Wilhelm Schmundt
Schmundt, Wilhelm

Waldorflehrer, Sozialwissenschaftler.

*10.01.1898 Metz/Lothringen (damals Deutschland)
†23.04.1992 Hannover (Deutschland)



Wilhelm Schmundt gehört zu den wichtigen goetheanistischen Forschern des 20. Jahrhunderts auf physikalischem wie auf sozialwissenschaftlichem Felde. Besonders durch die Verbindung mit Joseph Beuys haben seine sozialwissenschaftlichen Forschungsergebnisse Verbreitung und Akzeptanz gefunden.

Wilhelm Schmundt wurde im damals deutschen Metz in eine ostpreußische Offiziersfamilie geboren. Er durchlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Mit 17 Jahren kam er zum Militär und hatte es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Kompanie-Führer in einem brandenburgischen Füsilierregiment gebracht. Selbst verwundet, erlebte er an der Westfront die Grauen dieses Krieges. Durch diese Erfahrungen stand deutlich vor Wilhelm Schmundt, welchen Charakter das heraufziehende Jahrhundert annehmen würde.

Schon im Dezember 1918 begann er das Studium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Dankbar nahm er von seinen „vorzüglichen Lehrern“ die Einführung in die höhere Mathematik, die Mechanik und die Elektrizitätslehre auf. Durch Kommilitonen fand er schnell Anschluss an die Jugendbewegung der Wandervögel. Dort wurden u. a. die Arbeiten von Silvio Gesell, Damaschke und anderen Sozialreformern studiert. Auch Rudolf Steiners „Kernpunkte der sozialen Frage“ nahm man sich vor. Auch seine spätere Gattin lernte er dort kennen, mit der er zwei Söhne und eine Tochter hatte.

Nach dem Diplom-Abschluss des Studiums blieb Schmundt noch für zwei Jahre als Assistent am Institut für angewandte Physik an der Technischen Hochschule. Dort lernte er durch den Doktoranden Werner Noethling (Virusforschung) gemeinsam mit Erwin Heisenberg, dem Bruder des Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, und deren beiden späteren Lebensgefährtinnen die Anthroposophie kennen. 1926 besuchte er das erste Mal das Goetheanum anlässlich einer Tagung der Jugendsektion und schloss sich der Freien Anthroposophischen Gesellschaft an.

Aufgrund der Erkenntnistheorie Steiners begann Schmundt die im Studium und der Hochschultätigkeit erworbenen Kenntnisse der Physik, mit dem Schwerpunkt in der Thermodynamik, zu durchleuchten. Er lernte das Unbefriedigtsein an den positivistischen Ergebnissen, die die Frage nach dem Wesen der Sache ausklammerten, mit dieser Methodik begrifflich verstehen.

Mit Ende 20 gründete er eine Familie und übernahm eine erste Tätigkeit in der Industrie als Ingenieur in der „Ostpreußenwerk-Aktiengesellschaft“ in Königsberg. In den folgenden sieben Jahren wuchs Wilhelm Schmundt zunächst als Oberingenieur, dann als Handlungsbevollmächtigter mehr und mehr in die technische und wirtschaftliche Leitung der Elektrizitätsversorgung Ost- und Westpreußens hinein.

Rundbriefe, die Ende der 20er-Jahre von Bernhard Behrens (Hamburg) verschickt wurden, regten Wilhelm Schmundt an, sich mit den Fragen des Geldes und des Kapitals zu beschäftigen. Von dem Industrieunternehmer und SS-Offizier Nitschmann wurde er dazu aufgefordert, seine wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen im ostpreußischen „Kampfbund deutscher Architekten und Ingenieure“ darzustellen. An vielen Orten Ostpreußens stellte Wilhelm Schmundt anschließend das von ihm auf der Grundlage der Dreigliederung des sozialen Organismus Erarbeitete dar. Erst Mitte 1934 wurde Nitschmann und auch Wilhelm Schmundt deutlich, dass die nationalsozialistische Führung etwas völlig anderes im Sinn hatte, und Wilhelm Schmundt begann nach anfänglicher Enttäuschung darüber, dass keine der leitenden Persönlichkeiten diese für ihn so evidenten Ideen aufgriff, die Unvereinbarkeit der nationalsozialistischen und der anthroposophischen Intentionen zu verstehen.

Wilhelm Schmundt war zum Direktor des Ostpreußenwerkes aufgestiegen und zuletzt als technischer Direktor in der Ukraine tätig. 1940 lernte er den in der Elektrizitätsversorgung Schleswig-Holsteins tätigen Anthroposophen Hans-Georg Schweppenhäuser kennen, woraus sich eine fast ein halbes Jahrhundert dauernde Freundschaft entwickelte. Dass ihre sozialwissenschaftlichen Ansätze und Ergebnisse unvereinbar miteinander scheinen, tat dieser Freundschaft keinen Abbruch. Wegen seiner leitenden Tätigkeit in der Elektrizitätsversorgung war Schmundt bis 1944 vom Militärdienst befreit. Kurz vor dem Kriegsende kam er für kurze Zeit zum Stabe von General Dornberger und seinem Raketenfachmann Professor Werner von Braun zunächst in Penemünde, dann im Allgäu, danach in französische Kriegsgefangenschaft und schließlich auf die Schwäbische Alb, wohin die Familie aus Ostpreußen zu den Freunden Heisenberg geflüchtet war.

Von Ernst Weißert eingeladen, besuchte Wilhelm Schmundt 1946 die Ostertagung der Freien Waldorfschulen in Stuttgart. Wolfgang Rudolph bittet ihn eine Lehrtätigkeit an der Freien Waldorfschule Hannover in den Fächern Physik und Mathematik zu übernehmen – ohne pädagogische Vorbildung oder Erfahrung sagt er zu und hat Erfolg. Schmundt gibt auch sozialkundliche Kurse für die Schüler. Er war bis zur Pensionierung 1965 als Lehrer tätig.

Wilhelm Schmundt engagierte sich im Hannoveraner Zweig und im Arbeitszentrum der Anthroposophischen Gesellschaft, am Goetheanum sowohl innerhalb der Naturwissenschaftlichen wie auch der Sozialwissenschaftlichen Sektion. Schon 1950 erscheint in „Die Drei“ ein Aufsatz von ihm über die „Wandlung des Kapitalbegriffs“ aufgrund seines über 20-jährigen Umgangs mit Steiners Nationalökonomischem Kurs. In seinem Ansatz wählte Schmundt einen meditativen Gedankenweg, wie er sich ihm aus dem Studium von Steiners goetheanistischer Methode ergeben hatte. Er stieß damit auf den Widerspruch manches „Dreigliederers“, wie etwa seines Freundes Hans-Georg Schweppenhäuser. Zustimmung – zumindest in wesentlichen Teilen – fand er dagegen bei Rudolf Kreutzer, Fritz Götte, Folkert Wilken in Freiburg und dem Hamburger Waldorflehrer Hunold Graf von Baudissin. Letzterem widmete er dann auch sein umfassenderes Werk „Der soziale Organismus in seiner Freiheitsgestalt“, das als Studienmaterial der Freien Hochschule, Sektion für Sozialwissenschaft, von Herbert Witzenmann herausgegeben wurde. 1971 wurden seine Forschungsergebnisse im Bereich der Physik von Georg Unger als Sonderheft der „Mathematisch-Physikalischen Korrespondenz“ veröffentlicht: „Physikalische Miniaturen – ein Gedankenweg zum Bilden wirklichkeitsgemäßer Begriffe im Reich der Physik“.

Die eigentliche Rezeption der Schmundtschen Arbeiten erfolgte aber erst seit 1972 durch den Achberger Kreis. Dort fand auch auf dem Jahreskongress 1973 die entscheidende Begegnung mit Joseph Beuys statt, der danach die Schmundtschen Arbeitsergebnisse übernahm und in sein Werk integrierte. Das Beuyssche Oeuvre nach 1973 ist wohl nur zu verstehen unter Berücksichtigung dieser Begegnung mit Wilhelm Schmundt – Beuys nannte ihn „unseren großen Lehrer“. Viele Arbeiten wurden nun veröffentlicht, u.a. auch die mit einem Vorwort von Leif Holbaek-Hanssen aus Bergen/Norwegen versehenen „Zeitgemäßen Wirtschaftsgesetze“. Letzterer verfasste ein umfassendes wirtschaftswissenschaftliches Grundwerk in mehreren Bänden mit dem Schwerpunkt „Marketing“, in dem er die Forschungsergebnisse Wilhelm Schmundts in eigenständiger Weise rezipiert.

Schmundt wurde bald zu Vorträgen und Seminaren in ganz Mitteleuropa eingeladen und gab diese mit jugendlichem Schwung und Begeisterungskraft bis ins Jahr 1986 hinein. Seine Bescheidenheit auf der einen Seite, seine Urteilssicherheit und Souveränität auf der anderen Seite, sein Erleben und Vermitteln der Begriffe, die er als geistige Realität erfahren hat, haben eine große Wirkung bei vielen seiner Zuhörer hinterlassen. Am 23. April 1992 starb Wilhelm Schmundt in einem anthroposophischen Altersheim in Hannover.

Auch nach seinem Tod gibt es eine große Zahl von Menschen, die mit den Forschungsergebnissen Wilhelm Schmundts weiter arbeiten. So erschien in den 90er-Jahren noch eine ganze Reihe von Publikationen, die sich mit seinem Werk auseinander setzen. Ein Wilhelm Schmundt-Archiv wird in Wangen im Allgäu von Bernd Volk verwaltet.

Ulrich Rösch


Werke : Über die mathematische Struktur der Wärmephänomene, in: Locher-Ernst, L.: Spiritualisierung moderner mathematischer Vorstellungen, Dornach 1961; Forschung auf geistigem Gebiet, Kassel 1966; Der soziale Organismus in seiner Freiheitsgestalt, Dornach 1968, Wangen ³1993; Physikalische Miniaturen. Ein Gedankenweg, Dornach 1971; Auf dem Wege zur Idee des sozialen Organismus, Hannover 1971; Revolution und Evolution. Auf dem Wege zu einer Elementarlehre, Achberg 1973; Zeitgemäße Wirtschaftsgesetze, Achberg 1975, ²1980; Die Zeit und ihre Forderungen, in: Der Mensch in der Gesellschaft, Stuttgart 1977; Die Elementarlehre. Ein Briefwechsel als Dokumentation, Bd. I/II, Freiburg/Br. 1981; Erkenntnisübungen zur Dreigliederung des sozialen Organismus, Achberg 1982; Der soziale Organismus und das Soziale Hauptgesetz, in: Das Soziale Hauptgesetz, Stuttgart 1986; Die Assoziation als Gestaltelement des sozialen Organismus, in: Die wirtschaftlichen Assoziationen, Stuttgart 1987; Zwei Grundprobleme des 20. Jahrhunderts, Wangen 1988; Der Geldkreislauf als Organsystem des sozialen Organismus, in: Wesen und Funktion des Geldes, Stuttgart 1989; Übersetzung ins Englische erschienen; zahlreiche Beiträge in G, weitere in EK, Bau, DD, LE, Leh, MaK, N, Pfa, SaG, Trs.
Literatur : Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; „Wilhelm Schmundt-Archiv“ im Aufbau, in: No 1991, Nr. 1; Volk, B.: Wilhelm Schmundt, in: N 1992, Nr. 27, auch in: Leh 1992, Nr. 46; Rappmann, R.: Ein Wort zum Roten Faden, Liesehof, G.: Zum Tod von Wilhelm Schmundt, in: No 1992, Nr. 7/8; Rappmann, R. [Hrsg.]: Die Kunst des sozialen Bauens. Beiträge zu Wilhelm Schmundt, Wangen 1993.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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