Franz Schily
Schily, Franz

Kaufmännischer Direktor.

*25.12.1892 Leipzig (Deutschland)
†27.09.1955 Ulm (Deutschland)
(anderer Todestag:26.)



Heute ist im Ruhrgebiet ein reiches, anthroposophisches Leben vorhanden: viele Schulen, ein Krankenhaus, bankähnliche Einrichtungen und vieles andere mehr. Franz Schily ist einer der Menschen, die viele ermutigt und vieles angeregt haben, was erst nach seinem Tod verwirklicht werden konnte.

Er war kein Mann der großen Worte, er wirkte in der Stille, obwohl er zu seiner Zeit eine bekannte Persönlichkeit war: kaufmännischer Direktor und Vorstandsmitglied des Bochumer Vereins für Gussstahlproduktion, Vorstand und Mitglied in vielen Wirtschaftsverbänden (u. a. Präsident der Association des Fonderies der EWG-Länder).

Franz Schily war gebildet und belesen, er sprach fließend Holländisch, Englisch, Französisch, hatte sich selbst etwas Russisch und Italienisch beigebracht und konnte gut Latein. Er war ein glänzender Erzähler, voller Humor, er liebte Kunst und Musik.

Seine hervorstechendste Eigenschaft aber war das Vermitteln, sein Eingehenkönnen auf den Einzelnen. Er versuchte immer objektiv zu bleiben, die Dinge vorurteilslos von allen Seiten zu sehen. Erst nach langem Prüfen verband er sich mit der Anthroposophie, aber dann auch mit seiner ganzen Persönlichkeit.

Obwohl er in vielen Bereichen tätig war, lagen ihm die Dreigliederung und die Pädagogik besonders am Herzen. Er war Mitglied im „Heidenheimer Kreis“, hatte selbst einen Dreigliederungskreis in Bochum gegründet, regte einen Jugendkreis an und war Mitglied des Waldorfschulvereins Ruhrgebiet.

Auch bei seiner Arbeit versuchte er, soweit wie möglich, etwas von seinen Ideen zu verwirklichen. Aber das meiste geschah doch in unendlich vielen Gesprächen. Immer war das Haus voller Gäste, es wurde viel Musik gemacht; trotz seiner Arbeitslast hatte er jederzeit ein offenes Ohr nicht nur für seine Kinder, sondern für alle Menschen. Er und seine Frau waren sehr warmherzig und tolerant und halfen, wo sie konnten.

Franz Schily wird als ältestes von drei Kindern in Leipzig geboren. Sein Vater, der Ingenieur Leo Schily, lebt fast zehn Jahre in Amerika, ehe er aus gesundheitlichen Gründen nach Europa zurückkehrt. Nach seiner Rückkehr heiratet er Julia Koppers, die Tochter eines Richters aus Borken (Westf.). Sie ist Malerin und eine der ersten Frauen, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studieren.

Die Kindheit Franz Schilys ist geprägt von einer gewissen Heimatlosigkeit. Die Familie wechselt ihren Wohnsitz sehr häufig, bedingt durch das unruhige Temperament des Vaters. Die längste Periode ist der Aufenthalt in Den Haag, wo Franz Schily die ersten fünf Schuljahre verbringt.

Nach dem Abitur 1911 beginnt er ein Geschichtsstudium an verschiedenen Universitäten. Im Ersten Weltkrieg geht er als Freiwilliger an die Front, zuerst in Ostpreußen und im Baltikum, dann in Frankreich.

Durch die Erlebnisse an der Front und nach dem Krieg wendet sich sein Interesse, das er schon immer an allen geistigen, künstlerischen und sozialen Fragen hat, verstärkt den mannigfaltigen Problemen der Zeit zu. Er nimmt zwar sein 1919 unterbrochenes Geschichtsstudium in Berlin wieder auf und promoviert 1920, empfindet aber den Beruf des Historikers immer mehr als rückwärtsgewandt und unzeitgemäß. Schily macht eine kaufmännische Lehre bei der Firma Wildberg und Noll in Köln. Von dort geht er nach Amsterdam und später nach Den Haag zu der Exportfirma Verex.

Schon 1913 hat er Elisabeth Schmutz-Baudiß, die am Stern’schen Konservatorium in Berlin Violine studiert, kennen gelernt. Sie heiraten 1922 in Berlin. Aus dieser Ehe stammen fünf Kinder: Peter (1923–94) wird anthroposophischer Arzt, Michael (1927–52), der Priester in der Christengemeinschaft werden will, Maria (1929), die Lehrerin wird, Otto (1932), der Rechtsanwalt und später Innenminister der Bundesrepublik wird, sowie Konrad (1937), der ebenfalls Arzt wird, später mit Gerhard Kienle zusammen die private Universität Witten Herdecke gründet und als deren Präsident wirkt.

Als Auslandskorrespondent kommt Franz Schily 1925 zum Bochumer Verein. Sein Vorgesetzter ist Paul Kirchner. Voller Verwunderung bemerkt Schily die hohe Bildung dieses Mannes, der als Sohn eines Bergmannes nicht studiert hat. Seine Güte und Ehrlichkeit beeindrucken ihn so sehr, dass eine innige Freundschaft bis zu dessen Tode entsteht. Als er hört, dass Kirchner Anthroposoph ist, ist sein Interesse geweckt. Er befasst sich intensiv mit den Werken Rudolf Steiners und wird 1931 Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft.

1935 erkrankt sein zweiter Sohn Michael so schwer, dass jeden Augenblick mit seinem Tod gerechnet werden muss. Da wendet sich das Ehepaar an den anthroposophischen Arzt Hermann Keiner, der Michael das Leben retten kann. Durch die lebenslange Verbindung mit Keiner und ebenso durch die tiefe Freundschaft mit Irene und Wilhelm Wollborn, die sie auch in Verbindung mit der Krankheit des Sohnes kennen gelernt haben, werden ihr Vertrauen in die anthroposophische Medizin und ihr Interesse an der Waldorfpädagogik gestärkt und befestigt.

Auch mit der Christengemeinschaft sind Schily und seine Frau eng verbunden. Sie lernen Friedrich Rittelmeyer kennen und sind mit Rudolf Frieling befreundet.

Den Gedankengängen des Nationalsozialismus steht Schily kritisch und sehr bald ablehnend gegenüber. Nach dem Zusammenbruch der Herrschaft der Nationalsozialisten 1945 wird er als kaufmännischer Direktor in den Vorstand des Bochumer Vereins berufen. Durch sein umfassendes Wissen, seine Fähigkeit zu vermitteln, sein Eingehen auf andere Menschen kann er maßgebend beim Wiederaufbau des Werkes helfen.

In den folgenden Jahren führen ihn viele Reisen nicht nur durch ganz Europa, sondern auch in andere Weltteile (Südafrika, Südamerika). Dies gibt ihm die Gelegenheit, mit vielen Menschen auf der ganzen Welt Bekanntschaften und Freundschaft zu schließen und zu pflegen.

Am 26. September 1955 sterben Franz Schily und sein langjähriger treuer Fahrer Fritz Kleinsorge durch einen tragischen Unfall auf der Autobahn bei Ulm. Seine Frau Elisabeth, die ihn begleitet hat, erliegt kurz darauf, am 5. Oktober 1955, ihren schweren Verletzungen. Bezeichnend für den Menschen Franz Schily war die überwältigende Teilnahme nicht nur vieler Freunde aus dem In- und Ausland, sondern auch der Belegschaft des Bochumer Vereins bei der Trauerfeier.

Maria Hölscher


Literatur: Bockemühl, A.: Franz Schily, Elisabeth Schily, in: MaD 1955, Nr. 34.




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