Wilhelm Reichert
Reichert, Wilhelm

Maler, Kunstlehrer.

*19.09.1926 Niedermehlingen/Pfalz (Deutschland)
†25.12.1982 Feldkirchen (Österreich)









Wilhelm Reichert war durch seine gemütsgetragene Begeisterungsfähigkeit nicht nur ein vielseitiger Künstler, er war einer der originellsten Lebenskünstler. Er suchte durch seinen von Anthroposophie getragenen Forschergeist mithilfe der Kunst in die Welt des Lebendigen zu gelangen. Seine vielen Werke – gezeichnet, gemalt, plastiziert und geschnitzt, die zahlreichen Tafelzeichnungen, sein umfangreiches Skizzenwerk – sind Zeugen dieses Eindringens in die Welt, die angrenzt an unsere physische.

Einen Formenkreis für die Plastiker entwickelte er, eine neue in Goethes Erkenntnisart getauchte Ausbildung für Pädagogen und Künstler inaugurierte er. Wo er war, war Menschlichkeit; wo er sprach, war sprühende Begeisterung, getragen von Wärme.

Er wurde auf dem Gutshof, auf dem seine Eltern arbeiteten, als drittes von vier Kindern geboren. In ärmlichsten Verhältnissen wuchs er auf. Den Strohsack teilte er mit der Schwester, das Brot, das jedem zustand, war gezählt. Doch ein reiches Innenleben begann in dem heranwachsenden Knaben zu keimen, genährt durch viele Naturerlebnisse wie z. B. am Blau des Himmels oder an den Schatten der abends vom Feld heimrollenden Holzwagen. Ein buntes Glas, vor das Auge gehalten, verzauberte die Welt, ein Stückchen Papier zum Zeichnen war eine Kostbarkeit.

Mit zwölf Jahren malte Wilhelm Reichert sein erstes Aquarell, das Christkind mit der Lilie und der Taube. Dieses Motiv – des Welten-Bewegers – durchzog sein ganzes Leben. Die letzten Bilder, wenige Tage vor seinem Tod entstanden, spiegeln dies in lebensverwandelter Form wider.

Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er die Dorfschule, wo er in liebevoller Strenge von Julius Wagner, dem Dorfschullehrer, geführt wurde. Dieser behielt seinen Schüler aufmerksam im Auge und setzte sich für ihn ein, als es darum ging, ihm an der Meisterschule des Handwerks in Kaiserslautern einen Platz zu verschaffen. Als 18-Jähriger kam er in englische Kriegsgefangenschaft, die vier lange Jahre dauern sollte. Abgeschieden, von der Heimat fern, reifte sein Entschluss, Maler werden zu wollen.

Zurückgekommen beendete er die Meisterschule, baute einen eigenen Malerhandwerks-Betrieb auf, restaurierte, vergoldete und war auch Schrift-Schreiber. Neben rein handwerklichen Tätigkeiten entstanden Sgraffiti, Freskenmalereien auf Außenputz; mit tanzenden Figuren in „Breughelscher Art“ wurden Möbel und Stoffe bemalt. Vieles malte er auch draußen, in der Natur; die schönsten Hohlwege, Dörfer, Blumen und Bäume entstanden auf seiner Feldstaffelei.

Wieder war es sein Volksschullehrer, der ihm auch hier weiterhalf: Er machte ihn mit Goethes Farbenlehre bekannt. Neben seiner Liebe zum Musizieren wuchs das Studium dieser Goethe’schen Lehre. Und so kam der Tag, an dem ihm sein Lehrer von der Anthroposophie erzählte. Wilhelm Reichert war 35 Jahre alt. Radikal veränderte sich nun sein Leben. Er schloss seinen kleinen Betrieb, besuchte das Waldorf-Lehrerseminar in Stuttgart, verkaufte sein selbst gebautes Haus und vertauschte die Pfälzer Landschaft mit dem Ruhrgebiet. Von seiner Frau Mathilde, geb. Kafitz, zwei Töchtern und einem Sohn unterstützt, übersiedelte er 1962 nach Wuppertal und war 18 Jahre als Handwerks-, Mal- und Kunstgeschichts-Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule tätig. 1961 wurde er Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft.

Unermüdliches Studium der Anthroposophie und Hingabe an die Erfordernisse des Lebens, der Schule und der Schüler prägen seine neue Situation. An vielen Orten hält er Vorträge über Kunst und Natur, so auch in der Wuppertaler Musikschule „Einern“, bei denen Wandtafel-Bilder von selten gekonnter Strichführung entstanden. Die Pfingst-Maltagungen mit Julius Hebing waren von großer Bedeutung für Wilhelm Reichert.

Zwischen den Jahren 1966 und 1970 erhielt er durch das Ausbrechen einer Nierentuberkulose dreimaliges Unterrichtsverbot, musste sich einer schwierigen Operation und etlichen Auslandskuren unterziehen. An die Todesschwelle wurde er geführt.

Er erholte sich und es wurden ihm – überstrahlt und bestimmt durch ein Erlebnis am Hochgebirgshimmel – noch 14 Jahre intensivsten Schaffens als Forscher und Künstler auf goetheanistischem Felde geschenkt.

Es entstanden viele der für sein Schaffen so charakteristischen Zeichnungen, die aus einer strömend-lebendigen inneren Anschauung entsprangen. Er entwickelte anhand des Goethe’schen Farbenkreises einen Formenkreis für die Plastiker. Mit Schülern und Seminaristen wurden große Reliefs mit Motiven der Metamorphose im Lebendigen geschnitzt. Herrliche Bühnenbilder in großzügiger Schichttechnik entstanden, die neu gebaute Rudolf-Steiner-Schule wurde von ihm komplett ausgemalt.

Er wurde 1981 Dozent an der Alanus-Kunsthochschule in Alfter. Allerdings war er mehr und mehr davon durchdrungen, eine neue Schule ins Leben zu rufen. „Goetheanistische Studienstätte“ für Pädagogik und Kunst sollte sie heißen und in Wien gegründet werden. Doch konnte er nur noch den Namen, den Impuls dafür geben. Unerwartet starb Wilhelm Reichert am ersten Weihnachtstag 1982; sein Leitmotiv hatte sich bis auf den Tag hin erfüllt. Es bildete sich ein Kollegium, einige aus dem engsten Schülerkreise Wilhelm Reicherts wie Christian Hitsch, sein Schwiegersohn, Matthias Reichert, sein Sohn, Tobias Richter, Georg Friedrich Schulz u. a. eröffneten im Herbst 1983 mit den ersten Studenten die „Goetheanistische Studienstätte“. Seit vielen Jahren treffen sich regelmäßig Künstler und Werklehrer am Goetheanum, um den Forschungsimpuls bezüglich seines Formenkreises und der praktischen Verwirklichung von Goethes Metamorphosenidee zu pflegen und zu vertiefen. In besonderer Treue arbeitet Peter A. Wolf in Essen mit dem Werke.

Durchdrungen war Wilhelm Reichert von dem Gedanken, dass nur durch die Liebe der Menschen die Erde einst zum Stern der Liebe umgewandelt werden kann.

Andrea Hitsch


Werke: Gedichte, Ottersberg 1998; Beiträge in EK.
Literatur: Böcking, F.: Wilhelm Reichert, in: Leh 1983, Nr. 26; Gergely, E.: Für Wilhelm Reichert, in: N 1983, Nr. 10; Oberhuber, W.: Wilhelm Reichert – ein Pionier, in: Stl 1988/89, Nr. 2; Hitsch, C.: Wilhelm Reichert, in: N 1992, Nr. 48; Böcking, F.: Skizzen aus seinem Leben 1980–1982, Wien 1993; Hitsch, C.: Wie entstand der Formenkreis Wilhelm Reicherts? In: Stl 1993/94, Nr. 2 und 4; Hitsch, C. u. a.: Wilhelm Reichert zum 70. Geburtstag, in: Stl 1996/97 Nr. 3; Hitsch, A.: Biographische Skizze, in: Reichert, W.: Gedichte, Ottersberg 1998.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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