Hanno Matthiolius
Matthiolius, Hanno

Arzt.

*04.04.1923 Bonn (Deutschland)
†27.11.1991 Stuttgart (Deutschland)



Hanno Matthiolius war praktischer Arzt, Schularzt, Forscher und prominenter Repräsentant der anthroposophisch - medizinischen Bewegung im gesundheitspolitischen Leben.

Er wurde in eine traditionsreiche Arztfamilie hineingeboren, die über die väterliche Linie durch neun Generationen bedeutende Ärzte hervorgebracht hat. Einer seiner italienischen Urahnen, Piedro Andrei Matthioli, diente im 15. Jahrhundert als Leibarzt dem deutschen und später dem österreichischen Kaiser. Hannos Mutter kam aus der Familie Peipers, zu der erste anthroposophische Ärzte gehörten. Ihr verdankte der Knabe die frühe Berührung mit der Anthroposophie, die beiden Eltern verschlossen blieb, die später sein Arzttum impulsierte und prägte.

Das heimatliche Rheinland entsprach seinem heiteren Wesen. In Solingen und Wuppertal ging er zur Schule. Mit zehn Jahren wusste er, dass er Arzt werden will. Mit 16 Jahren beschäftigte er sich intensiv mit dem Buddhismus und östlicher Esoterik. Das Abitur legte er am Gymnasium 1943 ab. Das anschließende Medizinstudium musste er durch die Einberufung zum Militär und einige Monate englische Kriegsgefangenschaft unterbrechen. Nach dem Staatsexamen schloss der junge Mediziner seine klinisch-akademische Ausbildung mit der Dissertation „Schizophrenie und Träume“ an der Bonner Universitätsklinik ab.

Seine Weiterbildung zum Arzt ergänzte Hanno Matthiolius zunächst durch das Studium der Homöopathie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, wo er das Diplom „Homöopathischer Arzt“ erwarb. Nun folgten Jahre in anthroposophischen Institutionen, um weiteres Rüstzeug für die endgültige Berufsrichtung als anthroposophischer Arzt zu erwerben. Dazu arbeitete er in heilpädagogischen Einrichtungen bei Karl König in Schottland und im Sanatorium Wiesneck bei Friedrich Husemann. 1947 nahm er als junger Arzt an den anthroposophischen Hochschulwochen in Stuttgart teil und im Juni 1948 an der Freundschaftskonferenz in Arlesheim.

1952 heiratete Hanno Matthiolius die Eurythmistin Anna Magdalena Kühn, Tochter des Unternehmers Emil Kühn aus Köngen bei Stuttgart, der viele Jahre im Vorstand der deutschen Landesgesellschaft wirkte und dem Heidenheimer Kreis um Hanns Voith angehörte. Emil Kühn und seine Frau sind über zwölf Jahre die geistigen Paten für den Schüler, Studenten und jungen Arzt aus Bonn gewesen.

1953 holte Ernst Weißert Hanno Matthiolius als Schularzt an die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart. Für diese Aufgabe bereitete er sich noch zwei Jahre in Stuttgart und Hamburg vor. Dann aber gehörte er dieser Schule seit 1955 für 33 Jahre, bis zur Pensionierung, an. Zuallererst war er dort der Schularzt, in dieser Tätigkeit ging er auf. Dazu hatte er die 9. und 10. Klassen in Menschenkunde und Biologie zu unterrichten. Darüber hinaus wirkte Matthiolius 25 Jahre als Dozent am Waldorflehrer-Seminar.

In der pädagogischen Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen leitete er seit 1967 für viele Jahre eine eigene medizinische Forschungsabteilung. Sie ermöglichte ihm, seine Untersuchungen zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durchzuführen. Insbesondere interessierte ihn dabei die Entwicklung des rhythmischen Systems. Durch Prof. Gunther Hildebrandt methodisch und technisch unterstützt, erforschte und bestimmte er das in dieser Hinsicht entscheidende Verhältnis von Puls und Atmung (Puls/Atem-Quotient) über viele Jahre, in allen Altersstufen der Schüler. Er sammelte unaufhörlich, unendlich viele Daten. Diese konnten erst nach seinem Tod im Physiologischen Institut der Universität Marburg durch einen Doktoranden ausgewertet und veröffentlicht werden.

1973 starb seine Frau – ein herber Verlust für ihn. Fünf Jahre danach heiratete er seine Assistentin und Kollegin Christa Schuh. Er bekam in beiden Ehen je einen Sohn.

1961 kam Hanno Matthiolius in den Mitarbeiterkreis der „Arbeitsgemeinschaft anthroposophischer Ärzte“ in Stuttgart. Zehn Jahre später wurde er Vorstandsmitglied der inzwischen – auf Vorschlag von Gerhard Kienle – so umbenannten „Gesellschaft anthroposophischer Ärzte in Deutschland“. Fünfmal wurde er wiedergewählt. So war Hanno Matthiolius 16 Jahre lang mit der Vorstandsarbeit verbunden, die er neun Jahre geschäftsführend besorgte.

Ende der 60er-Jahre entbrannte der Kampf um das neue Arzneimittelgesetz in Deutschland. Mit Gerhard Kienle, Herbert Hensel, Karl Buchleitner, Ruth Jensen, Gottfried Büttner, Otto Wolff und noch weiteren Ärzten sowie mit den Juristen Martin Kriehle, Martin Fincke und vielen Patienteninitiativen kämpfte Hanno Matthiolius in vorderster Front.

Unermüdlich und mit großem Talent leistete er seinen Beitrag. In 17 Städten hielt er öffentliche Vorträge, in denen er über die Gefahren eines rein materialistischen Ansatzes für das Arzneimittelgesetz aufklärte und für Patienten gerechtere gesetzliche Lösungen forderte. Er tat dies mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft. Hanno Matthiolius überzeugte Menschen vor allem durch seine aufgeschlossene, menschlich originelle und fachlich kompetente Art. Er konnte einen Termin bei einem Bonner Spitzenbeamten zur menschlichen Begegnung werden lassen. Er vermittelte überzeugend, dass die anthroposophische Medizin eine schützenswerte, seriöse und berechtigte Ergänzung zur Schulmedizin ist.

Im Verein mit den vielen schon genannten aktiven Persönlichkeiten führte der immense Einsatz zu einem großartigen Resultat einer bundesweiten Unterschriftenaktion. Das Ergebnis war, dass – bis jetzt einmalig in der Welt – für die anthroposophische Medizin, die Homöopathie und die Phytotherapie spezielle, mit eigenen Vertretern besetzte Kommissionen beim Bundesgesundheitsamt in Berlin eingerichtet wurden. In diesen Kommissionen mussten die spezifischen Arzneimittel der „besonderen Therapierichtungen“ zu Monographien aufbereitet werden. Erst auf ihrer Grundlage wurden Zulassungen von Arzneimitteln durch das Amt möglich.

In der so genannten Kommission C, welche die anthroposophischen Arzneimittel aufzubereiten hatte, arbeitete Hanno Matthiolius von 1978 bis 1990 in fast 100 Sitzungen regelmäßig mit. Er gehörte aber darüber hinaus der Homöopathischen Arzneibuchkommission an und im Zusammenhang damit dem Ausschuss Herstellungsregeln. So trug er in vielfältiger Weise, durch Kompetenz, Dialogfähigkeit und persönlichen Einsatz dazu bei, dass die anthroposophischen Arzneimittel weiter erhältlich und sogar erstattungsfähig geblieben sind.

Für die politische Arbeit mussten Verbände gegründet werden, um national und international für den Methodenpluralismus in der Medizin, die Therapiefreiheit der Ärzte und das Selbstbestimmungsrecht der Patienten eintreten zu können. 1970 wurde er deshalb Gründungs- und Vorstandsmitglied der internationalen anthroposophischen Ärztevereinigung (IAV) und kurz danach der pluralistisch aufgebauten Hufeland-Gesellschaft in Deutschland, dort zusammen mit Karl Buchleitner und Karl-Heinz Gebhardt.

Diese Vielzahl der Aufgaben und sein gesellschaftliches Engagement zwangen ihn zu rastloser Tätigkeit und unermüdlichem Fleiß. Zugleich aber sehnte er sich nach Ruhe und Einsamkeit. Auch hatte er eine tiefe Heimatsehnsucht. Seit 1951, der ersten Ärzte-Tagung auf der Comburg, hat er bis auf eine Ausnahme Jahr für Jahr an allen Tagungen seiner Gesellschaft zu Ostern und im Herbst teilgenommen. Die versammelte anthroposophische Ärzteschaft wurde seine Heimat. Hier erneuerte er seinen therapeutischen Impuls, aus dem er bei seinen Patienten, in seiner sozialen Umgebung und in der Öffentlichkeit wirkte.

In den letzten zehn Jahren seines Lebens hatte Hanno Matthiolius zunehmend um sein Gleichgewicht zwischen Gesundheit und Krankheit zu ringen. Er, der brillante, humorvolle und witzige Erzähler, der immer Unternehmungsfreudige, wirkte oft müde und schonungsbedürftig. Dennoch, wenn wichtige Grundsatzentscheidungen zu treffen waren, wenn es auf ordnende Gesichtspunkte ankam, dann war seine Geistesgegenwart wieder zu erleben.

Hanno Matthiolius war ein Merkur, es war sein Auftrag, in allen Bereichen des Lebens therapeutisch zugegen zu sein.

Jürgen Schürholz


Werke: Zusammenstellung: Die Bedeutung des Zahnwechsels in der Entwicklung des Kindes. Aus Schriften Rudolf Steiners, Stuttgart 1970; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische und Französische erschienen; Beiträge in BeH, EK, G, Leh.
Literatur: Kienle, G.: Dr. Karl Hanno Matthiolius, in: Leh 1992, Nr. 44; Schürholz, J.: Hanno Matthiolius, in: MaD 1993, Nr. 183, auch in: MSt 1993, Nr. 1, auch in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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