Hermann Mahle
Mahle, Hermann

Industrieller.

*06.01.1894 Stuttgart (Deutschland)
†04.11.1971 Ebersteinburg (Deutschland)



Hermann Mahle leistete mit der Gründung der „Mahle-Stiftung“ einen wesentlichen Beitrag zu einer neuen Eigentumsordnung für Wirtschaftsunternehmen, zur Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und zur Förderung der anthroposophischen Bewegung. Er war ein zielstrebiger und außerordentlich erfolgreicher Unternehmer, der sein geistiges, religiöses und soziales Streben mit seinem beruflichen Wirken konsequent zu verbinden wusste.

Hermann Mahle wurde in Stuttgart als achtes Kind von elf Geschwistern geboren. Zwei Jahre nach ihm kam sein Bruder Ernst zur Welt, mit dem er lebenslang ein besonders enges Verhältnis hatte und beruflich intensiv zusammenarbeitete. Ihr Vater war Oberingenieur und Betriebsleiter in einer Stuttgarter Maschinenfabrik. Nach dem Schulbesuch, der kaufmännischen Lehre und einem Jahr als Handlungsgehilfe schloss er ein einjähriges Studium am Technikum für die Textilindustrie in Reutlingen mit dem Diplom für Strickerei und Wirkerei ab. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitete er bei der Firma Miltsch in Apolda.

Während des Krieges war Hermann Mahle vier Jahre Soldat in Polen und in Belgien, wurde mehrmals verwundet und geriet 1916 in englische Gefangenschaft, aus der er im Dezember 1918 in die Heimat zurückkehrte. Im Revolutionsjahr 1919 erlebten die Brüder Mahle Rudolf Steiner bei seinen Vorträgen über die soziale Frage und Anthroposophie im Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart – beide wurden Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. 1922 heiratete Hermann Mahle die Ärztin Johanna Renz, aus ihrer Ehe sind drei Töchter und ein Sohn hervorgegangen.

Nach einer Tätigkeit als Kaufmann bei der Firma Contessa (Zeiss-Ikon) in Stuttgart-Heslach trat Hermann Mahle 1920 als Kaufmann in die Firma Hirth Versuchsbau in Bad Cannstatt ein, die mit ihm nur sieben Mitarbeiter zählte und u. a. Motorenkolben herstellte. 1922 kam sein Bruder Ernst hinzu, der sein Studium an der Technischen Hochschule in Stuttgart als Diplomingenieur abgeschlossen hatte. Damit begann die einzigartige brüderliche Zusammenarbeit im gemeinsamen Büro. Ernst Mahle machte zahlreiche Erfindungen, hatte viele Patente und entwickelte neue Herstellungsverfahren, die in Verbindung mit den kaufmännischen Fähigkeiten von Hermann Mahle die Grundlage für die spätere erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens schufen. Hellmut Hirth hatte im Jahre 1922 mit der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron in Frankfurt die Elektron-Metall GmbH gegründet. 1926 verkaufte er seine Anteile an die IG-Farbenindustrie, worauf Hermann Mahle zum Geschäftsführer von Elektron-Metall bestellt wurde. 1932 konnten die beiden Brüder das Unternehmen erwerben und der gemeinsame Aufbau des Unternehmens zu einem der bedeutendsten Kolbenhersteller begann. Zu dieser Zeit wurden außer Motorkolben Druckgussteile, Flugzeugfahrwerke und Filter hergestellt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gründeten die Brüder zur Unterstützung und zusätzlichen Altersversorgung der Mitarbeiter den Mahle-Rentenverein und 1937 die gemeinnützige Mahle-Siedlung, der 1968 108 Häuser mit 401 Wohnungen für Mitarbeiter gehörten. Während der Kriegs- und Nachkriegszeit gingen 60% der Unternehmenssubstanz durch Luftangriffe und Demontagen verloren.

Nach dem Kriege wurde das Unternehmen von einem Treuhänder geführt, bis Hermann Mahle 1948 den weiteren Auf- und Ausbau fortsetzen konnte. In der Zwischenzeit arbeitete er in einer Schreinerei und besuchte einige Monate zusammen mit Friedrich Benesch das Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart. Ernst Mahle hatte sich entschlossen, mit seiner Familie nach Brasilien zu gehen, um dort beim Aufbau einer Kolbenfabrik mitzuwirken. So musste Hermann Mahle das Unternehmen ohne seinen Bruder mit einer neuen Führungsmannschaft weiter aufbauen. Er ließ Schulungen seiner leitenden Mitarbeiter durch Berater des von Bernard Lievegoed gegründeten N. P. I. durchführen, beteiligte sich an den anthroposophischen Aktivitäten in Stuttgart und nahm an dem von Fritz Götte geleiteten und von Hanns Voith organisierten „Heidenheimer Kreis“ teil. Hier begegnete ihm die von Prof. Strickrodt vertretene Idee der Stiftung als Unternehmensform, was etwas modifiziert im Jahre 1964 zur Gründung der Mahle-Beteiligungen GmbH (Mabeg) und der Mahle-Stiftung GmbH führte. Auf die Stiftung übertrugen die beiden Brüder mit Zustimmung ihrer Kinder schenkungsweise 99,9% und auf die Mabeg 0,1% ihrer Firmenanteile, wobei der Mabeg die alleinige Verantwortung für die Führung der Unternehmen übertragen wurde.

Schon vor der Gründung der Stiftung unterstützte Hermann Mahle zahlreiche anthroposophische Einrichtungen und ermöglichte u. a. den Erwerb des Gebäudes des Freien Jugendseminars in Stuttgart. Mit der Stiftung verfolgten die Brüder Mahle einerseits das Ziel, durch die Neutralisierung des Kapitals sicherzustellen, dass das Unternehmen nicht durch Erbteilungen zersplittert wird; auch sollte die Stiftung nur einen geringen Anteil am Gewinn erhalten, um den Erhalt und die Entwicklung des Unternehmens zu sichern. Andererseits sollten durch die Stiftung gemeinnützige Zwecke vor allem auf dem Gebiete der anthroposophischen Medizin, der Waldorfpädagogik, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der allgemeinen Volks- und Berufsbildung sowie der Wissenschaft und Forschung gefördert werden. Ein Hauptziel der Stifter war die Errichtung eines gemeinnützigen Krankenhauses für die anthroposophisch erweiterte Medizin – es wurde 1975 mit der Eröffnung der Filderklinik erreicht.

Ehe sich die Brüder Hermann und Ernst Mahle 1971 aus der Unternehmensleitung zurückzogen, fassten sie die bisher selbstständigen Mahle Unternehmen im Wege der Umwandlung zur Mahle GmbH zusammen; sie zählte 1971 bereits mehr als 6000 Mitarbeiter. Am 4. November 1971 ist Hermann Mahle nach einem erfüllten Leben in Ebersteinburg gestorben.

Heute ist der Mahle-Konzern mit über 30.000 Mitarbeitern (2002) als weltweit führender Systemanbieter für Kolben und Motorkomponenten, Filter- und Ventiltriebsystemen auf vier Kontinenten mit 65 Werken vertreten (s. Festschrift „ MAHLE Innovation – der Motor der Geschichte 1920–2002“).

Dietrich Spitta


Werke: Beitrag in EK.
Literatur: Schühle, E. Hermann Mahle, in: MaD 1972, Nr. 99; Kacer-Bock, G.: Einweihung der Filderklinik, in: MaD 1975, Nr. 114; Spitta, D.: Die Problematik des Privateigentums an Unternehmen, in: Leber, S. [Hrsg.]: Eigentum (Sozialwissenschaftliches Forum, Bd. 5), Stuttgart 2000.




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