Aldo Bargero
Bargero, Aldo

Ingenieur, Arzt, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Italien.

*23.04.1924 Berlin-Charlottenburg (Deutschland)
†15.03.1987 Milano (Italien)



Aldo Bargero gehört zu den herausragenden Gestalten der anthroposophischen Bewegung in Italien, für die er seit den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tode ununterbrochen tätig war. Er war ein Pionier der anthroposophisch-medizinischen Arbeit in Italien.

1924 in Berlin-Charlottenburg geboren, war er Sohn einer von der Ostseeküste stammenden Mutter und eines italienischen Ingenieurs: Auf diese Weise konnte er von der Geburt an preußischen Fleiß und piemontesische Bestimmtheit in seiner Seele verbinden. Nach der Geburt einer jüngeren Schwester zog die Familie nach Milano, und hier blieb er für sein ganzes Leben.

Er war ein besonders begabter Schüler, sodass er bereits mit 16 Jahren das Abitur mit Auszeichnung bestehen konnte. Danach wusste er nicht recht, was aus ihm werden sollte. Auf Rat des Vaters, der Werkzeugmaschinen aus Deutschland einführte, besuchte er die Technische Hochschule und wurde 1947 Diplomingenieur. Dies entsprach seiner Vorliebe für exaktes wissenschaftliches Denken, die in dem späteren Wirken für die Anthroposophie Früchte tragen sollte.

Daneben stieß er auf die soziale Problematik der Nachkriegsjahre und versuchte politisch aktiv zu werden: Als er Mitglied der Kommunistischen Partei werden wollte, ließ man ihn in einem Zimmer der Mailänder Sektion so lange warten, bis er sich enttäuscht entfernte. Eine solche Geduldsprobe war offensichtlich zu viel für ihn!

Als er schon als Ingenieur in einem Patentamt arbeitete, stieß er auf die Anthroposophie und auf die anthroposophische Medizin durch Lidia Baratto Gentilli, die im Auftrag von Marie Steiner begonnen hatte, Weleda-Heilmittel in Italien einzuführen. Wie im Traum, erzählte er später, verschlang er die Werke Rudolf Steiners über medizinische Themen, indem er mit dem Manuskript in der Hand auf Gebirgspfaden in den Dolomiten wanderte. Danach erwachte er und beschloss, Medizin zu studieren. Aus dem schüchternen, manchmal stotternden, von den Eltern verwöhnten Jüngling, der nur mit weißen Handschuhen ausritt oder an dem exklusiven Strand von Forte dei Marmi auf dem Rad fuhr, wurde ein energischer und zielbewusster Kämpfer für die Anthroposophie.

Die Jahre des Medizinstudiums, das er 1950–55 neben dem Ingenieursberuf absolvierte, verliefen schnell und waren gekennzeichnet durch die immer intensivere Beschäftigung mit der Anthroposophie. Wichtig in dieser Zeit sind eine der ersten Jugendtagungen am Goetheanum nach dem Krieg mit Wilhelm Lewerenz und die Bildung eines Jugendkreises in Milano. Schon mit 26 Jahren wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und mit 28 Jahren Mitglied in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Nach der Approbation kam er 1955 in die Arlesheimer Klinik, wo er ein Jahr lang Assistent von Gerhard Suchantke war. Einen relativ großen Teil dieser Zeit verwendete er allerdings, um seiner zukünftigen Frau, einer dort als Krankenschwester tätigen Finnin, Ulrika von Bonsdorff, den Hof zu machen. Trotz anfänglicher Zurückhaltung ihrerseits kam es doch zu einer glücklichen Ehe, aus der bald drei Kinder entsprangen: In der Nähe der ruhigen und verständnisvollen Frau Ulrika hat er immer den richtigen Hort gefunden, um eine gewisse Herbheit und Impulsivität des eigenen Charakters auszugleichen.

In Milano eröffnete er im Januar 1957 die erste anthroposophische Praxis in Italien, die er 30 Jahre lang ohne Unterbrechung führte. Die ersten Jahre waren äußerst schwierig, einerseits wegen der Einsamkeit, in der er sich als Arzt befand, und andererseits wegen der nur wenigen Patienten, die damals bereit waren, sich auf eine nicht konventionelle Weise behandeln zu lassen. Die freie Zeit, die er dadurch hatte, verbrachte er mit dem Studium der Anthroposophie und der anthroposophischen Medizin; dabei fand er Hilfe bei Herbert Sieweke, den er als Repräsentanten einer konsequenten und kompromisslosen Auffassung der anthroposophischen Medizin verehrte.

Im Laufe der Jahre bildete sich um Bargero ein zuerst kleiner, aber schon bald wachsender Kreis von interessierten Ärzten und Medizinstudenten, bis 1965 die italienische Ärztegruppe als eine Gruppe auf sachlichem Felde innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gebildet wurde. Diese Gruppe leitete er bis zu seinem Tode mit Kompetenz, Würde und unermüdlichem Einsatz. Den jüngeren Kollegen pflegte er zu sagen, dass die anthroposophische Medizin nicht als eine therapeutische Technik angesehen werden kann: Das Zentral-Anthroposophische stand für ihn immer im Vordergrund. Nur so kann man sein ungewöhnlich starkes Interesse für das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft, das zweite große Motiv seines Lebens, verstehen.

Für die Anthroposophie in Italien bedeutete er viel: Als immer wieder impulsierende Persönlichkeit mit einem großen organisatorischen Talent erreichte er, dass das anthroposophische Leben aus den privaten Kreisen von überwiegend älteren Mitgliedern heraustrat und anfing, eine Rolle im öffentlichen Leben zu spielen. Als Zeichen seiner ausstrahlenden Tätigkeit seien die großen, öffentlichen Einführungskurse in Milano sowie die im Laufe von wenigen Jahren gegründeten Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft in mehreren italienischen Städten erwähnt.

Mitte der 70er-Jahre wurde Bargero Generalsekretär der italienischen Landesgesellschaft, bald darauf Lektor der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Beide Aufgaben erfüllte er mit innerer Demut und mit vollem Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeiten auf eine selbstlose Weise.

Nicht nur durch seine Herkunft, sondern auch durch das zunehmende Bewusstwerden der Aufgaben der Zeit konnte er seine Interessensphäre für anthroposophische Tätigkeiten weit über die Landesgrenzen hinaus ausdehnen: In Finnland beispielsweise, wo er lange Sommerferien mit seinem Segelboot verbrachte, pflegte er während der dortigen Sommertagungen Vorträge und Kurse über die Michaelbriefe Rudolf Steiners zu halten. Auch bei Tagungen der italienischen Landesgesellschaft, die auf seinen Wunsch mehrmals am Goetheanum stattfanden, liebte er es, Freunde aus fremden Ländern einzuladen, um den kosmopolitischen Aspekt der modernen Mysterienkultur deutlich zu betonen.

Hinter einer nach außen streng und manchmal abweisend scheinenden Haltung pochte bei Aldo Bargero ein warmes Herz, das ein echtes Interesse für das Leben seiner Mitmenschen entflammen konnte. Das spürten die Patienten, die im Laufe der Jahre in immer größerem Maße aus ganz Italien und auch aus dem Ausland zu ihm strömten; Grund dafür waren nicht nur seine außerordentlich guten diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten, die er in ständigem Üben und Meditieren zu verbessern vermochte, sondern auch seine Haltung ihren inneren Problemen gegenüber. Für viele Menschen wurde Bargero aufgrund der fortwährenden inneren Arbeit an der Überwindung der eigenen Schwächen, die er den intimen Freunden gerne mitteilte, ein richtiger Lebensberater. Dabei bewahrte er tiefen Respekt vor der inneren Freiheit des anderen Menschen bzw. des Patienten: Mehr als durch Ratschläge wirkte er durch das persönliche Beispiel eines konsequent geführten Lebens bis in den Alltag hinein. Wiederholt sagte er, dass die Anthroposophie als solche das Heilmittel für viele Zeitkrankheiten sei: das hatte er an der eigenen Biografie erfahren, und tatsächlich wurde seine Praxis für viele, aus den verschiedensten geistigen Zusammenhängen stammende Menschen das Eingangstor in die Anthroposophie und in die Anthroposophische Gesellschaft.

Erst nach seinem unerwartet schnellen Tod infolge einer riskanten Operation konnte eines von seinen Lebenszielen erreicht werden: 100 anthroposophische Ärzte in Italien! Viele Kollegen, Freunde und ehemalige Patienten können noch heute deutlich spüren, wie er aus der geistigen Welt ihre Bemühungen für eine Befruchtung der Zivilisation durch die Anthroposophie begleitet.

Giancarlo Buccheri


Werke: Beiträge in Ant.
Literatur: Vorstand am Goetheanum: Aldo Bargero, in: N 1987, Nr. 13; Scalfi, G.: Aldo Bargero, in: N 1987, Nr. 32/33; Buccheri, G.: Dr. med. Aldo Bargero, in: WB 1987, Nr. 6; ders.: Aldo Bargero, in: BeH 1987, Nr. 5, auch in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000.




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