Eliza Gräfin von Moltke-Huitfeldt
Gräfin von Moltke-Huitfeldt, Eliza

*20.05.1859 Gut Kvesarum bei Höör (Schweden)
†29.05.1932 Ambach/Starnberger See (Deutschland)



Eliza von Moltke-Huitfeldt (schwedische Nebenlinie der Moltkes) wurde am 20. Mai 1859 auf dem Gut Kvesarum bei Höör, etwa 60 km nordöstlich von Malmö, geboren. Kindheit und Jugend verliefen in Einsamkeit, aber tiefer Naturliebe. Dem Vater Wladimir, einem großen Kunstliebhaber, dessen Mutter Russin war, wurde Eliza schon früh Vertrauensperson und Ratgeberin in persönlichen Schwierigkeiten; dem ethisch gestimmten, aber kühleren Temperament der Mutter wie auch den drei Geschwistern stand sie seelisch ferner. Bei einer Scharlachepidemie starben zwei ihrer Geschwister; nur die elf Jahre jüngere Schwester Olga blieb verschont und sie selbst überlebte nur knapp und behielt zeitlebens eine Gehörbehinderung zurück.

Ein neuer belebender Ton zog in Elizas Leben ein, als sie als junges Mädchen erstmals ihre Großeltern väterlicherseits in Paris besuchen durfte. Der Großvater stand in diplomatischen Diensten, das Haus wurde in großem Stil geführt, Feste wurden gegeben und Eliza brachte es im Laufe wiederholter Aufenthalte zu einer völligen Beherrschung der französischen Sprache.

1877 lernte sie im Seebad Marienlyst Helmuth von Moltke kennen, der sich gerade auf einem Diensturlaub befand. Bald kam es zu einem regen Briefwechsel, in dem auch die spiritistischen Interessen Elizas, denen Helmuth von Moltke mit wohlwollender Skepsis gegenüberstand, erörtert wurden. 1878 heiratete das Paar und Eliza übersiedelte nach Berlin, wo ihr Gatte zunächst im Großen Generalstab, ab 1882 als Adjutant seines über 80-jährigen Onkels tätig war. Dem Ehepaar, das Wohnung im Generalstabsgebäude bezog, wurden vier Kinder geschenkt. Eine besondere Beziehung hatte Eliza von Moltke zu der 1882 geborenen Tochter Astrid (Astrid Gräfin Bethusy-Huc). Im Hause Moltke wurde viel musiziert; wenn nicht namhafte Künstler eingeladen waren, griff Helmuth von Moltke selbst zum Cello, während ihn Eliza am Klavier begleitete. Im Sommer lebte die junge Familie auf dem schlesischen Gut Kreisau, das der alte Generalfeldmarschall erworben hatte. Eliza pflegte den gleichnamigen Onkel ihres Gatten hingebungsvoll bis zu dessen Tod am 24. April 1891.

Durch die Stellung ihres Gatten als persönlicher Adjutant Wilhelms II. verkehrte sie selbst in Hofkreisen, bewahrte sich dabei aber stets ein unabhängiges Urteil, eine ausgeprägte Menschenkenntnis und eine Unbeirrbarkeit im eigenen Handeln. Sie liebte Hoffeste und spielte gern Theater, wozu bei Wohltätigkeitsveranstaltungen reichlich Gelegenheit war, und sie versetzte sich dabei gerne in die verschiedensten Rollen. „Sie kannte keine Hemmung, kein Lampenfieber, und keinem Menschen gelang es, sie aus der Rolle zu bringen. Der Kaiser versuchte es einmal bei einer Aufführung, ohne jeden Erfolg.“ (Bethusy-Huc, Erinnerungen, unveröffentlicht) Diese Unbeirrbarkeit in Bezug auf den Kaiser hatte auch im realen Leben auf die Stellung und die Geschicke ihres Gatten einen wohltuenden Einfluss.

Nach der Jahrhundertwende fand Eliza von Moltke durch die mit ihr befreundete Marie von Sivers (Marie Steiner) – beide hatten russische Wurzeln – zur Theosophischen Gesellschaft und zu Rudolf Steiner, den sie sogleich als ihren Lehrer anerkannte. Da sie nicht nur allem Spirituellen gegenüber aufgeschlossen war, sondern auch in nüchterner Art nach objektiver Erkenntnis strebte, war sie dankbar für die Aufschlüsse, die Rudolf Steiner in einem Berliner Vortrag über das Wesen des Spiritismus gab, zu dem sie sich in ihrer Jugend hingezogen gefühlt hatte. (GA 52, 1. Februar 1904) Steiner nahm zudem auf ihr Bitten an einer im Februar 1904 beginnenden Reihe von insgesamt zehn spiritistischen Sitzungen teil, die im Hause Moltke abgehalten wurden und deren Protokolle noch unveröffentlicht sind. Eliza von Moltke lernte durch Steiners Kommentare und seine gelegentlichen Dialoge mit dem Medium in unmittelbarer Anschauung die Spreu vom Weizen zu sondern.

Sie wurde eine der ersten Schülerinnen der von Steiner eingerichteten „Esoterischen Schule“.

Rudolf Steiner verkehrte gern – immer auf Einladung Eliza von Moltkes – im Hause Moltke. In den dramatischen Tagen des Kriegsausbruchs 1914 stand Eliza von Moltke ihrem Gatten ratend, wachend und stützend zur Seite; sie bat Rudolf Steiner nach den tragischen Vorgängen vom 1. August, Helmuth von Moltke aufzusuchen. So kam es am 27. August in ihrer Gegenwart zu dem Gespräch bei Koblenz, in dessen Verlauf Steiner dem Generalstabschef eine Meditation übergab. Auch vermittelte sie nach Moltkes Absetzung Steiners Besuch in Bad Homburg, wo Moltke die ausschließlich für seine Gattin bestimmten Aufzeichnungen über den Kriegsausbruch machte, von deren Inhalt er aber auch Steiner in Kenntnis setzte. In der folgenden Zeit richtete Rudolf Steiner mehrere Schreiben und Meditationen über Eliza von Moltke an deren Gatten, was zeigt, dass man von einer Art Dreier-Konstellation sprechen muss, in der sie ein notwendiges Bindeglied darstellte.

Noch deutlicher wird diese ihre Funktion nach dem Tode Moltkes im Juni 1916.

Rudolf Steiner übergab Eliza von Moltke vier Tage nach Helmuth von Moltkes Tod eine Meditation, die ihr die Verbindung mit ihrem verstorbenen Gatten erleichtern sollte, und schrieb ihr einen Monat später: „Ich selbst finde jetzt stets vollen Zusammenschluss mit ihm durch den Ihnen mitgeteilten Spruch.“ Steiner machte bis zum Jahre 1924 über hundert Aufzeichnungen der inspirativ aufgefassten Erlebnisse des Verstorbenen und übergab diese Eliza von Moltke. (Meyer 1993, Bd. II) Für das gemeinsame äußere Wirken Eliza von Moltkes und Rudolf Steiners bedeutsam war die Post-mortem-Mitteilung vom 1. Mai 1919, in der der Verstorbene den Willen offenbart, seine nur für seine Frau bestimmten Aufzeichnungen mögen nun der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. So erfolgte im Einklang mit dem modifizierten Willen der Moltke-Seele der Entschluss, diese Aufzeichnungen noch vor dem Abschluss der Versailler Friedensverhandlungen als Broschüre, mit einer Einleitung von Steiner, zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen – Rudolf Steiner bezeichnete sie als „das wichtigste historische Dokument, das in Deutschland über den Beginn des Krieges gefunden werden kann“ – ist durch die Intervention vonseiten der Obersten Heeresleitung und des Auswärtigen Amtes unterbunden worden. Entscheidend waren der Besuch von General Wilhelm von Dommes am 30. Mai 1919 bei Eliza von Moltke in Berlin und die von ihr vermittelte mehrstündige Unterredung zwischen von Dommes und Rudolf Steiner, die am 1. Juni in Stuttgart stattfand. Von Dommes machte drei sachliche Einwände gegen die Aufzeichnungen geltend und war entschlossen, diesbezüglich eine eidesstattliche Erklärung abzugeben. Damit wäre der Publikation aus demselben Deutschland, das sie in politischer Hinsicht entlastet hätte, offiziell die Glaubwürdigkeit abgesprochen worden; die Herausgeber der vom Bund der Dreigliederung veröffentlichten Broschüre wären als Dilettanten hingestellt worden. So mussten Steiner und Eliza von Moltke unter diesen Umständen von einer sofortigen Publikation absehen.

Entscheidend für von Dommes Intervention war der befürchtete Prestigeverlust des Kaisers und seiner Kamarilla. Jürgen von Grone hat später die Unhaltbarkeit der drei Einwände nachgewiesen.

Eliza von Moltke hat die Aufzeichnungen ihres Mannes im Dezember 1922, zusammen mit Briefen und Dokumenten ihres Gatten, im Kommenden Tag Verlag in Stuttgart doch noch herausgegeben. Rudolf Steiners Vorwort wurde nach Absprache mit ihm weggelassen; allerdings stammen die letzten Absätze des Vorworts Eliza von Moltkes wörtlich von Steiner. Im Zusammenhang mit den Aufzeichnungen ihres Mannes machte Eliza von Moltke ein ähnliches Martyrium mit, wie dieser selbst es nach dem Sommer 1914 zu erleiden gehabt hatte.

Wo sie konnte, setzte sich Eliza von Moltke in wunderbarer Geradlinigkeit für die Geisteswissenschaft ein. Astrid Bethusy schreibt über ihre Mutter: „Mit wie viel Menschen, bedeutenden Persönlichkeiten hat sie Nächte hindurch über Geisteswissenschaft diskutiert, stundenlang vorgelesen, eingeführt und beraten. Sie kannte in solchen Stunden keine Müdigkeit und nahm den Geisteskampf auch in öffentlichen Versammlungen mit jedem Menschen mutig auf.“ (Erinnerungen, unveröffentlicht)

Wesentliche Mitteilungen Rudolf Steiners an Eliza von Moltke sind in das Gralsbuch von Walter Johannes Stein – „Weltgeschichte im Lichte des Heiligen Gral“ (Stuttgart 1928) – eingeflossen. Sie forderte Stein, mit dem sie in einem vertrauensvollen Verhältnis stand, auch dazu auf, Näheres über die historischen Hintergründe, in denen sie selbst als aus dem Norden stammender Ratgeber an der Seite von Papst Nikolaus I. im 9. Jahrhundert gestanden hatte, zu erforschen, wie ein unveröffentlichter Briefwechsel dokumentiert. Albert Steffen, der den entscheidenden Nikolausvortrag Rudolf Steiners vom 1. Oktober 1922 (GA 216) in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ referierte, gewährte sie nach dem Tode Steiners Einblick in gewisse Post-mortem-Mitteilungen vonseiten ihres verstorbenen Gatten. Die Gestalt des „Umi“ in Steffens Stück „Chef des Generalstabs“ ist aus dieser Quelle entstanden. Eliza von Moltke sah ihr Vertrauen getäuscht und rechnete dieses Stück zur Gegnerliteratur gegen Moltke, da es entscheidende Punkte in verzerrter Form wiedergebe; indem es zum Beispiel den Eindruck erwecke, der Generaloberst hätte die Gepflogenheit gehabt, den Geisteslehrer von sich aus zu Vorträgen in sein Haus einzuladen.

Im Juli 1926 fuhr sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten in ihre schwedische Heimat. An ihren ältesten Sohn schrieb sie: „Ich habe unendlich viel von dieser Reise, jetzt kann und darf ich mir erlauben, das Heimatgefühl voll in mir auferstehen zu lassen, nachdem ich meine übernommenen Pflichten Deutschland gegenüber erfüllt habe.“ (Moltke 1997/98)

Im Sommer 1928 unternahm Eliza von Moltke die beschwerliche Reise nach London, um an der von Daniel Nicol Dunlop organisierten Weltkonferenz für Anthroposophie teilzunehmen.

Ende der 20er-Jahre wurden im Kreise Eliza von Moltkes – manchmal in Anwesenheit von Walter Johannes Stein – gelegentlich Séancen durchgeführt, bei denen u.a. durch ihre Tochter Astrid vermittelte Post-mortem-Mitteilungen Rudolf Steiners protokolliert wurden. An diesen Mitteilungen hatte Ita Wegman ein Interesse, was einen bisher unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Eliza von Moltke, Ita Wegman und Walter Johannes Stein veranlasste. Mit Ita Wegman verband sie auch die Liebe zum Heilen. Astrid Bethusy schreibt: „Meiner Mutter wurden viele Kranke in den Weg geführt, und sie hat oft mit ihren starken magnetischen Kräften und durch den Einfluss ihrer Persönlichkeit helfen können. Auch da kannte sie keine Schonung und war Tag und Nacht für die Menschen da.“

Und noch ein anderes Charakteristikum: „Man sah sie nie ohne Beschäftigung. Stunden um Stunden bis tief in die Nacht hat sie Vorträge von Rudolf Steiner, die nicht zu kaufen waren, abgeschrieben, mit ihrer klaren, schönen Handschrift. Viele Stunden saß sie am Webstuhl oder sie entwarf Filetmuster oder stickte im Rahmen die wunderbaren Weißstickereien, die von einer künstlerischen und manuellen Vollendung waren.“ (Erinnerungen, unveröffentlicht)

Eliza von Moltke starb am 29. Mai 1932 in Ambach am Starnberger See. Walter Johannes Stein, der sie noch am Krankenlager besuchte, hielt eine interne anthroposophische Gedenkansprache in Stuttgart (unveröffentlicht).

Thomas Meyer


Werke: als Herausgeberin: Generaloberst Helmuth von Moltke – Erinnerungen, Briefe, Dokumente 1877–1916, Stuttgart 1922; „Die Sehnsucht nach dem Norden“, Ein Brief an ihren ältesten Sohn, in: Eä 1997/1998, Nr. 8; „Hier habt ihr die Wahrheit“, Über die Beziehung zwischen Rudolf Steiner und Helmuth von Moltke und über Albert Steffens Stück „Der Chef des Generalstabs“, in: Eä 2000/2001, Nr. 8.
Literatur: Bethusy-Huc, A. (geb. von Moltke): Erinnerungen (unveröffentlicht); Grone, J. v.: Die Marneschlacht, Stuttgart 1934; ders.: Helmuth von Moltke und Rudolf Steiner – authentische Aussagen, Stuttgart 1972, unter dem Titel „Das Licht vom Ende des Jahrhunderts“ auch in: Eä 1998/99, Nr. 2/3; Tautz, J.: Walter Johannes Stein – eine Biografie, Dornach 1989; Meyer, T. [Hrsg.]: Helmuth von Moltke – Dokumente seines Lebens und Wirkens. Mit Beiträgen von Jürgen von Grone, Jens Heisterkamp, Johannes Tautz u. a., Bd. I/II, Basel 1993; Meyer, T.: Pfingsten in Deutschland – ein Hörspiel um die deutsche Schuld, Basel 2001.




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