Walther Bühler
Bühler, Walther Michael

Arzt.

*02.04.1913 Homburg/Saar (Deutschland)
†14.10.1995 Unterlengenhardt (Deutschland)





Walther Bühler war einer der maßgeblichen und wortmächtigen goetheanistisch denkenden und forschenden Vertreter der anthroposophisch-medizinischen Bewegung. Als Mensch war er gütig, humorvoll, lebensfreudig, mit einem großen und geduldigen Verständnis für seine Mitmenschen. Klein von Gestalt, ruhig und zurückhaltend wirkend, entfaltete er als Redner keine rhetorischen Raffinessen, sondern zog das Publikum durch seine in aller Ruhe und Souveränität vorgetragenen Gedanken und bilderreichen Beschreibungen in Bann. Er verstand es, wissenschaftliche Fakten und Zusammenhänge allgemein verständlich darzustellen und darüber hinaus einerseits ihre – meist materialistische – Begrenztheit und gleichzeitig ihre anthroposophische Erweiterungsmöglichkeit und -notwendigkeit deutlich werden zu lassen. Dabei bewegte er sich langsam um sein Thema, wie mit Gedanken und Worten plastizierend, bis am Ende eines Vortrags eine erkennbare, nachvollziehbare Gestalt der entwickelten Gedanken im Raum stand. Mit dieser Vortragskunst hat Walther Bühler viele Menschen mit der Anthroposophie und der anthroposophischen Medizin vertraut gemacht. Dies war einer seiner großen Lebensimpulse: Volkspädagogik.

Walther Michael Bühler ist im kleinstädtischen Homburg an der Saar als ältestes Kind von vier Geschwistern geboren. Sein Vater war Jurist und als Landrat eine angesehene Persönlichkeit im Ort. Seine Mutter war eine aufgeschlossene Frau, die über ihre Bekanntschaft mit dem anthroposophischen Arzt W. Engelen 1930 einen Vortrag Karl Heyers in Saarbrücken organisierte. Den 16-jährigen Walther nahm sie mit zu dem Vortrag. Obwohl eigentlich an Philosophie und Geschichte uninteressiert – Naturerscheinungen und Sterne faszinierten ihn weit mehr –, begleitete der Junge seine Mutter und es entwickelte sich aus dieser ersten Begegnung mit der Anthroposophie ein nicht mehr nachlassendes Interesse und Engagement. Am Ende des Vortrags musste seine Mutter für ihn, der zu schüchtern war, seine ihn bewegende Frage an den Redner stellen: „Gibt es die Sphärenharmonien wirklich?“ Die Antwort scheint einen Keim in ihm gelegt zu haben, der weiter wirkte.

Durch Engelens Einfluss entschloss sich Walther Bühler zum Medizinstudium und immatrikulierte sich 1932 in Freiburg. Hier schloss er sich einer aktiven anthroposophischen Studentengruppe an, zu der Gisbert Husemann, dessen Frau und Walter Holtzapfel gehörten. Mit ihnen entstand eine lebenslange intensive Freundschaft und anthroposophisch-medizinische Zusammenarbeit.

Einer seiner ersten Wege in Freiburg führte den jungen Studenten in die Universitätsbibliothek, wo er sich das Buch von Adolf Zeissig über den goldenen Schnitt besorgte. Walther Bühler hatte dieses Werk als Schüler bereits in der Bibliothek seines Vaters entdeckt, aber nicht gelesen. Seit er diesem Thema begegnet ist, hat es ihn nicht mehr losgelassen. In vielen Vorträgen und Kursen hat er fruchtbares Zeugnis davon abgelegt – bis hin zu seinem letzten Buch.

Während des Studiums, das er neben Freiburg in Basel, Würzburg und Berlin absolvierte, besuchte er Kurse von Ita Wegman am Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim. Nach Abschluss des Studiums, wieder in Freiburg, rief ihn Engelen 1939 als seinen Assistenzarzt an das von Eugen Kolisko begründete erste anthroposophische Sanatorium „Burghalde“ in Unterlengenhardt. Als die „Burghalde“ 1939 schließen musste, ging Bühler im Januar 1940 als Assistenzarzt nach Gnadenwald bei Hall (Tirol) und promovierte in diesem Jahr mit einer Arbeit, in der er Aussagen Rudolf Steiners über den Einfluss des Mondes auf die Geburt von Mädchen und Knaben untersuchen und verifizieren wollte. Bühler machte eine statistische Untersuchung mehrerer tausend Geburten und konnte in seiner Dissertation „Mondenwirksamkeiten in der Nativität“ nachweisen, dass bei zunehmendem Mond mehr Knaben, bei abnehmendem Mond mehr Mädchen geboren werden.

Seit 1940 beschäftigte sich Bühler neben der ihn schon immer interessierenden Astronomie auch mit Astrologie – angeregt durch eine der damals profiliertesten Astrologinnen Deutschlands, die seine Patientin war. Er testete das Erlernte an den Horoskopen seiner eigenen Familie und forschte nach Übereinstimmung mit den Karmadarstellungen Steiners.

1941 wurde Walther Bühler zum Kriegsdienst eingezogen und 1942 als Sanitätsoffizier nach Lappland beordert. Als Arzt für elf Kompanien, die weit verstreut im Einsatz waren, lernte er die nordische Landschaft, die Natur und die besonderen Licht- und Himmelserscheinungen kennen. Die Erfahrungen und Eindrücke der Jahre 1942–45 in Lappland/Finnland verarbeitete er in dem Buch „Nordlicht, Blitz und Regenbogen“.

Im April 1945 kam Bühler über Norwegen zurück in das eingeschlossene Berlin, mit einem letzten Verwundetentransport flog er nach Rostock und floh von dort über Heiligendamm nach Heiligenhafen, wo er in englische Kriegsgefangenschaft kam. Als Sanitätsoffizier hatte er freien Ausgang und besuchte Hans-Georg Schweppenhäuser in Rendsburg, der ihm eine Anstellung am Physiologischen Institut der Universität Heidelberg vermittelte. Dort traf er im Herbst ein und der erste Mensch, bei dem er sich vom Zug kommend nach dem Leiter des Physiologischen Instituts erkundigte, war die Tochter von Oskar Schmiedel. Die Medizinstudentin Gunda wurde 1947 seine Frau.

Neben seiner klinischen Fortbildung und späteren Praxisvertretung begann Bühler von Heidelberg aus mit seiner öffentlichen Vortragstätigkeit. 1949 folgte das junge Ehepaar dem Ruf an die wieder eröffnete „Burghalde“ nach Unterlengenhardt. Er übernahm die Leitung des klinisch-therapeutischen Instituts, zunächst mit Hans Heinrich Krause, ab 1952 mit Heinz-Hartmut Vogel. Gunda Bühler arbeitete als Assistenzärztin. Bereits 1953 aber fand die gemeinsame Arbeit an der „Burghalde“ ein Ende – Walther und Gunda Bühler gründeten eine neue klinische Einrichtung in Unterlengenhardt und 1957 öffnete das neu erbaute „Paracelsus-Krankenhaus“ seine Pforten. Zehn Jahre führte das Ehepaar Bühler gemeinsam das Haus mit 42 Betten.

In diesen Jahren hatte Walther Bühler seine von Heidelberg aus begonnene öffentliche Vortragstätigkeit weitgehend ausgesetzt, um sich ganz der klinischen Arbeit zu widmen – für die Patienten und Besucher seines Krankenhauses allerdings hielt er regelmäßig wöchentlich einen Vortrag. Bereits im Jahre 1946, drei Tage nach seinem 33. Geburtstag, hatte Walther Bühler einen Vortrag an der ersten anthroposophischen Medizinertagung nach dem Krieg gehalten; von 1950–92 gehörten seine Vorträge bei der alljährlichen Ostertagung der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte (früher Arbeitsgemeinschaft anthroposophischer Ärzte) zum festen und oft den Höhepunkt bildenden Bestandteil dieser Zusammenkünfte. Sein letzter Vortrag auf der Tagung 1992 war autobiografisch: „Aus meinem Leben – von der Führung des Engels“.

1955 begründete er zudem mit Eberhard Schickler, Margarete Kirchner-Bockholt und Margarethe Hauschka die alljährlich stattfindende „Heilberufe-Tagung“ in Stuttgart.

Er arbeitete im erweiterten Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, im Vorstand der von ihm mitbegründeten Arbeitsgemeinschaft anthroposophischer Ärzte/Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte und in dem von ihm selbst 1952 ins Leben gerufenen und mit Heinz-Hartmut Vogel begründeten „Verein für ein erweitertes Heilwesen“, dessen Namen er selbst noch wenige Tage vor seinem Tod in „Verein für ein anthroposophisches Heilwesen“ änderte. Im Rahmen seiner Tätigkeit in dieser Patientenorganisation war er Herausgeber der „Merkblätter für Soziale Hygiene“ und verfasste selbst zahlreiche dieser medizinisch-volkspädagogisch veranlagten Blätter. Darüber hinaus schrieb er Aufsätze für anthroposophische Zeitschriften, für die Weleda-Nachrichten und die Weleda-Korrespondenzblätter. Wie in seinen Büchern stehen medizinische, kosmologische und allgemein anthroposophische Themen im Mittelpunkt.

Besonders populär ist sein Büchlein „Der Leib als Instrument der Seele“, hervorgegangen aus vier Vorträgen, die er für Mitarbeiter der Weleda gehalten hatte.

Mit der Schrift „Das bewegliche Osterfest, Kalenderreform und Osterdatum als Problem des Rhythmus“ engagierte er sich als profunder Kenner astronomischer Gesetzmäßigkeiten gegen die damals geplante Kalenderreform – der Festlegung des Osterfestes auf ein fixiertes Datum – und setzte sich in der Öffentlichkeit erfolgreich für die Angemessenheit und Notwendigkeit des beweglichen Osterfestes ein.

1967 verließ Bühler das Paracelsus-Krankenhaus, zog nach Stuttgart und wurde hauptberuflicher Redner und Dozent für die Anthroposophische Gesellschaft. Er war es ein Vierteljahrhundert „mit Leib und Seele, ohne Mühen oder Anstrengungen zu scheuen“, wie seine Frau bemerkt.

Im Dezember 1992 wurde Bühler im 80. Lebensjahr durch einen Herzinfarkt aus seiner öffentlichen Vortragstätigkeit jäh herausgerissen. Es folgten noch zwei weitere Infarkte und andere gesundheitliche Probleme, sodass er sein goetheanistisch-wissenschaftliches Lebenswerk über den goldenen Schnitt mit klarem Geist seinem sehr geschwächten Körper abringen musste. Fast drei Jahre waren ihm noch geschenkt für diese Arbeit, in denen es ihm mithilfe seiner Frau gelang, im September 1995 die letzten Korrekturen dem Verlag abzugeben, sodass sein Werk „Das Pentagramm und der Goldene Schnitt als Schöpfungsprinzip“, von ihm selbst noch vollendet, nach seinem Tode erscheinen konnte.

An den Folgen eines Herzinfarktes starb Walther Bühler am 14. Oktober 1995 in dem von ihm begründeten Paracelsus-Krankenhaus in Unterlengenhardt.

Markus Treichler


Werke: Mondenwirksamkeiten in der Nativität, Freiburg i. Br. 1941; Nordlicht,
Blitz und Regenbogen, Dornach 1949, Frankfurt/M. 41982; Der Leib als
Instrument der Seele in Gesundheit und Krankheit, Stuttgart 1955, (12)1993;
Meditation als Erkenntnisweg, Stuttgart 1962, (4)1980; Die Sternenschrift
unseres Jahrhunderts, Stuttgart 1962; Das bewegliche Osterfest, Tübingen
1965, später: Geistige Hintergründe der Kalenderordnung, Stuttgart ²1978;
Der Mensch zwischen Übernatur und Unternatur, Nürnberg 1966; Die Sonne
als Weltenherz, Stuttgart 1966; Der Stern der Weisen. Vom Rhythmus der
Großen Konjunktion, Stuttgart 1983; Anthroposophie als Forderung unserer
Zeit, Schaffhausen 1987, ²1990; Das Maß des Regenbogens, Stuttgart 1993; Das Pentagramm und der Goldene Schnitt als Schöpfungsprinzip, Stuttgart 1996, ²2001; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische, Französische, Spanische, Rumänische, Niederländische und Bulgarische erschienen; zahlreiche Beiträge in MaD, weitere in BeH, CH, DD, EK, G, N, St, WKÄ, WNA.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Blücher, E. v.: Dr. med. Walther Bühler – ein Pionier, in: WB
1993, Nr. 1; Zum Tode von Dr. med. Walther Bühler, in: WNS 1995, Nr. 200;
Vogel, H.-H.: Das Leben – ein Weg, Schaffhausen 1995; Barkhoff, M.:
Walther Bühler gestorben, in: G 1995/96, Nr. 28; Glöckler, M.: Walther
Bühler im Alter von 83 Jahren verstorben, in: N 1995/96, Nr. 28; Brotbeck,
K.: Ein bedeutender Forscher, Arzt und Kosmologe, in: Ggw 1996, Nr. 1;
Bühler, G.-E.: Dr. med. Walther Michael Bühler, in: RMG 1996, Nr. 16; dies.:
Walther Michael Bühler, in: N 1996/97, Nr. 22; dies.: Walther Michael Bühler,
in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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