Helmuth von Moltke
von Moltke, Helmuth

Generaloberst und Chef des deutschen Generalstabs

*25.05.1848 Rittergut Gersdorf/Mecklenburg (Deutschland)
†18.06.1916 Berlin (Deutschland)



Helmuth von Moltke war das zweite der sechs Kinder von Adolph Erdmann von Moltke (1804–70) und seiner Gattin Augusta, geborene von Krohn. Der Vater – Bruder des Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke (1800–91) – übernahm 1849 die Verwaltung der damals dänischen Grafschaft Ranzau, nördlich von Hamburg. Die Kinder wuchsen im Schloss Ranzau auf, den ersten Unterricht erhielt der Knabe von einem Hauslehrer, dem späteren Berliner Hofprediger Schaubach. Anschließend besuchte er das Gymnasium von Altona. Das Thema seines Abituraufsatzes lautete „Warum ist es gut, dass der Mensch sein Schicksal nicht voraus weiß?“.

Moltke schlug die militärische Laufbahn ein. Als junger Fähnrich nahm er am deutsch-französischen Krieg 1870/71 teil. Er liebte den Soldatenberuf in jugendlicher Begeisterung und war erfüllt von glühender Vaterlandsliebe und Stolz darauf, Deutscher zu sein. 1876 trat er in die Eliteeinheit der Preußischen Garde in Potsdam ein und im folgenden Jahr wurde er zum Besuch der Kriegsakademie in Berlin kommandiert.

1878 schloss Moltke die Ehe mit Eliza Gräfin von Moltke-Huitfeldt, die dem schwedischen Zweig der Familie entstammte. In den Jahren 1881–87 wurden zwei Söhne und zwei Töchter geboren. Mit dem Generalfeldmarschall war er in mehrfacher Weise verbunden. Er war dem Onkel, der zugleich sein Pate war, seit 1882 als persönlicher Adjutant zugeordnet, begleitete ihn auf seinen Reisen und war bei Manövern und offiziellen Anlässen an seiner Seite. Der „alte Moltke“ war ihm persönliches und berufliches Vorbild und er sah, dass der Offiziersberuf nicht nur absolute Zuverlässigkeit, Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein erfordert, sondern auch Bildung und kulturelle Interessen voraussetzt. Er selbst spielte Cello, zeichnete, dichtete und schrieb am 4. Oktober 1877 an die Braut, dass er wieder einmal Goethes „Faust“ gelesen habe: „Mich zieht es stets mit unwiderstehlicher Gewalt zu diesem Buch zurück, das ich doch schon so unzählige Male gelesen habe, dass ich es fast ganz auswendig weiß. [...] Das Größte, was unsere deutsche Literatur geschaffen hat.“ (Moltke 1922, S. 31)

Der Onkel, dessen junge Gattin schon 1868 gestorben war, lebte bis zu seinem Tode 1891 als der von den Kindern geliebte Opapa in der Familie des Neffen im Generalstabsgebäude. Im Sommer weilte die Familie viel auf dem schlesischen Gut Kreisau, das der Onkel 1867 nach dem Sieg bei Königgrätz mit einer Dotation des preußischen Königs erworben hatte.

Unmittelbar nach dem Tod des Feldmarschalls berief Kaiser Wilhelm II. Helmuth von Moltke, mittlerweile im Rang eines Majors, zu seinem Dienst tuenden Flügeladjutanten. Dieser Posten brachte ihn in nächste Nähe zum Kaiser und der Hofgesellschaft; in den folgenden Jahren wurde er nicht nur in regelmäßigen Abständen befördert und mit Orden ausgezeichnet, sondern es wuchs auch ein persönliches Vertrauensverhältnis zwischen dem Kaiser und ihm. Immer wieder wurde er mit Repräsentationsaufgaben betraut und u. a. wiederholte Male in besonderer Mission an den Zarenhof Nikolaus II. geschickt. Zum 1. Januar 1904 wurde er als Generalquartiermeister Mitarbeiter von Schlieffen, dem Chef des Generalstabs, blieb daneben aber Generaladjutant des Kaisers, inzwischen im Rang eines Generalleutnants.

Am 1. Januar 1906 trat er die Nachfolge Schlieffens als Chef des Generalstabs an. Aber zuvor hatte er in einem Gespräch mit dem Kaiser am 7. Januar 1905 die Bedingung gestellt, dass der Kaiser sich jeder Mitsprache in militärischen Angelegenheiten enthalte und bei den Manövern darauf verzichte, eine Partei zu führen, weil es sonst nicht anders möglich sei, als dass die Partei des Kaisers siegt. Der Kaiser willigte ein. Er sprach Moltke in der Kabinettsorder, in der er ihn unter Belassung im Amt des Generaladjutanten zum Chef des Generalstabs ernannte, sein „unbedingtes Vertrauen“ aus. Dass er sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 nicht an diese Verabredung hielt, hat Moltke zutiefst erschüttert. Aber das dadurch drohende Chaos konnte verhindert werden und die ersten Kriegswochen verliefen zunächst erfolgreich, bis die Tragödie der Marneschlacht – aus französischer Sicht das „Wunder an der Marne“ – eintrat. Wilhelm II., unfähig, die strategischen Entscheidungen Moltkes an der Marne zu begreifen, entzog ihm das Kommando und übergab es Mitte September Falkenhayn. Moltke musste die Entscheidungen Falkenhayns mit seinem Namen decken, bis er am 3. November 1914 auch formell seines Amtes enthoben wurde.

Er wurde aus einem angespannt aktiven Leben und einem Übermaß an Verantwortung herausgerissen und zur Untätigkeit verurteilt. Noch im November machte er detaillierte Aufzeichnungen über die Ereignisse bei Kriegsausbruch und schuf damit ein einzigartiges historisches Dokument. Anfang 1915 bemühten sich Hindenburg und Ludendorff, die Falkenhayns Unfähigkeit sahen, vergebens um seine Wiedereinsetzung als Chef des Generalstabs.

In dieser dramatischen Zeit gewann ein anderes Element für Moltke an Bedeutung. Eliza von Moltke hatte schon in den ersten Jahren von Rudolf Steiners Wirksamkeit als Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft die Verbindung mit der von ihm vertretenen Geisteswissenschaft gefunden und war seit 1904 seine persönliche Schülerin. So begegnete auch Helmuth von Moltke Rudolf Steiner erstmalig 1904. Er hatte seine Bücher über Nietzsche und Haeckel sowie das eben erschienene Buch „Theosophie“ gelesen und schätzte die klare Gedankenführung Rudolf Steiners: „Klar und fesselnd ist er immer. Kein philosophierender Schriftsteller ist mir bisher so verständlich gewesen wie er.“ (Brief vom 8.3.1904 an Eliza von Moltke) Die Tochter Astrid Bethusy-Huc berichtete später, dass zwischen ihren Eltern und Rudolf Steiner oft bis tief in die Nacht über Welt- und Menschheitsprobleme gesprochen wurde. Aber Moltke vermochte aus beruflichen wie auch aus inneren Gründen nicht, sich enger mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft zu verbinden. Das wird erst nach seiner Absetzung anders, und Eliza von Moltke bemühte sich nun verstärkt, eine persönliche Beziehung zu Rudolf Steiner zu vermitteln.

Bereits kurz vor der Marneschlacht, am 27. August 1914, war Rudolf Steiner nach ihrer dreimal wiederholten Bitte zu einem Gespräch mit dem Generalobersten ins große Hauptquartier bei Koblenz gekommen. In einem Interview mit Jules Sauerwein betonte Rudolf Steiner, dass sich ihre Unterhaltung auf rein menschliche Angelegenheiten bezogen habe. Nach dem Krieg wurde der Verlust der Marneschlacht von deutsch-völkischer Seite u. a. der Beeinflussung Moltkes durch Rudolf Steiner zugeschrieben und dabei vor allem auf dieses Treffen Bezug genommen.

In der veränderten Situation nach Moltkes Absetzung konnte nun auch über politische und militärische Fragen gesprochen werden. Vor allem aber sah Rudolf Steiner die Notwendigkeit, die innere Sicherheit Moltkes, die er weitgehend verloren hatte, zu stärken, in ihm das Bewusstsein von dem engen Zusammenhang seines persönlichen Schicksals mit dem Schicksal Mitteleuropas zu wecken und seinen Blick auf die geistige Aufgabe des Deutschtums zu lenken, der er letztlich auf militärischer Ebene zu dienen hatte. Helmuth von Moltke wurde nicht Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, nahm aber jetzt häufig als stiller Zuhörer an Rudolf Steiners Mitgliedervorträgen in Berlin teil.

Am 18. Juni 1916 starb Helmuth von Moltke, unmittelbar nachdem er bei einer Gedenkfeier für den ihm befreundeten Generalfeldmarschall Freiherrn von der Goltz im Reichstagsgebäude einen kurzen Nachruf gesprochen hatte. Rudolf Steiner sprach am 20. Juni von der bedeutenden Tatsache, dass Moltke aus einer ganz anderen Welt kommend eine Brücke zur Geisteswissenschaft gefunden habe, und hob hervor, dass „unsere geisteswissenschaftliche Strömung von dieser Seele ebenso viel empfangen hat, als wir ihr geben konnten“. (GA 169, 20.6.1916) Das alles geschah unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Der Beitrag Moltkes zur Entwicklung der Anthroposophie war ein indirekter. Rudolf Steiner hat durch die Begegnung mit ihm seinen Einblick in die Verhältnisse und Ereignisse seiner Zeit vertieft; er gewann weitreichendere Erkenntnisse über die geistigen und schicksalsmäßigen Zusammenhänge, in denen Moltke stand, und damit über die eigentlichen Aufgaben Mitteleuropas in geschichtlicher und zukünftiger Perspektive. In seinen weiteren auf diese Zusammenhänge bezogenen Vorträgen – besonders für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft – sprachen immer auch die konkreten Erfahrungen aus seiner Verbindung zu Helmuth von Moltke mit.

Gundhild Kacer-Bock


Werke: Die „Schuld“ am Kriege – Betrachtungen und Erinnerungen des Generalstabschefs H. v. Moltke über die Vorgänge vom Juli 1914 bis November 1914, Stuttgart 1919 (eingestampfte Broschüre mit einem Vorwort R. Steiners).
Literatur: Moltke, E. v. [Hrsg.]: Generaloberst Helmuth von Moltke – Erinnerungen, Briefe, Dokumente 1877–1916, Stuttgart 1922, ²1922; Grone, J. v.: Die Marneschlacht, Stuttgart 1934; ders.: Wie es zur Marneschlacht 1914 kam, Stuttgart 1971; Meyer, T. [Hrsg.]: Helmuth von Moltke – Dokumente seines Lebens und Wirkens. Mit Beiträgen von Jürgen von Grone, Jens Heisterkamp, Johannes Tautz u. a., Bd. I/II, Basel 1993; Werner, U.: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus 1933–45, München 1999; Bracher, A. [Hrsg.]: Ruchti, J., Moltke, H. v., Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs – Zwei vergessene zentrale Schriften zum Verständnis der Vorgänge bei Kriegsausbruch 1914 und der Haltung Rudolf Steiners, Basel 2001; Mombauer, A., Helmuth von Moltke and the Origins of the First World War, Cambridge 2001; dazu: Meyer, T.: Kampf gegen die Wahrheit über ein Kernstück europäischer Geschichte, in: Eä 2000/2001, Nr. 11; Osterrieder, M.: Akademisch ausgewiesene Borniertheit – Annika Mombauers Buch „Helmuth von Moltke and the Origins of the First World War“, in: Eä 2000/2001, Nr. 12, und 2001/2002, Nr. 1; Zander, H.:Der Gerneralstabschef Helmuth von Moltke d.J und das theosophoische Milieu um Rudolf Steiner, in Militärgeschichtliche Zeitschrift, Nr.62, Heft 2, Militärgeschichtliches Forschungsamt Oldenburg.




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