Eleonore Lory Maier-Smits
Maier-Smits, Eleonore Lory Clara Maria
geb.: Smits

Eurythmistin.

*06.03.1893 Höntrop,Westfalen (Deutschland)
†19.09.1971 Laufenburg am Rhein (Deutschland)













Eleonore (Lory) Smits empfing von Steiner 1912 die allerersten Unterweisungen zu der von ihm inaugurierten neuen Bewegungskunst Eurythmie. – Zwei Jahre lang widmete sie sich mit größter Intensität der Aufgabe, das Neue allein und voll verantwortlich auszuarbeiten und es dann innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft durch Aufführungen, Orientierungs- und Ausbildungskurse weithin bekannt zu machen. Sie bereitete damit der jungen Kunst eine Grundlage, auf der diese (auch während des Ersten Weltkrieges 1914–18) weiter bestehen und von Steiner weiterentwickelt werden konnte.

Lory war das zweite von sechs Kindern. Der Vater, Henri Felix Smits (1863–1911), war Bergwerksingenieur, weit gereist und weltoffen. Die Mutter, Clara Smits (1863–1948), hatte sich 1898 der Theosophie zugewandt. 1900 zog die Familie nach Düsseldorf. Auf Initiative der Mutter hin hielt Steiner von 1904 an Zweigvorträge im Hause Smits; 1907 horchte Lory einmal an der Türe. Steiner holte sie herein; von da an durfte sie alle seine Vorträge besuchen. – 1910 zog die Familie nach Haus Meer (heute Meerbusch).

Am 28. November 1911 starb der Vater unerwartet an Herzversagen. – Im Gespräch mit Steiner (15. Dezember in Berlin) erwähnte Clara Smits, dass ihre bewegungsfreudige Lory einen Beruf suche, ob man ihr zu Mensendieck-Gymnastik raten könne? Steiner: „Man könnte so etwas aber auch auf theosophischer Grundlage machen und ich bin gerne bereit, es Ihrer Tochter zu zeigen.“ (zitiert nach Siegloch 1993a, S. 22) Es werde nicht Bewegung zu Musik, sondern zum gesprochenen Wort sein. Er erklärte ihr Ursprung und Sinn der Sache und gab die erhellende Übung: „Sagen Sie Ihrer Tochter, sie solle Alliterationen schreiten; einen kräftigen, stampfenden Schritt auf den alliterierenden Konsonanten machen.“ (ebd., S. 25) – Lory übte täglich. Eine helle Zukunftsperspektive öffnete sich. – Ende Januar 1912 erhielt Smits von Steiner sieben vorbereitende Aufgaben, im März wurde sie Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, Ende Juli wirkte sie in München bei Steiners Inszenierung seines Mysteriendramas „Der Hüter der Schwelle“ mit.

Die ersten Unterweisungen für die Bewegungen zum gesprochenen Wort empfing Smits von Steiner in neun Unterrichtsstunden (16.–24. September 1912) in einem kleinen Zimmer in Bottmingen bei Basel im Beisein von Clara Smits, Mieta Waller und Marie von Sivers (Marie Steiner): „Sie müssen lernen, sich ein feines, differenziertes Empfinden für die einzelnen Laute anzueignen.“ (ebd., S. 52) Er notierte ihr in Stichworten Gebärde und Empfindungsgrundlage für alle Vokale und Konsonanten, zeichnete Reigentänze mit rhythmischen Schritten, choreografische Anweisungen für Grammatik und Inhalt poetischer Texte u. v. a. – Am Ende gab Marie von Sivers der Sache den Namen „Eurythmie“.

Es verdient die höchste Bewunderung, wie die 19-jährige Smits die Fülle des Neuartigen, sieben Monate lang ganz allein auf sich selbst gestellt, so einfühlsam in ihrer Seele bewegte und zu Gebärden gestaltete, dass sie eine überzeugende Eurythmie-Aufführung zeigen konnte, als Steiner und einige Gäste am 26. April 1913 in Haus Meer das Resultat ihres Übens wahrnahmen. Die Stimmung wurde gelöst und festlich, als er ihre Arbeit lobte, ihr wunderschöne neue Anweisungen gab, ihr freudig dankte und sie bat, das Ganze im August in München zu zeigen. Dort waren die Teilnehmer der Festspiele überrascht, als Steiner die neue Bewegungskunst ankündigte. Beschwingt, gekonnt und vielseitig repräsentierte Smits die Eurythmie: durch eine Aufführung am 28. August 1913, durch eurythmische Einstudierung des „Sylphengeisterchors“ (2. Bild des 4. Dramas), eigene eurythmische Mitwirkung in zwei Szenen und und durch Anregen der Festspielteilnehmer zu eigenem eurythmischem Tun in vielen Orientierungskursen („workshops“). Die Eurythmie wurde bekannt! –

Smits reiste von München direkt nach Stuttgart und an weitere Orte, gab Kurse für Erwachsene und Kinder. Oktober 1913 begann sie einen Ausbildungskurs für 6 Teilnehmerinnen; mit ihnen gestaltete sie zwei Aufführungen (18. Dezember 1913 in Köln, 19. Januar 1914 in Berlin), dann gaben alle Mitwirkenden Kurse in München, Leipzig, Hamburg usw., Tatiana Kisseleff wurde von Marie von Sivers nach Dornach berufen. Smits selbst arbeitete in Berlin, Kassel, vier Wochen in London, kam im Juni zurück und hatte große Pläne. Doch der Beginn des Ersten Weltkrieges machte diese zunichte. Familie Smits hatte vom Vater her belgische Staatsangehörigkeit, sie durfte acht Monate lang das Haus nicht verlassen und keine Gäste empfangen. Auch die anderen Eurythmisten erlebten Einschränkungen. In dieser Lage entschloss sich Marie von Sivers die Verantwortung für Pflege und Weiterentwicklung der jungen Kunst zu übernehmen. Sie lud Smits und zwei ihrer Schülerinnen, Erna Wolfram (Erna van Deventer-Wolfram) und Elisabeth Dollfus (Elisabeth Baumann-Dollfus), nach Dornach ein. Dort gab Steiner vom 18. August bis zum 11. September 1915 den vier Eurythmisten und zwei Gästen 17 reichhaltige Unterrichtsstunden, deren Höhepunkt die Darstellung der Beziehung der Planeten- und Tierkreiskräfte zur menschlichen Sprache, Körpergestalt und Gebärde war (12 Stimmungen). Smits fuhr nach Haus Meer, um das Neue auszuarbeiten, im Oktober nach Stuttgart, um es in ihren Kursen anzuwenden und mit Dollfus und Walter Donat für die Bühne zu gestalten. Sie wohnten in dem für anthroposophisch Tätige immer offenen Haus der Familie Maier und übten im nahen Zweighaus. Die Brüder Rudolf und Alfred Maier hatten schon 1913 in München die Eurythmie und die Lehrerin bewundert und sie zu ihren ersten Kursen nach Stuttgart eingeladen. Am 31. Mai 1917 fand die Hochzeit von Smits und Alfred Maier statt.

Anfang März 1918 bat Marie Steiner-von Sivers Maier-Smits, zu Aufführungen nach Berlin zu kommen. Als sie dort mit der Nachricht, dass sie ein Kind erwarte, eintraf, gab ihr Steiner den Rat, jede eurythmische Bewegung zu unterlassen. Sie fuhr nach Stuttgart zurück. Im November kam ihre Tochter zur Welt.

Von April bis Juli 1919 leistete Steiner in Stuttgart großen Einsatz, die Idee der „Dreigliederung des sozialen Organismus“ bekannt zu machen. Marie Steiner arrangierte dazu das erste öffentliche Auftreten der Eurythmie in Deutschland durch fünf große Aufführungen. Maier-Smits war freudig dabei. – Im August 1920 kam die zweite Tochter zur Welt.

Da ihre Töchter von ihrer Mutter und ihren drei Schwestern sehr liebevoll betreut wurden, konnte Maier-Smits sich von Dezember 1920 bis Mitte 1922 in Dornach ausschließlich der Eurythmie widmen. Ihre Erfahrung, Gründlichkeit und Ausdauer im Umgang mit den Anweisungen Steiners wirkten auf junge Anfänger vorbildlich. Trotzdem hatte sie Heimweh nach der Familie. Dann führte Steiner ein langes Gespräch mit ihr, das ihr eine große Hilfe zu ihrem weiteren Lebensweg war. Sie löste sich 1922 langsam aus der Eurythmiegruppe. Nun ließ sie ihre Fähigkeiten der Beweglichkeit, Durchhaltekraft und Selbstlosigkeit bei der Erziehung ihrer drei Kinder (1928 wurde der Sohn geboren) und für die sozialen und kulturellen Aufgaben im Rahmen der Industriebetriebe der Brüder Maier wirksam werden.

Später widmete Maier-Smits sich in völliger Zurückgezogenheit der Pflege ihres Mannes. Alfred Maier starb am 16. März 1958 in Laufenburg/Rh. Lory Maier-Smits fühlte, dass sich langsam wieder ein Freiraum für die Eurythmie bildete: Auf Einladung von Eurythmieschulen, Waldorfschulen, Zweigen schilderte sie ihren allerersten Eurythmie-Unterricht bei Steiner und zeigte noch als 70-Jährige mit unnachahmlicher Leichtigkeit und Präzision Gebärden, Rhythmen und Sprünge des Anfangs.

Als sie von Eva Froböse 1962 gebeten wurde, dies schriftlich zu dokumentieren, zögerte sie, tat es aber, als ihr klar wurde, dass alles, was sie an Anweisungen erhalten hatte, zum Nachlass Rudolf Steiners gehörte.

Im Frühjahr 1971 erlitt sie einen Schlaganfall, wurde liebevoll von der Familie gepflegt; sie verließ ihren Erdenleib am 19. September 1971 in Laufenburg/Rh. Die Urne wurde am Michaeli-Tag, dem 29. September, der Erde übergeben.

Magdalene Siegloch


Werke: Die Anfänge der Eurythmie, in: Krück von Poturzyn, M. J. [Hrsg.]: Wir
erlebten Rudolf Steiner, Stuttgart 1956; Über das Schreiten, in: von Kügelgen,
H. [Hrsg.]: Eurythmie in Kunst, Pädagogik, Stuttgart 1956; Edith Röhrle-
Ritter,in: Husemann, G., Tautz, J. [Hrsg.]: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner,
Stuttgart 1977; Erste Lebenskeime der Eurythmie, in: Beltle, E., Vierl, K.
[Hrsg.]: Erinnerungen an Rudolf Steiner, Stuttgart 1979; Ausführungen in:
GA 277a, Dornach ³1998; Übersetzung ins Englische vorhanden; Beiträge in
MaD, N, RRM.
Literatur: van Deventer-Wolfram, E.: Ein Leben und Schicksal im Schatten
Rudolf Steiners, in: MaD 1965, Nr. 74; Siegloch, M.: Lory Maier-Smits, in:
MaD 1971, Nr. 98; Dubach-Donath, A.: Im Gedenken an Lory Maier-Smits,
in: N 1971, Nr. 42, auch in: Aus der Entstehungszeit der Heileurythmie,
Stuttgart 1972; Rolofs, I.: Ein Weg zur Heileurythmie, in: ebd.; van
Deventer-Wolfram, E.: Erinnerungen an Lory Maier-Smits, in: RRM 1972, Nr.
4; Lindenberg, Chronik 1988; Veit, W.: Aus den Anfängen der Eurythmie.
Lory Maier-Smits, in: Bü 1988, Nr. 2 und 3; Siegloch, M.: Lory Maier-Smits,
die erste Eurythmistin, Dornach 1993; dies. u. a.: Zum 100. Geburtstag von
Lory Maier-Smits, in: RRM 1993, Nr. 23; dies.: How the New Art of Eurythmy
Began, Lory Maier-Smits, London 1997.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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