Dieter Brüll
Brüll, Dieter

Steuerrechtler, Dozent, Soziologe.

*02.03.1922 Nürnberg (Deutschland)
†23.03.1996 Zutphen (Niederlande)



Ein mutiger und unerbittlicher Kämpfer für das Recht und die Wahrheit – auch im Sinne der Anthroposophie, insbesondere ihres Sozialimpulses – war Dieter Brüll.

Geboren wurde er in eine deutsch-jüdische Familie. Der Vater war Jude. Schon mit zwölf Jahren geriet Dieter Brüll in Konflikt mit den Nazis und wurde aus der Schule geworfen. Hier erlebte er die Massenhysterie, wodurch wohl sein erstes Interesse für die soziale Frage erwachte. Auf seinen Wunsch hin schickten die Eltern ihn 1934 auf die Waldorfschule in Stuttgart und, nachdem die Familie nach Holland ausgewandert war, von 1936–41 auf die dortige Waldorfschule. In der zehnten Klasse las er zum ersten Mal Steiners „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23).

Wegen der Verbreitung von Propagandamaterial gegen die Nazi-Besetzung wurde er 1944 eingesperrt. Erst dreieinhalb Wochen zusammen mit drei anderen, dann sechs Wochen in Einzelhaft, die er als angenehm empfand, weil er nun Zeit für sich hatte. Eigentlich hätte er noch in ein Konzentrationslager verfrachtet werden sollen. Durch ein Missverständnis und Panik bei den Besetzern wegen der Invasion der Alliierten wurde er vorzeitig freigelassen.

Dieter Brüll studierte Wirtschafts- und politische Wissenschaften in Amsterdam sowie Soziologie. Bei seiner Habilitation 1964 erhielt er den „Kluwerprijs“, eine niederländische Auszeichnung. 1951–53 war er Mitarbeiter im Amerika-Institut der Universität von Amsterdam.

1950 erfolgte die Eheschließung mit Ellen Clotscher, mit der er in einer glücklichen Ehe und in tiefer Verbundenheit bis zu seinem Tode lebte. Aus dieser Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. 1956 begegnete er Karl König und wurde von dessen sozialen Impulsen beeinflusst.

30 Jahre lang lehrte er Steuerrecht, ab 1974 auch Steuersoziologie in Amsterdam und Rotterdam. Daneben machte er 21 Jahre lang praktische Steuerberatung. 1967–74 war er außerordentlicher Professor für Steuerrecht an der Katholischen Hochschule in Tilburg. Außerdem war er als Mitbegründer im Internationalen Kulturzentrum Achberg engagiert, wurde Kuratoriumsmitglied der „Aktion Dritter Weg“ und im Oktober 1972 Mitbegründer der „Arbeitsgemeinschaft für Dreigliederung des sozialen Organismus“ in Bochum. Letztlich war er auch bei der Gründung der Triodosbank dabei.

1976 war er an der Seite seines Sohnes Mitbegründer der Zeitschrift „Info 3“ in Amsterdam. 1983 ging er in den Ruhestand, um sich ganz der Dreigliederungsarbeit widmen zu können. 1987 dozierte er an einem freien Ausbildungslehrgang für Dreigliederung in Holland. Neben reger Tätigkeit als Vortragender, Seminarleiter und Buchautor stand er auch für viele persönliche Fragen zur Verfügung. Nebenamtlich war er Redakteur einer Fachzeitschrift. In seinen letzten Lebensjahren verband er die Dreigliederung immer expliziter mit dem christologischen Kern der Geisteswissenschaft. Während sieben Jahren war Dieter Brüll als Dozent am Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart tätig, eine Tätigkeit, die ihm besonders viel Freude machte und die er als letzte aufgab, weil er auch für seine kranke Frau sorgte.

Zu seinen Hauptlebensinteressen, der sozialen Frage und der Dreigliederung, bekannte er sich öffentlich, z. B. bei seiner Antrittsrede als Ordinarius an der Universität Amsterdam 1975. Sein Wirken für den anthroposophischen Kulturimpuls kam deshalb auch stets in seiner Tätigkeit als Dozent und Professor für das Steuerwesen in Holland zum Ausdruck.

Vonseiten seiner Kollegen, unter denen es auch sehr viele kritische gab – wie bei den anthroposophischen „Dreigliederungsexperten“ –, hat einer ihn einen Propheten der fiskalen Welt genannt. Wie alle Propheten sprach er die Wahrheit gnadenlos aus.

Inhalt und Sinn einer sozialen Grundstimmung fand er in der „urielischen Gebärde“. Eine ernste Haltung im sozialen Umgang von Mensch zu Mensch: dass der Mitmensch als Person niemals, dessen Meinung und Ansichten jedoch immer beurteilt und korrigiert werden dürften. Damit beschäftigte er sich auch in seinen Essays und im zweiten Kapitel seines letzten Buchs „Bausteine für einen sozialen Sakramentalismus“, in dem er am Schluss auf die Johanni-Imagination Rudolf Steiners vom 12.10.1923 (GA 229) hinweist.

Taco Bay


Werke: Recht en wet, Deventer 1975; Die Struktur der Geert Groote School,
in: Gesellschaftsstrukturen in Bewegung, Achberg 1976; Persweeën
kanttekeningen bij het thema pers en heffingspraktijk, Deventer 1983; Der
anthroposophische Sozialimpuls, Schaffhausen 1984; Gemeinschaft und
Gemeinsamkeit, Stuttgart 1986; Die urielische Gebärde, Markdorf o. J.;
Über Urieliten, Markdorf 1992; Waldorfschule und soziale Dreigliederung,
Raisdorf 1992; Eine Intimsphäre der Verbände?, Markdorf 1993; Die
Dreigliederung des Steuersystems; Markdorf 1993; Im Hinblick auf „Die
Christengemeinschaft“. Gedanken zur Gemeindestruktur, Markdorf o. J.;
Beiträge in Sammelwerken, weitere in Dg, I3, La, PD, VOp.
Literatur: Fuld, E.: Interview mit Dieter Brüll, in: JNL 1982/83, Nr. 25;
Morel, J.: Ehrung eines anthroposophischen Sozialwissenschaftlers, in: G
1983, Nr. 41; Salman, H.: Dieter Brüll, in: Ggw 1996, Nr. 3/4; Dieter Brüll
gestorben, in: I3 1996, Nr. 4; Hogervorst, J., de Goede, A., Salman, H.,
Grillis, P.: In herinnering aan Dieter Brüll, in: Dg 1996/97, Nr. 2;
autobiografisch: Erinnerungen, in: I3 1999, Nr. 4.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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