Karl Brodersen
Brodersen, Karl Magnus

Lehrer, Schriftsteller, Dozent.

*10.10.1917 Trondheim (Norwegen)
†06.02.1998 Oslo (Norwegen)



Karl Magnus Brodersen setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Aufbau der Rudolf Steiner-Schule in Oslo ein. Er wirkte als Schriftsteller und Redner in anthroposophischen Kreisen wie auch in der Öffentlichkeit.

Sein Vater besaß ein großes Lebensmittelgeschäft in Trondheim. Brodersen beschrieb sich selbst als einen ungestümen und wilden Knaben, der sich als Jugendlicher bald von der einen und wenig später von der entgegengesetzten politischen Ideologie gefangen nehmen ließ. Als 17-Jähriger hatte er das Gefühl, hoffnungslos vor einem Abgrund zu stehen. Eines Morgens hatte er ein besonderes Erlebnis: Die Vielseitigkeit der Wahrheit stand vor ihm, er begriff, dass niemand die Wahrheit alleine besitzen könne und dass der Mensch deshalb auf seine Mitmenschen hören und die Wahrheit mit ihnen gemeinsam suchen müsse. Seit diesem Erlebnis hatte er den Drang, die Welt mit den Augen anderer zu sehen und den Dialog zu pflegen.

1936 begann Brodersen Mathematik, Philosophie und Ökonomie u.a. an der Universität in Oslo zu studieren. Er hatte einen Freundeskreis gefunden, in dem die Zeit eigener Studienarbeit und den Schriften Rudolf Steiners gewidmet wurde. Die späteren Schriftsteller André Bjerke und Jens Bjørneboe gehörten zu diesem Kreis.

Am 9. April 1940 meldete sich Brodersen, der eigentlich Pazifist war, zum Kriegsdienst. Kurz darauf lag er mit seinem Gewehr in einer Stellung. Nachdem er eine Weile durch seinen Feldstecher geblickt hatte, wurde sein Nacken steif. Er senkte für einen Augenblick den Kopf, als eine Kugel knapp über ihn hinweg zischte und auf der Höhe seines Kopfes in einen Baum einschlug. Wenig später fand er in Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ Gedanken, die nun im philosophischen Sinne auf Dimensionen der Ewigkeit hinwiesen und ihm die Augen für die Wirklichkeit des Denkens jenseits von Subjekt und Objekt öffneten. Durch dieses Werk entdeckte Brodersen Begriffe für das, was bis dahin als unklare Stimmungen in ihm lebte.

Im Herbst 1941 besuchte er Vorträge von Conrad Englert. Englert war seit 1936 Leiter der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen. Seine öffentlichen Vorträge über Goethes Leben und Wirken, über die goetheanistische Erkenntnismethode, Geistesgeschichte und Anthroposophie prägten eine junge Generation norwegischer Anthroposophen. Die Osloer Rudolf Steiner-Schule wurde nach dem Krieg von Menschen aus diesem Kreis aufgebaut.

Als die Nationalsozialisten Aktionen gegen die Osloer Studenten unternahmen, floh Brodersen mit Jens Bjørneboe nach Schweden. Sie fanden bei Karl Engqvist, einem Pfarrer der Christengemeinschaft, in Stockholm Aufnahme. Für Brodersen ergab sich aus dieser Begegnung ein neues Lebensthema, die Christologie.

Im Studium hatte sich Brodersen mit dem Gedankengut Søren Kierkegaards auseinander gesetzt. Es ist deutlich, dass Kierkegaards Einfluss seine Haltung zur Anthroposophie prägte. Brodersen wehrte sich dagegen, die Anthroposophie als ein „Hegelsches System“ von Hierarchien, Kultur-

epochen und Wesensgliedern aufzufassen. Er reagierte vehement, wenn jemand Aussagen Steiners äußerlich zusammensetzte, sie mit eigenen Ideen mischte und das als Anthroposophie bezeichnete. Nein, das Erlebnis der Anthroposophie musste existenziell sein. Die Wahrheit musste individuell geformt werden.

Nach dem Krieg versuchte er Anthroposophie mit einem Beruf zu verbinden. Beim Aufbau der Rudolf Steiner-Schule in Oslo wurde er eine Zentralfigur, sowohl als Mitarbeiter der Schule wie als Schulrepräsentant in der Öffentlichkeit.

In dieser Zeit heiratete er Christa, eine Tochter Conrad Englerts, mit der er drei Kinder hatte.

Neben seiner Lehrtätigkeit schrieb Brodersen Artikel und Bücher, meist zu pädagogischen Themen. In Norwegens größter Tageszeitung veröffentlichte er im Januar 1993 einen Artikel, in dem er folgenden, für ihn charakteristischen Gedanken äußerte: „Keine Schule braucht in erster Linie neue Lehrpläne, Fächer, usw., sie braucht ein neues Fundament für Erziehung und Unterricht, ein Kulturfundament. Und dabei handelt es sich nicht um mehr Information oder um eine neue Technik, es ist eine Frage des Glaubens und der Haltung. In totalitären Staaten sorgt die Partei hierfür, aber in einer freien Gesellschaft muss dies auf eine andere Art entstehen. Es muss ein freies, produktives Geistesleben geben, das beides wecken kann, Glaube und Handlungswillen. Ein solches Erwecken brauchen die Lehrer, um den Aufgaben zu begegnen, die unsere Zeit ihnen stellt.“ (Aftenposten, am 13.1.1993)

Sein literarisches Engagement führte neben der Mitarbeit an verschiedenen Zeitschriften (Horisont, Libra, Frisprog u.a.) 1966 zu der Studie „Erziehung zur Freiheit – über die Arbeitsmethode einer Steiner-Schule“ und 1969 zur Veröffentlichung des Buches „Schule und Anti-Schule“ mit dem Untertitel: „Ist die norwegische Schule reif für eine Revolution?“.

Im Jahre 1971 wurde er Mitarbeiter der neu gegründeten Rudolf Steiner-Schule in Bærum (bei Oslo), musste seine Tätigkeit jedoch nach vier Jahren aufgeben, da er an Krebs erkrankte. Dennoch hatte er genügend Kraft für einen dritten pädagogischen Neubeginn: die Gründung einer Lehrerausbildung mit dem Namen „Rudolf Steiner-Hochschule“ in Oslo im Jahre 1981. Hier unterrichtete Brodersen bis 1995, er war Gastdozent am Rudolf Steiner-Seminar in Järna, Schweden, und war zeitlebens der herausgeberischen Tätigkeit der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung in Dornach verbunden. Er starb im Februar 1998 in Oslo.

Oddvar Granly


Werke: als Redaktor: Oppdragelse til frihet. Om arbeidsmåten i en Steinerskole, Oslo 1966; Skole og antiskole. Er den norske skole moden for revolusjon? Oslo 1969; mit anderen: Mennesket først, Oslo 1996; Underveis – Essays og artikler, Oslo 1997; Lernen durch das Kind, Dornach 2002; Beiträge in An, Bfa, BGA, Hor, KH, L, MaB, Med, Msch, Ns, Sts, Vn.
Literatur: Gespräche durch viele Jahre mit ihm. Archiv der AG in Norwegen. Auch autobiografisch: Bjørneboe og antroposofien, in: L 1996, Nr. 3-4; Selbstbiografische Skizze in: Underveis, Oslo 1997; Festskrift Karl Brodersen 80 år, Oslo 1997; Redaksjon, Gratulation, in: L 1997, Nr. 3–4; Granly, O.: Karl Magnus Brodersen, in: L 1998, Nr. 1; Frøseth, B.: Karl Brodersen, in: Mlb 1996, Nr. Maj; Waage, P. N.: Versuch zu einem Porträt von Kalle, in: Lernen durch das Kind, Dornach 2002.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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