Adelyde Content
Content, Adelyde Rosalida Anna

Philologin.

*17.07.1883 Den Haag (Niederlande)
†04.02.1952 Den Haag (Niederlande)









Adelyde Peritia Content, eine der ersten Anthroposophinnen in den Niederlanden, hat nach der Veröffentlichung einiger Jugendwerke ab Mitte ihres Lebens ihre Begabung als Schriftstellerin völlig der Anthroposophie gewidmet.

Anna Kelterborn schreibt in ihrem „Gedenken an Adelyde Content“: Wer ihr begegnen durfte, wird diese in seltenem Grad ursprüngliche Persönlichkeit nicht vergessen, und mancher wird es erleben, dass ihr Geist – heute von der Last eines immer kränkelnden Körpers befreit – mit merkwürdiger Intensität in seinem Bewusstsein weiterlebt (Kelterborn 1953)

Edwin Froböse zählt sie in seinem Totengedenken zu den Freunden, „deren Schicksal eng mit dem Leben der anthroposophischen Bewegung verbunden war, die am Aufbau der Anthroposophischen Gesellschaft mitgearbeitet haben.“ (Froböse 1952)

Adelyde Content wurde 1884 in Den Haag als älteste Tochter einer bürgerlichen Familie geboren. Sie hatte einen älteren Bruder und zwei Schwestern, deren jüngste meine Mutter war. Als die Familie nach Rotterdam umzog, besuchte sie dort das Gymnasium Erasmianum, wo sie von dem bekannten und von ihr sehr verehrten Dichter Leopold in den klassischen Sprachen unterrichtet wurde. Zeitlebens hatte sie dann eine besondere Verbindung mit Dichtung und Sprache der Antike.

Darauf studierte sie die niederländische Sprache und Literatur auf der Universität von Leiden. Denn es wurde ihr nicht vergönnt, dort ihrer Neigung entsprechend die klassischen Sprachen zu studieren, weil ihr Onkel mütterlicherseits – Professor der griechischen Sprache und Literatur an der Universität von Groningen – ihre Eltern belehrte, dass das kein für ein Mädchen geeignetes Studium sei (es war noch Anfang 20. Jahrhundert!). Ihr Studium in Leiden brachte ihr jedoch die offenbar vom Schicksal gewollte Begegnung mit Elisabeth Vreede, die dort Mathematik, Physik und Astronomie studierte. (she. Elisabeth Vreede, Ein Lebensbild, S. 7 und S. 42-52 für ihre Briefe aus Berlin an Adelyde damals noch Li genannt).

Sie wurden Freundinnen. Durch Elisabeth Vreede und durch ihre Mutter – die in Den Haag eine theosophische Loge leitete – lernte Adelyde die Theosophie und bald darauf die Anthroposophie kennen. 1908 hat sie den ersten Vortrag von Rudolf Steiner gehört. 1912, als es zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft kam, wurde sie Mitglied. Die Anthroposophie stellte fortan den zentralen Inhalt ihres Lebens dar.

Wann immer Anfang der 20er-Jahre Rudolf Steiner anlässlich einer dortigen Tagung nach Den Haag kam, hat Elisabeth Vreede – die ihn auf seinen Vortragsreisen oft begleitete – immer bei Adelyde Content gewohnt, die in jener Zeit eine eigene Wohnung in Den Haag hatte. Die Freundschaft zwischen den beiden Frauen währte bis zu den Auseinandersetzungen in der Anthroposophischen Gesellschaft 1935/36, als auch ihre Wege sich trennten. Adelyde hatte sehr gehofft, nach dem Zweiten Weltkrieg die Freundschaft wieder fortsetzen zu können. Die Freundin war aber schon in die geistige Welt hinübergegangen, wohin ihr Adelyde neun und ein halb Jahre später, im Jahre 1952, folgte.

Das Studium an der Universität Leiden hat Adelyde nicht vollendet: die damalige philologische Wissenschaft konnte sie nicht befriedigen. Edwin Froböse drückt es in seinem Totengedenken wie folgt aus:

„Adelyde Content war in schönster Weise eine Gelehrtennatur, ... aber die Quelle ihrer Forschung war doch das Reich der Kunst.“ Ich möchte hinzufügen: erst durch die Anthroposophie hat sie Wissenschaft und Kunst miteinander verbinden können.

Sie hat sich dann wieder dem Gebiet zugewandt, das sie von jeher faszinierte, Sprache und Dichtung der Antike.

Nicht nur fand sie jahrelang ihren Lebensunterhalt durch Nachhilfe- und Privatunterricht in diesen Sprachen, sondern „sie begann, mit den durch Anthroposophie erworbenen Erkenntnissen die Dichtungen der Alten zu interpretieren, ihren Gehalt an Mysteriengut herauszuarbeiten und Teile aus Ilias, Odyssee und (Vergils) Aeneis neu zu übersetzen.“ Gleichzeitig fing sie an, für Interessierte Kurse über dieses Thema zu geben. Auch erschienen darüber in anthroposophischen Zeitschriften Aufsätze von ihrer Hand.

1929 wurde ihre Abhandlung „Die Helena-Sage und ihr Zusammenhang mit unserer Zeit. Vom Mysterium der Iynx zum Mysterium der Pharynx“ in Dornach, im damals noch von Marie Steiner geleiteten Philosophisch-Anthroposophischen Verlag am Goetheanum herausgegeben.

Anna Kelterborn schreibt diesbezüglich im oben genannten Gedenken: „Sie behandelt das Problem des Bösen in seinem Verhältnis zu Tod und Auferstehung und zeigt, wie dieses Grundproblem der vierten nachatlantischen Kulturepoche in Griechenland sich nicht nur in den Mythen spiegelt, sondern auch in der Sprache selbst zum Ausdruck kommt.“ Anna Kelterborn erwähnt noch ihren dramatischen Versuch „Rome's verankering“, der 1937 in holländischer Sprache entsteht und „zeugt von spiritueller Erfassung dessen, was zu Beginn der römischen Geschichte vor sich gegangen ist.“

Überschaut man ihren Entwicklungsgang als Schriftstellerin, dann findet sich noch eine Zwischenstufe zwischen ihren rein literarischen Jugendwerken – Gedichte und ein Roman – und ihrer Forschung über alte und – später – neue Mysteriendichtung:

Im Jahre 1920 erschien in niederländischer Sprache ein Märchenbuch von ihrer Hand, „Marjantjes boek van de guldene sproken“, mit Bildern von Louise van Blommestein. Es wurde 1926 von ihr selbst ins Deutsche übertragen und unter dem Titel „Mariannchen's Buch der goldenen Märchen“ bei Rudolf Geering in Basel herausgegeben.

Es ist hier schon die Geisteswissenschaft die Quelle, aus der sie schöpft für die goldenen Märchenbilder, durch die sie den Geist des kleinen Mariannchens auf ihre Bitten um „eine Geschichte!“ und „noch eine Geschichte!“ geleiten möchte.

Und so schreibt viele Jahre später die „groß gewordene“ Marianne in ihrem Vorwort zu den posthum in Buchform von ihr herausgegebenen Kommentarbriefen zu den Mysteriendramen von Rudolf Steiner:

„Als geborene Erzählerin hatte sie ein besonderes Verhältnis zum Wort, namentlich zur Sprache der Griechen und Römer, die noch so durchlässig für das Geistige sind. So führte ihr Weg über das Studium der Mysteriendichtungen der Griechen – Ilias und Odyssee – und der Römer – Vergils Aeneis – zum „Belauschen“ der Mysteriendramen von Rudolf Steiner. Was sie erfahren hatte als ihren Sinn, indem sie sich mit der lebenden Kraft des Wortes zu verbinden suchte, gab sie dann weiter in Wort und Schrift“.

Zuerst erschienen im Selbstverlag 12 Hefte in niederländischer Sprache unter dem Titel „Commentaarbrieven bij de Mysteriedrama's van Rudolf Steiner“. Die drei ersten Hefte wurden von der Autorin selber ins Deutsche übertragen, die übrigen sind nach ihrem Tode von ihrer Schwester – meiner Mutter – übersetzt worden. Der ganze Text ist später von mir überarbeitet worden. Dabei habe ich Wortwahl und Stil von Adelyde Content so weit wie möglich beibehalten. Er wurde unter dem Titel „Mysteriendrama, moderne und antike Mysteriendichtung“ 1985 im Verlag am Goetheanum als Buch herausgegeben.

Adelyde wohnte, schon während des Ersten Weltkriegs, aber besonders in den 20er Jahren, alternierend in Den Haag und Dornach.

In Den Haag gehörten zu dem Personen-Umkreis von Adelyde in der Zeit ihres anthroposophischen Wirkens selbstverständlich viele Anthroposophen. Diejenigen, die zu ihrem engeren Freundeskreis gehörten, waren fast alle auf verschiedenen künstlerischen Gebieten tätig. Anfang der zwanziger Jahre war es die Malerin Louise van Blommestein, die ihr Märchenbuch illustrierte und die sich später permanent in Dornach niedergelassen hat und dort als Malerin bekannt wurde.

Dann gehörten dazu:

Die Dichterin Henriette Moulijn-Haitsma Mulier, die die ersten beiden Mysteriendramen und die Wochensprüche Rudolf Steiners ins Niederländische übersetzte, die Schriftstellerin Jo de Wit, später Frau van Dullemen, Mutter der als Schriftstellerin bekannteren Inez van Dullemen und Willem Breman, Pianist und Chordirektor. Dieser publizierte eine Abhandlung über die esoterische Bedeutung der niederländischen Volkshymne „Wilhelmus“. Zusammen mit ihm hat sie das erste Buch und einen Teil des zweiten der Aeneis ins Niederländische übersetzt – in einer wunderbar getragenen, rhythmischen Prosa. Dabei strebte sie danach, für jedes Wort das niederländische Äquivalent zu finden, das in exoterischem sowohl als esoterischem Sinn dem lateinischen Wort entspricht. Jedoch wurde es leider nicht veröffentlicht, ebenso wenig wie ihr oben genanntes Drama „Rome's Verankering“. Zum Freundeskreis gehörten auch Aleida J.H. Hofstede Crull, Heileurythmistin (in deren Garten ein Eurythmiesaal stand, in dem auch die Zusammenkünfte der „Niederländischen Abteilung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Dornach“ stattfanden), und A.J. (Marie) Bolten-van der Weele, Tochter eines Malers aus der sogenannten „Haager Schule“ und Mutter des Kunsthistorikers und späteren Museumsdirektors Daan Bolten. In Frau Boltens würdigem Haus, dessen Wände von oben bis unten mit Gemälden geschmückt waren, hat Adelyde meistens ihre Kurse gegeben.

An ihren Mysteriendramen-Kursen hat damals auch Cor Rens-Portielje in ihren jungen Jahren teilgenommen. Sie galt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den niederländischen anthroposophischen Kreisen als die Mysteriendramen-“Expertin“.

Adelydes geistige Heimat war „Dornach“, das heißt das Goetheanum als Zentrum der anthroposophischen Bewegung, in der sie mit Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit lebte. In dieser Zeit hat sie noch einmal ein Märchen verfasst. Darin wurden die von einem Gnom staunend erlebten (aber von dem Wärter unbemerkten), wundersamen Geschehnisse im großen Saal des zweiten Goetheanum in humorvoller Weise geschildert. Unter dem Titel „Adventsmärchen im Goetheanum“ findet sich die Geschichte in der Wochenschrift „Anthroposophie“ 1929, Nr. 1.

Zu ihrem Personen-Umkreis in Dornach gehörten – soweit mir bekannt – außer Elisabeth Vreede die Mutter der Ärztin Madeleine P. van Deventer sowie diese selbst und auch Elli Häusler-Hämmerli, die an der Basler Rudolf Steiner-Schule Latein und Griechisch unterrichtete. Mit ihr verband sie die Liebe für die Kultur der Antike.

Ferner fanden sich in ihrem Nachlass Briefe von Edwin Froböse, von Kurt Piper, dem Redakteur von „Die Drei“, und von Curt Englert-Faye, über dessen Vorträge in Den Haag sie ausführlich im Haager Tagblatt „Het Vaderland“ berichtet hat.

Ihre Begabung als Schriftstellerin sowie, in den Worten von Anna Kelterborn „ihr Mut, der sie zeitlebens für das als wahr erkannte eintreten und Dunkles bekämpfen hieß, führten sie (schon) in den jüngeren Jahren zu journalistischer Betätigung“.

Nicht nur wenn Adelyde in Den Haag verblieb, berichtete sie ausführlich im Haager Tagblatt „Het Vaterland“ über in Holland und besonders in Den Haag von Rudolf Steiner und anderen bekannten anthroposophischen Rednern gehaltene Vorträge, sondern auch während sie in Dornach wohnte, erschienen bis zum Zweiten Weltkrieg in den führenden Zeitungen Hollands regelmäßig Berichte ihrer Hand darüber, was am Goetheanum vorging.

Auch fing sie Oktober 1922 in dem angesehenen illustrierten Monatsmagazin über Kunst und Kultur „Op de Hoogte“ (Auf der Höhe) eine Reihe von Aufsätzen an unter dem Titel „Uit de Leerschool van het Goetheanum„ (Aus der Schule des Goetheanum). Ihre Themen waren u.a.: Goethe und Steiner, Eurythmie als Kunst, Gedanken über das Goetheanum als ersten Versuch einer organischen Architektur. Und dann, in der Februar-Nummer 1923: „Das Goetheanum. Seine äußere Erscheinung und sein Flammentod“, ein Aufsatz von sieben Seiten mit 25 Fotos, die Adelyde bei Rudolf Steiner selber hatte aussuchen dürfen.

Der herzerschütternde Bericht ist datiert mit 4. Januar 1923: sie ist Augenzeugin des Brandes gewesen. Tief hat sie die Tragik des Brandes des geliebten Goetheanum empfunden. Somit müssen nicht nur auf ihre leibliche Anwesenheit die Worte Rudolf Steiners hingedeutet haben, als er zu ihr sprach beim Abschied aus Arnheim im Sommer 1923: „Sie waren auch beim Brande.“

Dass ein Prophet im eigenen Lande nicht immer gewürdigt wird, hat auch sie erfahren müssen. Darüber berichtet Hans Peter van Manen: Als der Besuch von Rudolf Steiner in Den Haag im November 1923 anlässlich der Gründung der niederländischen Landesgesellschaft vorbereitet wurde, hatten Pieter de Haan und Willem Zeylmans einen exklusiven Sprachkurs von Marie Steiner für prominente Mitglieder eingerichtet, also nur für Geladene. Adelyde Content hatten sie absichtlich nicht eingeladen. Die beiden Herren waren sich einig darüber, dass ihre Artikel in dem populären Familienwochenblatt „Het Leven“ (über das Goetheanum und den Brand) nicht in einem Stil geschrieben seien, der das Interesse der Anthroposophie fördern würde. „Einfach unmöglich!“, so meinten sie. Steiner war bei dem Kurs anwesend. Während einer Pause sagte er auf einmal ganz freundlich zu den beiden Herren: „Wie schade, dass Fräulein Content nicht da ist. Die hat solche vorzügliche Artikel über das Goetheanum geschrieben!“ „Da hatten Pieter de Haan und ich einen Grund zum Nachdenken bekommen“, bemerkte Zeylmans in einem rückblickenden Vortrag genau 25 Jahre später (gehalten in Den Haag im November 1958). (Erinnerung von H.P.v.M.)

Marianne Scherpenhuijzen Rom


Werke: Toen’t kòn...: bijdrage tot de psychologie van Eroos, Den Haag 1916;
Marjantjes boek van de guldene sproken, Blaricum 1920; Mariannchens Buch
der goldenen Märchen, Dornach 1926; Die Helena-Sage und ihr
Zusammenhang mit unserer Zeit, Dornach 1929; Commentarbrieven bij de
mysterie-drama’s van Rudolf Steiner, Bd. I-XII, o. A. 1946; Kommentarbriefe
zu den Mysteriendramen Rudolf Steiners, Bd. I/II/III, o. A. 1950;
Mysteriendrama – Moderne und antike Mysteriendichtung, Dornach 1985;
Beiträge in A, DD, G und N.
Literatur: Froböse, E.: Totengedenken, in: BfA 1952, Nr. 3; Kelterborn, A.:
Im Gedenken an Adelyde Content, in: N 1953, Nr. 5; Wer kann weiterhelfen?
in: G 2002, Nr. 19.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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