Käthe Weizsäcker
Weizsäcker, Käthe
geb.: Hoss

Ärztin, Psychotherapeutin.

*30.06.1903 Stuttgart (Deutschland)
†18.06.1997 Stuttgart (Deutschland)



Käthe Weizsäcker-Hoss war die erste anthroposophische Ärztin, die als psychoanalytisch geschulte und durch C. G. Jung autorisierte Psychotherapeutin eine Verbindung von Anthroposophie und Psychotherapie in ihrem therapeutischen Handeln zu realisieren suchte.

Früh vaterlos, schlägt Käthe sich mit Fleiß, Freiplatz und Hilfe bis zur mittleren Reife durch. Sie erlebt Rudolf Steiner 1919 in Stuttgart in einem Vortrag über Soziale Dreigliederung. Sie verdient den Lebensunterhalt für ihre Familie, besucht einen tiefenpsychologischen Arbeitskreis, wird 1925/26 Krankenschwester. Sie wäre lieber Ärztin und kehrt an ihre alte Schule zurück, macht Abitur und studiert in Tübingen, München und Freiburg. In der vorklinischen Zeit arbeitet sie in einem tiefenpsychologisch geführten Kinderheim. Sie macht Lehr- und Kontrollanalysen bei Schülern C. G. Jungs. Während der Eranos-Tagung 1934 autorisiert Jung sie, Psychotherapien in seinem Sinne durchzuführen: „Aber ich bin kein Jungianer geworden, wie ich überhaupt kein -ianer bin.“ Nach homöopathischer und anderen Weiterbildungen eröffnet sie eine eigene Praxis in Berlin. Sie heiratet 1940, zwei Töchter hat sie 1941 und 1946 geboren. Ab 1944 führt sie eine allgemeinärztliche, schulärztliche und psychotherapeutische Praxis in Tübingen, immer mit Blick auf Salutogenese: „Am stolzesten bin ich auf die verhinderten späteren Psychotherapien.“

Die Anthroposophie begegnet ihr wieder bei einer Arbeitstagung anthroposophischer Ärzte. 1950 erfolgt die Scheidung und der Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft und die Christengemeinschaft, bald darauf wird sie Mitglied der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. 1950–57 erscheinen erste Notizen zu „Psychotherapie und Anthroposophie“. 1964 hält sie ein erstes Referat bei den Psychiatrischen Hochschulwochen am Goetheanum und sie intensiviert ihre anthroposophisch-psychotherapeutische Praxis. 1978 ist sie Mitbegründerin des Instituts für anthroposophisch orientierte Psychotherapie, in dessen Initiativkreis sie bis 1988 mitarbeitet. 1996 übersiedelt sie ins Haus Morgenstern; dort trifft sie ihren Institutskollegen Paul von der Heide wieder. Acht Monate später stirbt sie.

Den Menschen, mit denen Käthe Weizsäcker an ihrer „Ich-Findung“ arbeitete, kam ihre unabdingbare und unverbrüchliche psychotherapeutische Haltung entgegen; aber innerhalb der anthroposophischen Kollegenschaft rüttelte diese Haltung an vielen vorgefassten Einstellungen und Grenzen. In diesem Kontext ihre Haltung in lebendiger Verbindung zu dem als Lehrer auch einer richtig verstandenen Psychotherapie empfundenen Rudolf Steiner konsequent durchgetragen zu haben ist ihr Verdienst. Sie arbeitete mit der realen Existenz des zweierlei Bösen: dem Doppelgänger als eigenständiger geistiger Wesenheit des Menschen außerhalb seiner selbst und nicht als innerseelischem Schatten, und dem Ich, das immer nur in der Gegenwart anwesend ist. Sie behandelte noch Neurosen (die es heute kaum noch gibt) und sie war ein Meister des weiterführenden Wortes im therapeutisch richtigen Moment. Wie sie etwas benannte, blieb als innerer Leitfaden, oft tröstlich, aktuell: „Psychotherapie ist im Wesentlichen Nachreifung.“ – „Projektionen macht man nicht; man findet sie vor.“ – „Die Sache mit dem Vater ist immer auch die Sache mit dem Gott-Vater.“ – „Man darf das Ideal von einer Beziehung nicht mit der Illusion verwechseln.“ – „Ja, ,Wachsweh’ haben wir das Wehtun des Wachstums früher genannt.“

Käthe Weizsäcker hat es geschafft, das Handwerkszeug der fundierten tiefenpsychologischen Psychotherapie und die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners in ihrer Seele zu vereinen und miteinander in ein persönliches, lebenslanges inneres Gespräch zu bringen, dessen Früchte auf den seelisch erkrankten Patienten ungemein heilsam wirkten. Es war ihr allerdings nicht möglich, nicht einmal im Ansatz, die Anthroposophie unter der Fragestellung nach einer modernen Mysterienmedizin in Bezug auf das Fachgebiet der Psychodiagnostik und Psychotherapie zu bearbeiten. Das war nicht ihre Fragestellung, dazu hat ihre Kraft und Kompetenz nicht gereicht. So ist es in ihrem Leben dabei geblieben, dass sie anthroposophische Erkenntnisse mit ihrer psychotherapeutischen Methode, diese erweiternd, verbunden hat – dabei blieben weite Strecken dieses komplexen Gebietes von ihr undurchdrungen und zum Teil unverstanden. Es gehört zu den Aufgaben der nachgeborenen Kollegen, an diesen Forschungsfragen weiterzuarbeiten. Käthe Weizsäcker hat die Bemühungen der Nachkommenden zutiefst begrüßt und mit ihrer wärmsten Anteilnahme bis an ihr Lebensende unterstützt.

Cordula Falt


Werke: Psychotherapie und Anthroposophie. Aus der Lebenserfahrung, in:
Therapie seelischer Erkrankungen, Stuttgart 1979; Psychotherapie und
Anthroposophie, Stuttgart 1986; Beiträge in BeH, CH.
Literatur: Autorenvorstellung, Vorwort von P. von der Heide und Einleitung in:
Psychotherapie und Anthroposophie, Stuttgart 1986.




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