Maria Strakosch-Giesler
Strakosch-Giesler, Maria
geb.: Giesler

Malerin.

*06.08.1877 Siegen i.W. (Deutschland)
†04.09.1970 Arlesheim (Schweiz)
(anderer Geburtstag 23.)



Maria Strakosch-Giesler, einst Schülerin von Wassily Kandinsky, gehörte zu den wichtigsten Malerinnen, die Rudolf Steiners Anregungen für die Malerei ein Leben lang bearbeiteten. Sie widmete sich dem „Malen aus der Farbe heraus“ und bat 1922, als sie in Stuttgart eine Malschule eröffnen sollte, Rudolf Steiner um einen Kurs über die Farbe.

Maria Giesler wurde als Tochter eines Lederfabrikanten am 6. August 1877 in Siegen geboren. Schon mit 17 Jahren verließ sie ihr Elternhaus, um in Berlin an einer privaten Malschule zu studieren. Erfolg war ihr bereits nach kurzer Zeit beschieden. Um 1897 erhielt sie bei einem Wettbewerb für Märchenillustrationen den ersten Preis. Der recht klassische Ausbildungsgang mit Kopf- und Aktstudien sowie Stillleben und Blumenmalerei kam ihrem Bedürfnis nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Farbe nur bedingt entgegen. Sie lernte zunächst bei der bekannten Blumenmalerin Katharina Klein, fuhr jedoch, als sie um 1902 von Wassily Kandinsky hörte, spontan nach München, um seine Schülerin zu werden. Kandinsky hatte 1901 zusammen mit der Künstlergruppe „Phalanx“ eine Malschule begründet. Das Studium bei Kandinsky dauerte knapp zwei Jahre, dann löste sich die Künstlergruppe auf, doch währte die Freundschaft zu Kandinsky ein Leben lang. Einige Maler des Blauen Reiters, wie Paul Klee, Marianne Werefkin und Alexej Jawlenskij, oder den Bildhauer Wilhelm Hüsgen lernte sie während ihrer Münchner Zeit kennen. Aber nicht nur diese.

Während der Studienzeit begegnete ihr auch Alexander Strakosch, Maschinenbaustudent an der Technischen Hochschule. Die Freundschaft führte 1906 zur Heirat. Auf der Suche nach einer vertiefenden Lebensanschauung begegneten sie 1908 im Berliner Architektenhaus Rudolf Steiner. Bald machte Maria Strakosch-Giesler auch ihren Freundeskreis, insbesondere Kandinsky, mit Steiners Anschauungen bekannt.

Von 1908 bis 1912 lebten Strakosch-Gieslers in Triest und verbrachten im Sommer 1911 gemeinsam mit Marie und Rudolf Steiner einen Kuraufenthalt in Portorose. Es ergab sich, dass Maria Strakosch-Giesler ihre Bilder mit Rudolf Steiner besprechen konnte. Er war von den farbkräftigen, stilistisch recht freien Landschaftsbildern so angetan, dass er vorschlug, sieben Gemälde während des Sommerkongresses der Theosophen, 1911 in München, auszustellen. Die Bilder sollten in dunklem Blau, einer Farbe, die auch im Bild zu sehen war, gerahmt werden, während die Wände mit goldgelbem Rupfen bespannt wurden. Sie wurden dann von einem hoch oben in der Mitte gehängten Bild pyramidenförmig absteigend an der Wand gegliedert. In den folgenden Jahren erhielt Maria Strakosch-Giesler von Rudolf Steiner viele Anregungen zur Malerei. Für sie war es zeitweise ein harter Kampf, diese ganz neuartigen Hinweise fruchtbar zu machen.

1912 erfolgte der Umzug nach Wien. Dort wurde sie bald Mitglied der Wiener Künstlergruppe „Freie Bewegung“ und beteiligte sich an einigen Ausstellungen. Während der Bauzeit des ersten Goetheanum schnitzte sie 1914 für einige Monate an den Kapitellen mit.

Am 1. Juni 1918 hielt Rudolf Steiner in ihrem Wiener Atelier den Vortrag „Das Sinnlich-Übersinnliche – geistige Erkenntnis und künstlerisches Schaffen“ (in: GA 272) vor etwa 60 geladenen Gästen und Künstlern. Als 1918 die anthroposophische Künstlervereinigung „Aenigma“ gegründet wurde, gehörte Maria Strakosch-Giesler zu den Gründungsmitgliedern. Sie war auch an der ersten Ausstellung der Gruppe im Münchner Kunsthaus „Das Reich“, von Alexander von Bernus 1917 begründet, mit 13 eigenen Werken vertreten. Anlässlich der Gründung der Stuttgarter Waldorfschule, im Jahre 1919, stellte sie den Zyklus „Vier Elemente“ aus.

Als die Übersiedlung von Wien nach Stuttgart bevorstand, da ihr Mann als Lehrer an der neu gegründeten Schule mitwirkte, wurde sie mehrfach aufgefordert, Malunterricht zu erteilen – sie bat Rudolf Steiner 1921 um Vorträge über die Farbe. Vom 6. bis 8. Mai 1921 hielt er daraufhin in Stuttgart die Vorträge über „Das Wesen der Farben“ (GA 291). Ihre Zusammenarbeit mit ihm intensivierte sich, während des Jugendkurses im Oktober 1922 (GA 217) zeichnete sie die von Rudolf Steiner gegebenen Malübungen zu Sonnenaufgang und Mondaufgang auf. Ein Jahr später gründete sie in Stuttgart die „Malschule für Rudolf Steiners Farbenlehre“. Bis 1938 begannen etwa 30 Schüler jährlich ihre Ausbildung. Nebenbei gab sie auch Kurse in Darmstadt, Kassel und Nizza.

Während des Kurses für Sprachgestaltung und dramatische Kunst 1924 (GA 282) lernte sie den Schauspieler und Regisseur Gottfried Haaß-Berkow kennen, für dessen Inszenierungen sie in den folgenden Jahren Bühnenbilder und Kostüme entwarf. Einige Kostüme sind heute noch im Theatermuseum in Köln zu sehen.

Im Jahre 1930 wurde Maria Strakosch-Giesler von Hans Tietze zusammen mit Paul Klee, Marc Chagall, Wassily Kandinsky und Ernst Barlach zu einer Ausstellung unter dem Titel: „Das Übersinnliche in der Kunst“ nach Wien eingeladen, wo sie einige Vorträge und Führungen zur Ausstellung gab.

Die 1918 gegründete anthroposophische Künstlervereinigung „Aenigma“ löste sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 auf. Für Maria Strakosch-Giesler und ihren Mann, der jüdischer Herkunft war, begann eine bedrohliche Zeit. 1938 mussten sie beinahe mittellos Deutschland verlassen und nach Dornach in die Schweiz umziehen. Während des Krieges waren sie beinahe ganz auf die finanzielle Hilfe von Freunden angewiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich Maria Strakosch-Giesler mit ihren malerischen Arbeiten wieder eine neue Existenz aufbauen. Zahlreiche Ausstellungen in europäischen Städten und den USA brachten mit der Zeit einen neuen Umkreis an Förderern und Freunden. Ihre reiche Erfahrung im Umgang mit den Angaben Rudolf Steiners veröffentlichte sie 1955 in Freiburg unter dem Titel: „Die erlöste Sphinx“. In dieser Zeit schrieb sie auch Beiträge für „Das Goetheanum“ und „Die Kommenden“.

Am 5. Februar 1958 starb ihr Mann nach längerer Krankheit. In ihrer letzten Lebenszeit schwand ihr damals schon schwaches Augenlicht so sehr, dass sie kaum mehr arbeiten konnte. Die letzten Jahre bis zu ihrem Tode verbrachte sie völlig erblindet und bettlägerig, bis sie am 4. September 1970 im Alter von 93 Jahren starb.

Christiane Haid


Werke: Die erlöste Sphinx, Freiburg/Br. 1955; Ein Seelenweg. Sieben Bilder,
Stuttgart o.J.; Erinnerungsbilder aus zwei Vorträgen von Rudolf Steiner, in:
Steiner, R.: Die Erkenntnisaufgabe der Jugend, Dornach ²1981; Beiträge in
BfA, G, K, MaD, Msch und N.
Literatur: Aenigma. Kunsthaus das Reich, München 1918; Künstler aus dem
Kreis des Goetheanums, Bern 1945; Weiler, C.: Maria Strakosch-Giesler, in:
N 1957, Nr. 31; Streit, J.: Maria Strakosch-Giesler 80-jährig, in: BfA 1957, Nr.
7/8; Krause-Zimmer, H.: Maria Strakosch-Giesler 90 Jahre, in: MaD 1967, Nr.
81; Bessenich, J.: Zum 90. Geburtstag von Maria Strakosch-Giesler, in: N
1968, Nr. 2; Giesler, E.: Maria Strakosch-Giesler, in: MaD 1970, Nr. 94;
Poppelbaum, H.: Aus dem Nachruf für Maria Strakosch-Giesler, Giesler, E.:
Maria Strakosch-Gieslers Bilder aus der Sicht des Arztes, in: N 1971, Nr. 2;
Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Fedjuschin, V. B.: Russlands
Sehnsucht nach Spiritualität, Schaffhausen 1988; Maria Strakosch-Giesler
Ausstellung, in: DD 1988, Nr. 9; Buchner, O.: Die Malerin Maria Strakosch-
Giesler, in: DD 1989, Nr. 7/8; ders.: Zur Ausstellung Maria Strakoschs am
Goetheanum, in: N 1989, Nr. 51/52; Cattaneo, I.: Splendore e immagine,
in: Il mare delle idee, Milano 1994; Plato, B. v. [Hrsg.]: Anthroposophie im
20. Jahrhundert, Dornach 2003.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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