Alexander Alex Baum
Baum, Alexander Alex

*31.08.1910 Wien (damals Österreich–Ungarn)
†04.11.1975 München (Deutschland)









Alexander (Alex) Baum kam als einziges Kind seiner jüdischen Eltern im 9. Bezirk von Wien zur Welt. Die Familie sprach ungarisch in ihrem Heim und war erst kurze Zeit vor seiner Geburt nach Wien gezogen. Die Mutter war Kleidermacherin, mit einer Werkstatt in der eigenen Wohnung; der Vater war Buchhalter. Alex ging mit vierzehn Jahren von der Schule ab und arbeitete danach in einer Hemdenfabrik. Mit zweiundzwanzig Jahren machte er das Abitur in Abendkursen.

Mit 18 Jahren stiess Alex zu der schon bestehenden Freundesgruppe von Studenten des Wasa Gymnasiums, Hans Schauder, Rudi Lissau, Bronja Hüttner und Edi Weissberg . Es kamen auch Sali Gerstler (Barbara Lipsker), Lisl Schwalb (Schauder), Trude Blau (Amann) und noch andere dazu und bildeten eine Jugendgruppe, die jeden Sonntag im Wiener Wald wanderten und dann den Abend in kultureller Art mit Dichtung und Musik verbrachten. Nach einiger Zeit begannen sie zusammen Anthroposophie zu studieren. Alex wurde in Österreich im Oktober 1934 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.

Um 1930 hörte er von der Existenz der Christengemeinschaft, die seit 1927 in Österreich wirkte. Als Priester zu dieser Zeit gab Rudolf Frieling vielen jungen Menschen in Wien wesentliche Anregungen.

Nachdem Karl König im Jahr 1936 nach Wien zurückkehrte, bat er Rudi und seine Freunde zu sich, wodurch eine neue Jugendgruppe mit neuen Zielen entstand. Im Laufe des Winters 1936-37 kamen Thomas Weihs, Peter und Alix Roth und Carlo Pietzner dazu. Beim letzten Treffen, am Abend des “Anschlusses”, am 11. März 1938, bei Kerzenlicht und geschlossenen Vorhängen, wurde der Entschluss gefasst, sich in einem fremden Land zu treffen und zusammenzuarbeiten. Dies geschah und ist später als Camphill bekannt geworden.

Alex begann das Studium der Chemie an der Wiener Universität 1933 und war 1938 mit seiner Doktorarbeit beschäftigt. Sein Forschungsgebiet war Kunststoff und seine Ergebnisse wurden im Juli 1938 in London, zu einem Zeitpunkt wo er von Österreich geflüchtet war, in den ”Transactions of the Faraday Society 34, 797-99” publiziert.

Alex floh von Österreich am 4. Juli 1938, wo er seine Eltern zurückliess und sie später auch nicht wieder sah. Seine Eltern Arthur und Rosa mussten ihre Wohnung verlassen und wohnten daraufhin in einem überfüllten Haus für Juden. Sie wurden dann am 28. November 1941 in das Ghetto von Minsk abgeschoben, wo sie ermordet wurden. Alex hat fast nie von seinen Eltern gesprochen und auch Wien nicht wieder besucht.

Alexs Fluchtweg führte durch Italien, die Schweiz und dann nach Paris. Zehn Monate lang war er in einem T.B.-Krankenhaus versteckt, dank eines anthroposophischen Arztes. Die Genehmigung zur Einreise nach Grossbritannien kam eine Woche vor der Kriegserklärung.

Alex reiste zum nordöstlichen Schottland, wo die Jugendgruppe eine sichere Bleibe im Kirkton House bei Insch in Aberdeenshire gefunden hatte. Als die ”Battle of Britain” bedrohlich wurde gab Winston Churchill den Befehl ”Collar the lot” ("nehmt sie alle am Kragen"), um der Panik in Grossbritannien vorzubeugen, alle Ausländer sollten interniert werden. Alexs Name war auf der Passagierliste der “Arandora Star” die am 2. Juli 1940 von Liverpool nach Kanada segelten sollte. Der Schiffskapitän protestierte ernergisch wegen der Gefahr der Überfüllung und verlangte, dass die Zahl der Passagiere halbiert werde, wogegen sich die Behörden weigerten. Die ”Arandora Star” wurde von einem Deutschen U-Boot 180 Kilometer vor der irischen Küste torpediert und sank, wobei 743 Internierte ums Leben kamen. Alexs Name war im letzten Augenblick von der Passagierliste gestrichen worden und auf die eines anderen Schiffes gesetzt. Durch die Flucht von Wien hatte er sein eigenes Leben gerettet. Jetzt wurde ihm klar, dass sein Leben gerettet war, weil er die Arandora Star verpasst hatte – dieses Mal durch eine andere Macht als die eigene.

Alex kam in Frühjahr 1941 von Kanada zurück. Zu diesem Zeitpunkt waren die Frauen nach Camphill bei Aberdeen umgezogen. Therese (Thesi) von Gierke, Alexs zukünftige Frau, kam nach Camphill im Herbst 1941. Sie war schon 1937 nach England gekommen, um die Kinder des Waldorflehrers William Mann zu versorgen. Thesi wurde am 22. Juni 1913 in Karlsruhe geboren. Ihre Eltern waren der Pathologe Prof. Dr. Edgar von Gierke und Julie von Gierke (geb. Braun). Mit ihren drei Brüder erlebte sie eine gute Kindheit. Thesi hatte Deutschland verlassen, weil ihre Grossmutter väterlicherseits Lili von Gierke (geb. Loening) einer bedeutenden jüdischen Verlegerfamilie aus Frankfurt/Main entstammte. Thesis Grossvater war der bekannte Rechtswissenschaftler Otto von Gierke. Ihre Tante, Anna von Gierke, leitete bereits in sehr jungen Jahren erfolgreich das weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannte "Jugendheim", eine umfassende soziale Erziehungs- und Bildungsstätte wo auch Thesi eine Ausbildung gemacht hatte. Thesi konnte auf der Grundlage von Anna von Gierkes Sozialarbeit und pädagogischen Prinzipien ihr eigenes Denken und Wirken aufbauen.

Adam Bittleston hielt die Trauung von Alex und Thesi in Camphill am 22. Februar 1942, am Tag wo Sophie Scholl in München hingerichtet wurde. Dem Paar wurden vier Kinder geschenkt. Während des Krieges war Alex verantwortlich für den Garten und seine grosse Liebe für Gartenarbeit entstammt dieser Zeit.

St. John’s School wurde 1947 in Camphill für alle Kinder dort gegründet. Alex wurde gleich am Anfang ein aktiver Lehrer und seine Kenntnisse der Chemie wurden sehr geschätzt. Er unterrichtete viele Jahre und wurde später ”ein Lehrer der Lehrer”, wie ihn Peter Roth beschreibt. Catherine Grace, die Gründerin der St. Christopher School in Bristol, bat um Unterstützung, worauf Alex und Thesi für ein Jahr nach Bristol zogen, von 1950-51. In Bristol änderte Alex seine Handschrift stark, ein Zeichen für selbständige Disziplin. Nach weiteren Jahren als Lehrer in Camphill, Schottland zog Alex 1957 mit seiner Familie nach den Sheiling Schools in Ringwood im südlichen England. Dies war genau ein Mondknoten nach seiner Flucht von Wien. Er war dann dort eine weitere Mondknotenepoche bis zu seinem Lebensende.

Seine Frau Thesi lebte 33 Jahre in Sheiling bis zu ihrem Tod am 18. Mai 1990. Ihre Herkunft und ihre Interessen waren von seinen sehr verschieden. Diese Polarität ergab eine gute Zusammenarbeit. Alex war weniger mit der praktischen Seite des Lebens befasst, sondern mehr mit der ideellen Welt. Thesi stammte aus einer akademischen Familie war aber auch in der praktischen Arbeit ausserordentlich begabt. Sie liebte zu nähen und unterrichtete viele Schulkinder im Weben. Während Alexs Zeit im Sheiling entstand dort ein Kinderdorf mit Saal, vier Wohnhäuser, eine Turnhalle, Schulräume, eine Kapelle, ein Arztzimmer, ein Büro und ein Schwimmbad. Alex war initiativ beteiligt in der Gründung einer Eurythmie-Ausbildung, die als Camphill Eurythmy School bekannt wurde. Die jetzige Ringwood Waldorf Schule entstand durch Alex. Im Rückblick sagte die erste Lehrerin, Christine Polyblank dort: ”Alex hatte Weitsicht und auch Spürsinn, Überzeugung und Mut, die Dinge in die Wege zu leiten”.

Anke Weihs, eine Mitbegründerin von Camphill, beschreibt die letzten sieben Jahre seines Lebens: ”Alex weitete sein Interesse aus über Skandinavien, besonders Norwegen. Hier konnten seine positiven Fähigkeiten jungen Menschen zu raten und zu helfen sich frei entwickeln.” Alex gab Kurse an der Eurythmie Schule in München und während eines solchen Besuches starb er am 4. November 1975. Die Priesterin der Christengemeinschaft Irene Johanson hielt das Begräbnisritual und in ihrer Ansprache bei die Totenweihehandlung am folgenden Samstag beschrieb sie Alex Baum als einen grossen Baum, der seine Zweige weit ausbreitet: “Viele Vögel bauten ihre Nester in diesem Baum und empfingen dort Schutz, Nahrung, Hilfe und Verständnis”. Während ihrer Ansprache fingen die Vögel draussen im Garten an zu singen. Sobald die Predigt zu Ende war wurde der Vogelgesang immer stiller.

John Baum, Übersetzung von Friedwart Bock


Literatur: Roth, P.: Obituary, in: CaC 1975, Nr. Nov.; Weihs, A., Roth, P.,
Engel, M., Sachs, E.: Alex Baum, in: CaC 1975, Nr. Dec.; Rascher, E.-M.,
Pooler, R.: Alex Baum, in: CaC 1976, Nr. Jan; Müller-Wiedemann, H.:
Alexander Baum, in: MaD 1976, Nr. 115, Baum, J. in: Bock, F. (Hg.): The
Builders of Camphill, 2004




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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