuttgart und erhielt schließlich noch ein Stipendium, das ihm ermöglichte, ein Jahr in Freiburg zu studieren.

Dort erreichte ihn 1953 das unerwartete Angebot, als erster naturwissenschaftlicher Korrespondent für den „Observer“ in London zu arbeiten, einer damals hoch angesehenen Zeitschrift, die unter der Chefredaktion von David Astor gegenüber neuen sozialpolitischen, wissenschaftlichen und ökologischen Gedanken offen war. Es sollte Johns Aufgabe sein, für die Leser alles zu verfolgen, was sich in diesen 50er-Jahren so rasant im naturwissenschaftlichen Bereich entwickelte. Er nahm das Angebot an, heiratete, zog nach Forest Row in Sussex und fuhr nun täglich nach London. Es war die Zeit der ersten Computer, der Beginn der Raumschifffahrt, es wurden neue psychologische Ansätze entwickelt, die DNA entdeckt und vieles mehr. Durch seine Arbeit für den „Observer“ lernte John in diesen 16 Jahren die meisten großen Erfinder und Entdecker seiner Zeit persönlich kennen und besuchte deren bedeutende Laboratorien. Sein anthroposophischer Hintergrund ermöglichte ihm ein aufgeschlossenes Interesse und tieferes Verständnis aktueller Entwicklungen. Diese Erfahrungen sollten später für zahlreiche Studenten aus aller Welt von größtem Wert sein, zumal er für sein klares Denken und eine ebenso klare Sprache bekannt war. Für seine Verdienste wurde ihm der Order of the British Empire verliehen. Er trug wesentlich dazu bei, dass Persönlichkeiten wie Rachel Carson („Der stumme Frühling“), F. Schumacher („Small is beautiful“), Ivan Illich („Deschooling Society“) und viele andere einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden, und er konnte frühzeitig auf so manche gefährliche Entwicklung der modernen Zivilisation hinweisen.

Während dieser Jahre wurde John Davy immer wieder aufgefordert, anthroposophische Vorträge zu halten und entsprechende Aufsätze zu schreiben. Aus beruflichen Gründen veröffentlichte er diese Arbeiten unter dem Namen „John Waterman“ – in Anlehnung an das Pseudonym seines Vaters, „Charles Waterman“.

Vier Kinder wurden in dieser Zeit in der Familie geboren, von der John leider weniger sah, als ihm lieb war, da seine Arbeit als Journalist viele Reisen erforderlich machte.

1962 hatte Francis Edmunds das Emerson College gegründet, das zwei Jahre später nach Forest Row umzog. Mit dieser Gründung verfolgte Francis Edmunds sein Ideal, junge Menschen aus aller Welt zusammenzubringen und ihnen eine denkerische, künstlerische und handwerkliche Bildung auf anthroposophischer Grundlage zu ermöglichen. Seine pädagogischen Erfahrungen und die Begegnungen, die er während seiner Vortragsreisen durch alle Welt machen konnte, hatten ihn von der Notwendigkeit einer solchen Aus- und Weiterbildungsstätte für Erwachsene überzeugt. Dabei hatte Edmunds schon immer an John Davy als möglichen Mitarbeiter an diesem Projekt gedacht – und John sagte 1969 zu.

Anfangs versuchte er wenigstens halbtags eigene Forschungen zur Wasserqualität nach der Methode von Theodor Schwenk in einem kleinen Labor durchzuführen; er musste aber bald einsehen, dass seine ganze Arbeitskraft im College gebraucht wurde. Er wurde ein Träger des kosmopolitischen und gemeinschaftsbildenden Elementes dieser internationalen Studienstätte. Seine dortige Aufgabe beschrieb er einmal so: „Stellvertretender Leiter des Emerson College, hauptverantwortlich für die Organisation, Durchführung und Entwicklung des allgemein anthroposophischen Studienjahres. Besondere Interessen: wissenschaftliche Studien, einschließlich 1. Entwicklung wissenschaftlicher Methoden und Gesichtspunkte; deren Stärken und Grenzen; 2. das Verhältnis derselben zu anderen Wahrnehmungsweisen, insbesondere zu der Arbeit des Künstlers, und 3. die methodische Entwicklung von Arbeit in Gruppen mit dem Ziel der Vertiefung eines phänomenologischen Verständnisses der Natur.“ (Unveröffentlicht)

Es folgten 14 reiche und volle Jahre. John sagte manchmal, es seien neben seinem Familienleben eigentlich zwei oder drei Leben in einem, die er führte und in die er verwickelt sei. Neben der Leitung des College, die er allmählich ganz übernahm, engagierte er sich zunehmend für die Anthroposophische Gesellschaft in Großbrittanien. Sie wirkte seit 1935 getrennt von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und John Davy arbeitete mit Cecil Harwood und anderen führenden englischen Anthroposophen an der Wiederverbindung mit dem Goetheanum, die schließlich 1963 erfolgte. Nach Cecil Harwoods Tod 1975 forderten die Führungsaufgaben in der Landesgesellschaft immer mehr Zeit und Verantwortung von ihm. Vortragsreisen führten ihn darüber hinaus in viele Länder, besonders in die USA und nach Kanada. Es lag ihm viel daran, den Einladungen zu Vorträgen an zahlreiche Universitäten und andere nicht anthroposophische Einrichtungen zu folgen, wo man von Rudolf Steiner, seinen Forschungsmethoden und -ergebnissen sowie von deren Weiterentwicklung hören wollte. Seine vorangegangene Tätigkeit als bekannter wissenschaftlicher Redakteur unterstützte seine öffentliche Glaubwürdigkeit.

Im April 1984 erkrankte er unerwartet an Krebs. Man gab ihm kaum eine Chance und ein weiser Arzt riet ihm, seine Angelegenheiten zu ordnen. Ihm schwebten fundamentale Erneuerungen der Kurse am Emerson College vor. Er wollte eine neue „spirituelle Ökonomie“ einführen, denn er glaubte, man sei am College inzwischen bei einem Zuviel von Seminar- und Ausbildungsangeboten angekommen und habe dadurch einer Art von seelischer Konsummentalität Vorschub geleistet. Er hatte dazu neue Ideen entwickelt, an deren Umsetzung er sogleich mit den Kollegen arbeiten wollte. Gleichzeitig schrieb er einen offenen Brief an die Mitglieder der Anthroposophische Gesellschaft in Großbritannien über das „Seelendrama des Anthroposophen“, in dem er energisch auf die Gefahr des Sektierertums hinwies. Sein rascher Tod wurde dann überall als ein tragisches Ereignis empfunden, das eine große Lücke in England und im Erleben von hunderten Studenten hinterließ, die ihn gekannt und geliebt hatten.

Man kann John Davy als einen Pionier und Brückenbauer bezeichnen. Ein Pionier, weil er mit seinen Gedanken und Vorschlägen überall seiner Zeit voraus war. Beispielsweise schlug er schon damals im Council der Anthroposophical Society das „Assembly“ vor: Es sollte Bewegung und einen neuen Führungsstil u. a. dadurch in die Gesellschaft bringen, dass die Vorstandsmitglieder häufiger in die Peripherie reisten, um vor Ort wahrzunehmen und kritisch zu diskutieren, was in regionalen anthroposophischen Zentren vor sich ging. Etwas zu idealistisch war John Davy wie selbstverständlich davon ausgegangen, man könne in diesen regionalen Zentren oder Einrichtungen selbst entscheiden, welches der dort aktiven Mitglieder die besuchte Initiative im Gespräch vertreten sollte. Hier sollten nach seinem Tod jedoch Konflikte entstehen und der Versuch scheiterte damals. Erst jetzt, 15 Jahre später, wird diese Initiative in etwas veränderter Form erneut aufgegriffen.

Brückenbauer war er in vieler Hinsicht: Er versuchte immer wieder Verbindungen herzustellen zwischen der orthodoxen Naturwissenschaft und Versuchen, die Welt neu und ganzheitlich zu verstehen, wie sie damals beispielsweise von Fritjof Capra, Rupert Sheldrake, Brian Goodwin und anderen unternommen wurden. Diese Persönlichkeiten brachte er mit anthroposophischen Wissenschaftlern ins Gespräch. Ähnliche Bemühungen verfolgten Christoph Gögelein u. a., heute ist der partnerschaftliche Austausch zwischen unterschiedlichen Auffassungsrichtungen in und um die anthroposophische Bewegung üblich geworden.

Die moralische Verantwortung moderner Naturwissenschaft und Technik gegenüber der Umwelt und der Menschheit war sein größtes Ideal – und Grundmotiv seiner Arbeit. In diese Richtung gingen viele seiner Bemühungen, ob in Artikeln in den großen Zeitungen, in Radio- und Fernsehinterviews oder in Vorträgen, die er noch 1984 an amerikanischen Universitäten und bis kurz vor seinem Lebensende in anthroposophischen Einrichtungen hielt.

Gudrun Davy


Werke: als Herausgeber: Work Arising from the Life of Rudolf Steiner, London
1975; Hope, Evolution, Change, Stroud 1985; mit anderen: Matter and Mind,
Hudson 1991, Edinburgh ²1992, später: The Marriage of Sense and Thought,
Hudson ³1997; Beiträge in Sammelwerken, weitere in AAF, ARw, CaM, fi, GBl,
OA, SAF.
Literatur: Edmunds, L. F.: John Davy, Wilkens, H.: Zum Erdenabschied von
John Davy, Hawkes, N.: Elegant Writer of Science, in: N 1984, Nr. 52;
Edelglass, S., Querido, R. M.: In memoriam John Davy, in: NAA 1984/85, Nr.
Winter; Fuchs, E.: John Davy, in: Leh 1984, Nr. 29; Edmunds, F. u. a.: John
Davy, in: ASN 1984, Nr. 6.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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