Marguerite Lundgren-Harwood
Lundgren-Harwood, Marguerite
geb.: Lundgren

Eurythmistin.

*05.10.1916 London (Grossbritannien)
†01.08.1983 Hamburg (Deutschland)



Januar 1966, auf der Bühne des Rudolf Steiner House in London. Im Sommer ist am Goetheanum die erste Welt-Eurythmietagung geplant. Marguerite Lundgren will für diese Gelegenheit die Geschichte von „Perceval and the Sangrail“ neu erarbeiten. Wir nehmen Vokale und eine eurythmische Konsonantenfolge und bewegen sie im dreiteiligen Schreiten. Durch diese Laute und das Schreiten soll das Wesen einer jeden Gestalt des Parzival-Dramas sichtbar werden – Menschen, Tiere, elementare und übersinnliche Wesen. Wie bewegt man sich und den Raum als Ritter aus König Arthurs Tafelrunde oder aber als Gralsritter oder gar als Galahad? Wo verankert sich die künstlerische Absicht im Physischen, wie entlässt man die Bewegung, oder auch nicht? Über Wochen wird geübt, um darauf die eurythmische Darstellung des von ?Owen Barfield bearbeiteten Textes aufzubauen. Marguerite Lundgrens eurythmisch-künstlerisches Anliegen: „Der Füße Wort“. Die Eurythmie kann die Schwere bewusst zum Ausdrucksmittel gestalten; das Stilgefühl, ausgedrückt im genauen Charakterisieren und Differenzieren; die strenge Hingabe und Ausdauer im Einüben der eurythmischen Möglichkeiten ...

Marguerite Lundgren wurde am 5. Oktober 1916 in London geboren. Ihr Vater war ein schwedischer Ingenieur, die Mutter Engländerin, deren Schwester in der von ?Margret Bennell gegründeten Steinerschule „Wynstones“ (Gloucester) tätig war. Durch sie kam Marguerite in die Michael-Hall-Schule, damals in Südlondon, verbrachte aber ihre Ferien in Schweden. Sie wuchs in zwei Sprachen und in zwei Ländern auf. Marguerite, intelligent, praktisch und zugriffig im täglichen Leben, strahlte Energie aus. Hinter dem sicheren Auftreten verbarg sich eine scheue Seite ihres Wesens, die sie oft nicht einfach im mitmenschlichen Umgang machte. In ihrer künstlerischen Person war sie souverän, mutig im Suchen und Versuchen von originellen eurythmischen Darstellungen. Nachdem sie in England bei Lieselotte Mann Eurythmie studiert hatte, kam sie 1946 an die Goetheanum-Bühne, wo ihre Originalität und ihre Begabung schnell erkannt wurden. ?Marie Savitch wurde ihre große Lehrmeisterin und förderte sie aufs stärkste. Diese enge Verbindung erstreckte sich über viele Jahre, vor allem im gemeinsamen Forschen für die Entwicklung der dramatischen Eurythmie.

Doch schon 1948 wurde Marguerite nach England zurückgerufen, um die eurythmische Arbeit von Vera und Judy Compton-Burnett weiterzuführen. Nun begann ihre eigentliche Aufgabe und die wunderbare Zusammenarbeit mit Owen Barfield, vor allem aber mit ?Cecil Harwood, den sie 1953 heiratete. Harwood besaß nicht nur hervorragende Kenntnisse der englischen Literatur, sondern war, wie sie, zutiefst mit Geist und Eigenart der englischen Sprache verbunden, er befeuerte ihre künstlerische Phantasie. Sie beherrschte die innere Präzision, ohne die das Erfassen des Raumes und der Beweglichkeit in der Musik und in der englischen Sprache mit ihren gemischten Vokalen, ihren beweglichen Rhythmen und Phrasierungen, ihren elementarischen Konsonanten nicht gestaltet werden kann. In der Arbeit, sei es mit Studenten oder mit der Bühnengruppe, verlangte sie diese gezielte Aufmerksamkeit. Man übte oft lange an einem Laut, an einem Übergang, bis der Wille mit der Bewegung eins wurde – und die Füße ergriff. Sie selbst war darin Meisterin und Vorbild. Im Laufe der Jahre wurden Menschen aus aller Welt von ihrer künstlerischen Einstellung und Ausdruckskraft angezogen und die Eurythmieschule in London florierte. Sie war oft in Skandinavien, den USA und Südafrika tätig und reiste mit der Bühnengruppe auf Tourneen in Europa und Nordamerika.

Cecil Harwood und Marguerite wohnten südlich von London in Forest Row. Ihr Haus und ihre Herzen waren stets offen für Freunde und Studenten. Zur Weihnachtszeit 1975 starb Cecil Harwood – ein nie ganz verwundener Verlust. Sie verlangte danach, für ihre Schule eine Stätte in stillerer, gesunder Umgebung zu finden. 1980 siedelte die Eurythmieschule in den Süden Englands um, in das von Bäumen umstandene Peredur. Doch konnte sie nur noch zwei Jahre auf der Bühne und in der Schule wirken; ihre Gesundheit ließ zusehends nach, obwohl sie jäh dagegen ankämpfte. Marguerite Lundgren starb am 1. August 1983.

Barbara Beedham


Literatur: Schwarz, I.: Marguerite Lundgren, in: N 1983, Nr. 45; Barfield, O.: A
Word about Marguerite Lundgren, in: NfG 1983, Nr. 6; Pracht-Loudon, A.:
Marguerite Lundgren-Harwood, in: RRM 1984, Nr. 14; Groot, C.: Marie Savitch,
Dornach 1989.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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