Rudolf Lanz
Lanz, Rudolf

Jurist.

*18.07.1915 Budapest (damals Österreich-Ungarn)
†30.06.1998 São Paulo (Brasilien)





Rudolf Lanz setzte sich maßgeblich für die Entfaltung anthroposophischer Arbeit in Brasilien ein.

Er wurde am 18. Juli 1915 in Budapest als Kind deutscher Eltern geboren. Der Vater war Chemiker und Leiter einer bedeutenden pharmazeutischen Fabrik. Berufliche Veränderungen brachten Übersiedlungen nach Wien (1921–24) und Berlin (1924–29) mit sich und führten die Familie schließlich nach Genf. In den letzten Berliner Jahren war Rudolf Lanz Schüler des Staatlichen Französischen Gymnasiums und in Genf besuchte er das von Calvin gegründete Collège de Genève.

Nach dem Schulabschluss studierte er in Freiburg, München, London und Genf Jura und schloss 1935 mit der Licence en Droit ab. Es folgten zwei Jahre Tätigkeit in einer Anwaltskanzlei und im Jahre 1938 das Doktorexamen an der Universität Genf.

Durch das kultivierte Elternhaus hatte Rudolf Lanz besondere Anregungen auf dem Gebiet der Musik und des naturwissenschaftlichen Denkens bekommen; die bewusst erlebte internationale Atmosphäre Genfs trug zu einer Erweiterung des Horizontes bei, die französische Sprache und Kultur wurden ihm vertraut.

Rudolf Lanz hatte immer einen unbändigen Drang zum Lesen. Ziemlich wahllos beschäftigte er sich mit Tagesfragen, naturphilosophischen Problemen, Biologie, Physik, östlichen Religionen, Geschichte usw. Schon seit dem Alter von 16 Jahren galt seine größte Bewunderung Nietzsche. Grundlage seiner damaligen Weltanschauung war ein undogmatischer Materialismus, in die aber Autoren wie Schopenhauer, Bergson, Schweitzer allmählich Breschen schlugen.

Inzwischen waren in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Obgleich der Vater jüdischer Abstammung war, befand sich die Familie in der Schweiz in relativer Sicherheit. Als deutscher Staatsbürger war Rudolf Lanz aber militärdienstpflichtig. Als ein Einbürgerungsgesuch von den Schweizer Behörden trotz 10-jährigen Aufenthaltes abgelehnt wurde, fasste er den Entschluss, möglichst fern von den drohenden politischen Komplikationen sein Leben aufzubauen. Die Wahl fiel, eigentlich ohne ersichtlichen Grund, auf Brasilien.

Auf der Überfahrt (März 1939) entpuppte sich der Kabinengenosse von Rudolf Lanz als Anthroposoph. Es ergaben sich endlose Unterhaltungen, die nach der Ankunft in Brasilien fortgesetzt wurden. Rudolf Lanz wählte São Paulo als seinen Wohnort und verdiente sich den Lebensunterhalt als Angestellter in der kaufmännischen Branche, was ihm aber gar nicht lag. 1941 trat er in die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft ein. 1942 heiratete er Mariane, die bis zu ihrem Tode im Jahre 1987 seine treue Begleiterin auf allen seinen Wegen war. Die folgenden Jahre des Existenzaufbaus waren auch solche eines intensiven, gemeinsamen Studiums der Anthroposophie. Der Ehe entstammten drei Kinder.

In der Mitte der 50er-Jahre kam die Idee der Gründung einer Waldorfschule auf, gedacht als ein Geschenk von vier Ehepaaren aus Europa, die auf diese Weise Brasilien für die Möglichkeit, in diesem Land eine neue Existenz gefunden zu haben, danken wollten. Allerdings waren weder Lehrer noch Schüler vorhanden, es musste erst das Interesse von – ausschließlich nicht anthroposophischen – jungen Eltern für eine gänzlich unbekannte Pädagogik geweckt werden. Rudolf Lanz setzte sich sehr stark dafür ein, hielt Vorträge, um eine Elternschaft und auch einige junge brasilianische Lehrer zu begeistern. Die Gründungslehrer kamen aus Deutschland und die Schule begann 1956 mit 28 Schülern.

Inmitten einer Schulkrise wurde Rudolf Lanz 1959 gebeten, den Vorsitz des Trägervereins zu übernehmen, den er dann 23 Jahre lang innehatte. Langsam wurde die Schule, die ganz deutschsprachig begonnen hatte, in die portugiesische Landessprache übergeführt. Rudolf Lanz sah es als seine besondere Aufgabe an, die Anthroposophie den Brasilianern zugänglich zu machen. Daher ergaben sich ihm folgende Aufgaben, die er zunächst ehrenamtlich, neben seinem Beruf ausführte: erstens Vorträge und Arbeitsgruppen für Lehrer, Eltern und sonstige Interessenten in der Landessprache. Daraus entstand eine ausgedehnte Vortragstätigkeit, auch außerhalb São Paulos. Zweitens die Übersetzung von anthroposophischen, insbesondere pädagogischen, Büchern von Rudolf Steiner und einer wachsenden Sekundärliteratur. Dies führte später zur Gründung eines Verlages, der Editora Antroposofica. Ferner ergab sich die Notwendigkeit, Waldorflehrer aus dem Land heranzubilden. So hat er 1970 das Pädagogische Seminar gegründet, in dem nicht nur für brasilianische Schulen und Institutionen Mitarbeiter ausgebildet wurden, sondern während vieler Jahre auch für andere lateinamerikanische Länder. Bei der Gründung und Leitung dieses Seminars war seine Frau eine unermüdliche und kompetente, mittragende Kraft.

1972 war aus einer von ihm gegründeten und geleiteten Arbeitsgruppe der erste ganz auf Portugiesisch arbeitende Zweig entstanden und im Jahre 1982 konstituierte sich die brasilianische Landesgesellschaft, deren Vorsitz er übernahm.

Schon 1968 konnte sich Rudolf Lanz aus seinen beruflichen Zusammenhängen definitiv lösen und sich durch die großzügige Zuwendung eines der Freunde der Gesellschaft, der ihm seinen Lebensunterhalt sicherte, ganz der anthroposophischen Arbeit widmen. Daraufhin übernahm er den Unterricht mehrerer Fächer (Deutsch, Musikgeschichte, Philosophie, Architekturgeschichte, Ästhetik, die Parzival-Epoche) in der Oberstufe der Escola Rudolf Steiner de São Paulo (heute Escola Waldorf Rudolf Steiner) und konnte sich intensiv auch dem Unterricht in der Lehrerausbildung zuwenden. Daneben liefen die Übersetzungen und eine intensive Vortragstätigkeit in der Öffentlichkeit, an Universitäten und auch in anderen Ländern Lateinamerikas weiter.

Um Anthroposophie und Waldorfpädagogik einem größeren Menschenkreis zugänglich zu machen, hielt er es für erforderlich, dem Portugiesisch sprechenden Publikum einige Bücher einführenden Charakters anzubieten. So veröffentlichte er u. a. Schriften zu folgenden Themen: Grundbegriffe der Anthroposophie, eine Einführung; Die Waldorfpädagogik: ein Weg zu einem humaneren Unterricht; Weltgeschichtliche Streifzüge im Lichte der Anthroposophie; Von Goethe zu Steiner; Weder Kapitalismus noch Sozialismus, der soziale Organismus.

Diese Bücher haben ihren Weg zu tausenden von brasilianischen Lesern gefunden; einige sind auch ins Spanische übersetzt worden.

Nach einem 1975 erlittenen Herzinfarkt musste sich Rudolf Lanz, der sonst eine hervorragende Gesundheit hatte, 1976 einer Herzoperation unterziehen; 1990 folgte eine zweite. Er war aber nach wie vor ganz seiner Arbeit hingegeben. Noch wenige Wochen vor seinem Tod schloss Rudolf Lanz eine Epoche in der Lehrerausbildung sowie auch einen öffentlichen Einführungskurs in die Anthroposophie ab und übergab seiner Tochter das fertige Manuskript seiner letzten Übersetzung. Am 30. Juni 1998 versagte das müde Herz; Rudolf Lanz durfte, umgeben von seinen drei Kindern, von diesem reichen und erfüllten Leben Abschied nehmen.

Sonia Setzer


Werke: A pedagogia Waldorf – caminho para um ensino, São Paulo 1979;
A pedagogia Waldorf e a televisão, São Paulo ²1981; Noçoes básicas de
antroposofia, São Paulo 1983; Passeios através de história à luz de
antroposofia, São Paulo 1985; Do Goetheanismo a filosofia de libertade à
filosofia de libertade, São Paulo 1985; Antroposofia, ciência espiritual moderna,
São Paulo 1989; Nem capitalismo, nem socialismo. A organizacão social, São
Paulo 1990; Übersetzungen ins Spanische erschienen; Beiträge in Elo.
Literatur: Cardoso, J.: Uma presença indelével, in: ChG 1998, Nr. 32;
Böhringer, I.: Rudolf Lanz, in: N 1998, Nr. 36/37.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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