Leif Holbaek-Hanssen
Holbaek-Hanssen, Leif

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler.

*27.03.1917 Oslo (Norwegen)
†10.04.1991 Oslo (Norwegen)





Leif Holbæk-Hanssen war seit den 70er-Jahren im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen und im Kollegium der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum. Er wirkte sowohl im anthroposophischen wie auch im wissenschaftlichen Umfeld durch Vorträge und Seminare sowie als Verfasser von Lehrbüchern und Publikationen auf seinem Fachgebiet.

Die Kindheitsjahre verbrachte er in Lom, Jotunheimen. Die gewaltige Berglandschaft und die Menschen, die aus ihr hervorgingen – bedeutende norwegische Dichter wie Olav Aukrust oder Tor Jonsson, Holbæk-Hanssens Zeitgenosse –, prägten den sensiblen und mit besonderer Wahrnehmungsfähigkeit begabten Jungen nachhaltig. Nach dem Abitur in Fredrikstad studierte er an der Handelshochschule in Kopenhagen Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing und Reklame, machte 1940 sein Diplom und zog nach Bergen, wo er 1941 Synnøve Krognæs heiratete, mit der er drei Kinder bekam.

Am 9. April 1940 wurde Norwegen durch die Invasion deutscher Truppen in den Krieg einbezogen und Leif Holbæk-Hanssen schloss sich der Widerstandsbewegung an. Um seine Aufgaben dort wahrnehmen zu können, wollte er seine Deutschkenntnisse verbessern. 1941 bot sich ihm dazu die Gelegenheit durch den deutsch-jüdischen Juristen und Anthroposophen Franz Dous, der aber zur Bedingung machte, dass als Unterrichtsmaterial Rudolf Steiners „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ verwendet würde. So wurde ihm der Weg in die Anthroposophie eröffnet, wenn auch mit gewissem inneren Widerstand, da es ihm eigentlich widerstrebte, sich einem „Guru“ zu unterwerfen. Die Inhalte ließen ihn aber nicht mehr los, er setzte seinen Studienweg auch nach Franz Dous‘ Tod 1942 fort, wenn auch langsamer.

Nach dem Krieg war er zunächst einige Jahre in Oslo in der Reklamebranche tätig – u.a. in einer eigenen Marktforschungsfirma namens Fakta. Ende der 50er-Jahre zog er mit seiner jungen Familie wieder nach Bergen und wurde dort 1960 Professor für Marketing an der Handelshochschule. Auf diesem Feld war er ein Pionier und erwarb sich Anerkennung und Vertrauen auch weit über die Grenzen seines Landes hinaus. So wurde er Ehrendoktor der Universität Uppsala und der Wirtschaftshochschule in Stockholm und war Ritter erster Klasse des St. Olavs-Ordens, einer der höchsten Auszeichnungen Norwegens. Daneben hatte er viele Ehrenämter in norwegischen, nordischen und europäischen Institutionen, unter anderem von 1970 bis 1982 als Vorstandsvorsitzender des Christian Michelsen Instituts in Bergen, einer privaten sozialwissenschaftlichen Forschungsstiftung, die auf dem Sektor von Entwicklungshilfe und Menschenrechten vornehmlich in Afrika, Asien und im Mittleren Osten tätig ist.

Neben der beruflichen Entwicklung, die ihn zu einer Figur des öffentlichen Lebens machte, beschäftigte er sich weiter mit anthroposophischen Gedanken, ohne jedoch zunächst unmittelbaren Kontakt mit deren Institutionen zu haben. Dieser ergab sich – wie vieles in seiner Biografie – durch eine Lebenssituation: 1952 sprach er mit dem Schriftsteller und Waldorflehrer Ernst Sørensen, der ebenso wie André Bjerke und Jens Bjørneboe zu seinem Umgangskreis gehörte, über das Problem, für seine älteste Tochter eine neue Schule zu finden, und bekam von ihm die Steiner-Schule in Oslo-Smestad empfohlen. So entstand eine langsame Annäherung an anthroposophische Organisationen, die ihn schließlich zur Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft führte, in den 70er-Jahren dann in den Vorstand der norwegischen Landesgesellschaft und daneben auch zur Mitarbeit im Kollegium der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach.

Die Anthroposophie war ihm allmählich Lebensbegleiter geworden und machte ihn zu einem stetigen Wanderer zwischen zwei Welten, der sein Streben und Suchen darauf richtete, wie diese sich gegenseitig befruchten könnten. Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre befasste er sich mit Arbeiten zur Dreigliederung von verschiedenen Autoren, z.B. von Folkert Wilken, Hans Georg Schweppenhäuser und Wilhelm Schmundt. Dabei hat ihn besonders Wilhelm Schmundts Begriff vom Urbild des sozialen Organismus beschäftigt.

Die Auseinandersetzung mit und unter den verschiedenen Strömungen innerhalb der Dreigliederungsbewegung sah er recht kritisch: „Oft bin ich über meine Ohnmächtigkeit als Vertreter von neuen Gedanken auf den sozialen Gebieten verzweifelt. Das Schlimmste ist für mich, dass Anthroposophen so viel Zeit mit Streiten unter sich hingehen lassen; Wort-Abtausche weit entfernt von ,wirklichen Begriffen’ gehören dazu, auch wenn sie recht freundlich verlaufen. Sie verbrauchen Menschen-Lebenszeit.“ (Rappmann 1993)

Sein Wissen um die notwendigen Veränderungen, besonders auf dem wirtschaftlichen Sektor, machte ihm Zeit zum kostbaren Gut. Sein breites berufliches Wahrnehmungsfeld stärkte seine Überzeugung, dass wirkliche Veränderung nur dann gelingen kann, wenn sie von möglichst vielen Menschen aus freier Erkenntnis mitgetragen wird: „Viele Menschen haben ihre Sach- und Fachverankerung innerhalb der Berufe des Wirtschaftslebens. Ohne ihre Einsichten und Fähigkeiten kann das alles nicht geleistet werden. Unter ihnen sind aber viele, die Schwierigkeiten haben werden, sich unter Dreigliederung etwas Konkretes vorzustellen ... Um mit anderen Menschen wirklich weiterzukommen, muss ich die Entwicklung aber Schritt für Schritt mit diesen Menschen mitmachen.“ (Rappmann 1993)

Wie es ihm gelang, anthroposophisches Denken in die jeweils im Kreise seiner Zuhörer oder Leser gebräuchliche Sprache zu transformieren, zeigt sich eindrucksvoll in einer beispielhaften Beschreibung der dreigegliederten, sich selbst verwaltenden zukünftigen Gesellschaftsordnung im 1976 erschienenen dritten Band seiner Lehrbuchreihe über Methoden und Modelle im Marketing.

Die Aufgabe, auf wirtschaftlichem Gebiet Gedanken, Modelle und Anregungen in Zusammenarbeit mit anderen Menschen ins Leben zu setzen, wurde ihm so wichtig, dass er 1976 seine ordentliche Professur auf Lebenszeit an der Handelshochschule in Bergen in eine eher einem Gastdozenten vergleichbare Position umwandeln ließ. Dazu musste er sogar um die Zustimmung der Regierung kämpfen, da so etwas noch nie vorgekommen war. Zu einem Journalisten der Zeitschrift „Verdens Gang“ sagte er dazu: „Meine Interessen haben in den letzten Jahren eine Richtung genommen, die nicht so ohne weiteres vereinbar ist mit dem, was man von mir in meinem Amt erwartet ... Es geht mir um die Frage, welche Formen für die Ordnung menschlichen Zusammenspiels es gibt. Und dafür muss man frei sein. Man muss völlig unabhängig sein von allen Interessen – eingeschlossen die eigenen Vorurteile.“

Der veränderte Schwerpunkt seiner Arbeit führte zu zahlreichen Kontakten im norwegischen Alternativmilieu. Er schrieb z. B. im Zusammenhang mit einem öffentlichen Forschungsbericht von „Alternative Zukunft“ einen Beitrag, der als eigenes Buch mit dem Titel „Eine Gesellschaft für menschliche Entwicklung: Beitrag zum Nachdenken über ,Alternative Zukunft’“ (Oslo 1984) erschien. Dieses Büchlein kann als sein sozialwissenschaftliches Vermächtnis aufgefasst werden. Sein besonderes Interesse galt dabei dem Wirken von Geld und der Zusammenarbeit von Menschen in Netzwerken und Assoziationen. So wurde er auch einer der Initiatoren und Inspiratoren der heutigen Cultura-Bank.

Enthusiasmus kennzeichnete sein Wirken ebenso wie seine Haltung gegenüber den Menschen, die es ihm immer verbot, in die Freiheit des anderen einzugreifen. Fachkollegen schrieben über ihn: „Leif Holbæk-Hanssen hatte große fachliche Kenntnisse zusammen mit einer großen Sensibilität für neue Strömungen in der Gesellschaft und ein tiefes Interesse für alles Menschliche. Dieses war der Kern in seinem Leben: Seine Hilfe zur Entwicklung und zum Wachstum anderer Menschen.“ (Berglund, N 1991)

Leif Holbæk-Hanssen verstarb am 10. April 1991 auf einer Reise nach Oslo im Alter von 74 Jahren, nachdem er in den davor liegenden zehn Jahren mehrfach Schlaganfälle erlitten und deren physische Folgen dank seiner Freude am tätigen Wirken in seinem Aufgabenfeld immer wieder überwunden hatte.

Karin Preuß

Werke: Contributions to a theory in marketing, Bergen 1958; Markedsforskning: innledning til studiet av markedsforskningens bakgrunn, prinsipper og metoder o.O. [1958]: Grunnlag og formålspresisering, Bd. I, o.O. [1958]. Markedsforskning: et hjelpemiddel til bedre beslutninger i bedriftene, Oslo 1958; Problemer og forskningsoppgaver i markeds- og distribusjonsøkonomien, in: Statsøkonomisk tidsskrift 1960, Nr. 3; Markedsføring: mål - midler – metoder, Oslo 1963; Markedsføringen mellom maskinene og mennesken, in: Tre foredrag ved Oslo Salgs- og reklameforenings 50-årsjubileum, Oslo 1965; Tenkemodeller i markedsøkonomien, Bergen 1965; Markedsføring : mål - midler - metoder, Oslo 1967 (4. Aufl.); Markedsføring i 70-årene: et fremtidsrettet tverrsnitt av fagområdet markedsføring ved nordiske markedsøkonomer, Oslo 1967; Utredning om norsk eksport av frossenfisk og andre produkter av torskefisk [Bergen 1969]; Aktiv markedsføring - også et utviklingsområde, Foredrag holdt på UNV 's årsmøte, Bergen, 1969; Orientering om markedsføring, [Oslo] ²1970; Perspektiver og ideer for ditriktshøgskolen: et diskusjonsgrunnlag, o.O. 1971; Situasjonen ved distriktshøgskolene våren 1971, med en perspektivskisse om den mulige videre utbygging, [Bergen 1971]; Mediaforskning: en oversikt og et forskningsopplegg for Norge mit Per Torsvik und Stein Rokkan, Bergen 1972; System, oppgave, beslutning og uvisshet, o. O. 1973; Markedsbeskrivelse, markedsvarsling og prognoser o. O. 1974; Om forberedelse og øvelser for Steiners „Nebenübungen“ oversatt og kommentert [Oslo] 1975; Metoder og modeller i markedsføringen, Bd. I/II/III, Oslo 1973–1976; Perspektiv for forskning. Beretninger, Bergen 1976; Planlegging, budsjettering og styringssystemer, Bergen 1976; Handel med fisk og fiskeprodukter i Norge: hovedrapport om undersøkelser av den innenlandske distribusjon av fisk og fiskeprodukter mit Tore Rogne, o. O. 1977; Privat forbruk og ny livsstil: muligheter for reduksjon i privat forbruk, o. O. 1980; Markedsforskning for fiskerinæringen mit Gerhard Meidell Gerhardsen und Terje Hansen, Bergen 1981; Litt om velgerne ved stortingsvalget i 1949: et forsøk på en representativ velgertelling og en analyse av tilhengere av de enkelte politiske partier i Norge. I serie. Sak og samfunn, Bergen 1982; Markedsinformasjonssystemet i fiskerinæringen: en undersøkelse av praksis i 1981 og av muligheter for forbedringer av informasjonssystemene for spesielle formål mit Leif Veggum, Bergen 1982; Forslag til programmer for vareprøving av nye fiskeprodukter for ulike markedsområder, Bergen 1983; Et samfunn for menneskelig utvikling: bidrag til tenkningen om „Alternativ framtid“ Oslo 1984; Studier av markeder for fisk og fiskeprodukter i Storbritannia Arbeidsrapport Bergen 1984; Urbildgedanken und Entwicklungsfähigkeit in den sozialen Bestrebungen, in: Rappmann, R. [Hrsg.]: Die Kunst des sozialen Bauens, Wangen 1993; Beiträge in Hrb, L und Med.

Literatur: Moen, B.: Den sosiale kunst. Intervju med Leif Holbaek-Hanssen, in: L 1990, Nr. 1; Autorenvorstellung und Berglund, S.: Leif Holbaek-Hanssen, in: L 1991, Nr. 2; Methlie, L. B., Pedersen, A. J.: Leif Holbaek-Hanssen, in: Aftenposten, 1991 vom 14.4.; Berglund, S.: Leif Holbaek-Hanssen, in: Mlb 1991, Nr. Nov und in: N 1991, Nr. 23.

Leif Holbæk-Hanssen war seit den 70er-Jahren im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen und im Kollegium der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum. Er wirkte sowohl im anthroposophischen wie auch im wissenschaftlichen Umfeld durch Vorträge und Seminare sowie als Verfasser von Lehrbüchern und Publikationen auf seinem Fachgebiet.

Die Kindheitsjahre verbrachte er in Lom, Jotunheimen. Die gewaltige Berglandschaft und die Menschen, die aus ihr hervorgingen – bedeutende norwegische Dichter wie Olav Aukrust oder Tor Jonsson, Holbæk-Hanssens Zeitgenosse –, prägten den sensiblen und mit besonderer Wahrnehmungsfähigkeit begabten Jungen nachhaltig. Nach dem Abitur in Fredrikstad studierte er an der Handelshochschule in Kopenhagen Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing und Reklame, machte 1940 sein Diplom und zog nach Bergen, wo er 1941 Synnøve Krognæs heiratete, mit der er drei Kinder bekam.

Am 9. April 1940 wurde Norwegen durch die Invasion deutscher Truppen in den Krieg einbezogen und Leif Holbæk-Hanssen schloss sich der Widerstandsbewegung an. Um seine Aufgaben dort wahrnehmen zu können, wollte er seine Deutschkenntnisse verbessern. 1941 bot sich ihm dazu die Gelegenheit durch den deutsch-jüdischen Juristen und Anthroposophen Franz Dous, der aber zur Bedingung machte, dass als Unterrichtsmaterial Rudolf Steiners „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ verwendet würde. So wurde ihm der Weg in die Anthroposophie eröffnet, wenn auch mit gewissem inneren Widerstand, da es ihm eigentlich widerstrebte, sich einem „Guru“ zu unterwerfen. Die Inhalte ließen ihn aber nicht mehr los, er setzte seinen Studienweg auch nach Franz Dous‘ Tod 1942 fort, wenn auch langsamer.

Nach dem Krieg war er zunächst einige Jahre in Oslo in der Reklamebranche tätig – u.a. in einer eigenen Marktforschungsfirma namens Fakta. Ende der 50er-Jahre zog er mit seiner jungen Familie wieder nach Bergen und wurde dort 1960 Professor für Marketing an der Handelshochschule. Auf diesem Feld war er ein Pionier und erwarb sich Anerkennung und Vertrauen auch weit über die Grenzen seines Landes hinaus. So wurde er Ehrendoktor der Universität Uppsala und der Wirtschaftshochschule in Stockholm und war Ritter erster Klasse des St. Olavs-Ordens, einer der höchsten Auszeichnungen Norwegens. Daneben hatte er viele Ehrenämter in norwegischen, nordischen und europäischen Institutionen, unter anderem von 1970 bis 1982 als Vorstandsvorsitzender des Christian Michelsen Instituts in Bergen, einer privaten sozialwissenschaftlichen Forschungsstiftung, die auf dem Sektor von Entwicklungshilfe und Menschenrechten vornehmlich in Afrika, Asien und im Mittleren Osten tätig ist.

Neben der beruflichen Entwicklung, die ihn zu einer Figur des öffentlichen Lebens machte, beschäftigte er sich weiter mit anthroposophischen Gedanken, ohne jedoch zunächst unmittelbaren Kontakt mit deren Institutionen zu haben. Dieser ergab sich – wie vieles in seiner Biografie – durch eine Lebenssituation: 1952 sprach er mit dem Schriftsteller und Waldorflehrer Ernst Sørensen, der ebenso wie André Bjerke und Jens Bjørneboe zu seinem Umgangskreis gehörte, über das Problem, für seine älteste Tochter eine neue Schule zu finden, und bekam von ihm die Steiner-Schule in Oslo-Smestad empfohlen. So entstand eine langsame Annäherung an anthroposophische Organisationen, die ihn schließlich zur Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft führte, in den 70er-Jahren dann in den Vorstand der norwegischen Landesgesellschaft und daneben auch zur Mitarbeit im Kollegium der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach.

Die Anthroposophie war ihm allmählich Lebensbegleiter geworden und machte ihn zu einem stetigen Wanderer zwischen zwei Welten, der sein Streben und Suchen darauf richtete, wie diese sich gegenseitig befruchten könnten. Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre befasste er sich mit Arbeiten zur Dreigliederung von verschiedenen Autoren, z.B. von Folkert Wilken, Hans Georg Schweppenhäuser und Wilhelm Schmundt. Dabei hat ihn besonders Wilhelm Schmundts Begriff vom Urbild des sozialen Organismus beschäftigt.

Die Auseinandersetzung mit und unter den verschiedenen Strömungen innerhalb der Dreigliederungsbewegung sah er recht kritisch: „Oft bin ich über meine Ohnmächtigkeit als Vertreter von neuen Gedanken auf den sozialen Gebieten verzweifelt. Das Schlimmste ist für mich, dass Anthroposophen so viel Zeit mit Streiten unter sich hingehen lassen; Wort-Abtausche weit entfernt von ,wirklichen Begriffen’ gehören dazu, auch wenn sie recht freundlich verlaufen. Sie verbrauchen Menschen-Lebenszeit.“ (Rappmann 1993)

Sein Wissen um die notwendigen Veränderungen, besonders auf dem wirtschaftlichen Sektor, machte ihm Zeit zum kostbaren Gut. Sein breites berufliches Wahrnehmungsfeld stärkte seine Überzeugung, dass wirkliche Veränderung nur dann gelingen kann, wenn sie von möglichst vielen Menschen aus freier Erkenntnis mitgetragen wird: „Viele Menschen haben ihre Sach- und Fachverankerung innerhalb der Berufe des Wirtschaftslebens. Ohne ihre Einsichten und Fähigkeiten kann das alles nicht geleistet werden. Unter ihnen sind aber viele, die Schwierigkeiten haben werden, sich unter Dreigliederung etwas Konkretes vorzustellen ... Um mit anderen Menschen wirklich weiterzukommen, muss ich die Entwicklung aber Schritt für Schritt mit diesen Menschen mitmachen.“ (Rappmann 1993)

Wie es ihm gelang, anthroposophisches Denken in die jeweils im Kreise seiner Zuhörer oder Leser gebräuchliche Sprache zu transformieren, zeigt sich eindrucksvoll in einer beispielhaften Beschreibung der dreigegliederten, sich selbst verwaltenden zukünftigen Gesellschaftsordnung im 1976 erschienenen dritten Band seiner Lehrbuchreihe über Methoden und Modelle im Marketing.

Die Aufgabe, auf wirtschaftlichem Gebiet Gedanken, Modelle und Anregungen in Zusammenarbeit mit anderen Menschen ins Leben zu setzen, wurde ihm so wichtig, dass er 1976 seine ordentliche Professur auf Lebenszeit an der Handelshochschule in Bergen in eine eher einem Gastdozenten vergleichbare Position umwandeln ließ. Dazu musste er sogar um die Zustimmung der Regierung kämpfen, da so etwas noch nie vorgekommen war. Zu einem Journalisten der Zeitschrift „Verdens Gang“ sagte er dazu: „Meine Interessen haben in den letzten Jahren eine Richtung genommen, die nicht so ohne weiteres vereinbar ist mit dem, was man von mir in meinem Amt erwartet ... Es geht mir um die Frage, welche Formen für die Ordnung menschlichen Zusammenspiels es gibt. Und dafür muss man frei sein. Man muss völlig unabhängig sein von allen Interessen – eingeschlossen die eigenen Vorurteile.“

Der veränderte Schwerpunkt seiner Arbeit führte zu zahlreichen Kontakten im norwegischen Alternativmilieu. Er schrieb z. B. im Zusammenhang mit einem öffentlichen Forschungsbericht von „Alternative Zukunft“ einen Beitrag, der als eigenes Buch mit dem Titel „Eine Gesellschaft für menschliche Entwicklung: Beitrag zum Nachdenken über ,Alternative Zukunft’“ (Oslo 1984) erschien. Dieses Büchlein kann als sein sozialwissenschaftliches Vermächtnis aufgefasst werden. Sein besonderes Interesse galt dabei dem Wirken von Geld und der Zusammenarbeit von Menschen in Netzwerken und Assoziationen. So wurde er auch einer der Initiatoren und Inspiratoren der heutigen Cultura-Bank.

Enthusiasmus kennzeichnete sein Wirken ebenso wie seine Haltung gegenüber den Menschen, die es ihm immer verbot, in die Freiheit des anderen einzugreifen. Fachkollegen schrieben über ihn: „Leif Holbæk-Hanssen hatte große fachliche Kenntnisse zusammen mit einer großen Sensibilität für neue Strömungen in der Gesellschaft und ein tiefes Interesse für alles Menschliche. Dieses war der Kern in seinem Leben: Seine Hilfe zur Entwicklung und zum Wachstum anderer Menschen.“ (Berglund, N 1991)

Leif Holbæk-Hanssen verstarb am 10. April 1991 auf einer Reise nach Oslo im Alter von 74 Jahren, nachdem er in den davor liegenden zehn Jahren mehrfach Schlaganfälle erlitten und deren physische Folgen dank seiner Freude am tätigen Wirken in seinem Aufgabenfeld immer wieder überwunden hatte.

Karin Preuß


Werke: Contributions to a theory in marketing, Bergen 1958; Markedsforskning: innledning til studiet av markedsforskningens bakgrunn, prinsipper og metoder o.O. [1958]: Grunnlag og formålspresisering, Bd. I, o.O. [1958]. Markedsforskning: et hjelpemiddel til bedre beslutninger i bedriftene, Oslo 1958; Problemer og forskningsoppgaver i markeds- og distribusjonsøkonomien, in: Statsøkonomisk tidsskrift 1960, Nr. 3; Markedsføring: mål - midler – metoder, Oslo 1963; Markedsføringen mellom maskinene og mennesken, in: Tre foredrag ved Oslo Salgs- og reklameforenings 50-årsjubileum, Oslo 1965; Tenkemodeller i markedsøkonomien, Bergen 1965; Markedsføring : mål - midler - metoder, Oslo 1967 (4. Aufl.); Markedsføring i 70-årene: et fremtidsrettet tverrsnitt av fagområdet markedsføring ved nordiske markedsøkonomer, Oslo 1967; Utredning om norsk eksport av frossenfisk og andre produkter av torskefisk [Bergen 1969]; Aktiv markedsføring - også et utviklingsområde, Foredrag holdt på UNV 's årsmøte, Bergen, 1969; Orientering om markedsføring, [Oslo] ²1970; Perspektiver og ideer for ditriktshøgskolen: et diskusjonsgrunnlag, o.O. 1971; Situasjonen ved distriktshøgskolene våren 1971, med en perspektivskisse om den mulige videre utbygging, [Bergen 1971]; Mediaforskning: en oversikt og et forskningsopplegg for Norge mit Per Torsvik und Stein Rokkan, Bergen 1972; System, oppgave, beslutning og uvisshet, o. O. 1973; Markedsbeskrivelse, markedsvarsling og prognoser o. O. 1974; Om forberedelse og øvelser for Steiners „Nebenübungen“ oversatt og kommentert [Oslo] 1975; Metoder og modeller i markedsføringen, Bd. I/II/III, Oslo 1973–1976; Perspektiv for forskning. Beretninger, Bergen 1976; Planlegging, budsjettering og styringssystemer, Bergen 1976; Handel med fisk og fiskeprodukter i Norge: hovedrapport om undersøkelser av den innenlandske distribusjon av fisk og fiskeprodukter mit Tore Rogne, o. O. 1977; Privat forbruk og ny livsstil: muligheter for reduksjon i privat forbruk, o. O. 1980; Markedsforskning for fiskerinæringen mit Gerhard Meidell Gerhardsen und Terje Hansen, Bergen 1981; Litt om velgerne ved stortingsvalget i 1949: et forsøk på en representativ velgertelling og en analyse av tilhengere av de enkelte politiske partier i Norge. I serie. Sak og samfunn, Bergen 1982; Markedsinformasjonssystemet i fiskerinæringen: en undersøkelse av praksis i 1981 og av muligheter for forbedringer av informasjonssystemene for spesielle formål mit Leif Veggum, Bergen 1982; Forslag til programmer for vareprøving av nye fiskeprodukter for ulike markedsområder, Bergen 1983; Et samfunn for menneskelig utvikling: bidrag til tenkningen om „Alternativ framtid“ Oslo 1984; Studier av markeder for fisk og fiskeprodukter i Storbritannia Arbeidsrapport Bergen 1984; Urbildgedanken und Entwicklungsfähigkeit in den sozialen Bestrebungen, in: Rappmann, R. [Hrsg.]: Die Kunst des sozialen Bauens, Wangen 1993; Beiträge in Hrb, L und Med.
Literatur: Moen, B.: Den sosiale kunst. Intervju med Leif Holbaek-Hanssen, in: L 1990, Nr. 1; Autorenvorstellung und Berglund, S.: Leif Holbaek-Hanssen, in: L 1991, Nr. 2; Methlie, L. B., Pedersen, A. J.: Leif Holbaek-Hanssen, in: Aftenposten, 1991 vom 14.4.; Berglund, S.: Leif Holbaek-Hanssen, in: Mlb 1991, Nr. Nov und in: N 1991, Nr. 23.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org