Victor Thylmann
Thylmann, Victor

Arzt.

*17.03.1893 Darmstadt (Deutschland)
†02.02.1951 Morecambe, Lancashire (England)

Victor wurde als jüngster Sohn in der Familie eines Oberlehrers geboren. Schon als Schulknabe war er, der Anregung seines fünf Jahre älteren Bruders Karl folgend, dem Geistigen zugeneigt. Er studierte in München einige philologische Semester, wurde durch Ritter-Mittel von einer ernsten Erkrankung (Scharlach mit Nierenschaden) geheilt und beschloss darauf, Medizin zu studieren, um diese Mittel in die Wissenschaft einzuführen. Der Anthroposophie begegnete er im Jugendalter durch seinen Bruder Karl, er sah die Mysteriendramen in München, wurde 1913 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und lernte Rudolf Steiner persönlich bei Marie Ritter kennen. Thylmann nahm seit dem ersten Ärztekurs (Dornach, 21.3-9.4.1920) an allen Entwicklungsphasen der anthroposophischen Medizin teil, widmete sein Leben in seiner Hamburger Praxis von 1921 an ganz deren Aufbau und Entwicklung und wurde im September 1924 in den inneren Führungskreis der Medizinischen Sektion am Goetheanum unter der Leitung von Ita Wegman aufgenommen.

Um sein Blickfeld zu erweitern, beschäftigte sich Thylmann neben dem Medizinstudium mit alternativen Heilmethoden, besonders der Homöopathie. Er arbeitete im Laboratorium von Marie Ritter. Von seiner Schwägerin Joanna Thylmann wird berichtet, wie er kurz vor dem Staatsexamen in einem Konzert an der Seite von Marie Ritter gesehen wurde, was einen Professor, der ihn zu prüfen hatte, zu der Äußerung veranlasste: „Wenn er mit dieser Kurpfuscherin verkehre, sei er bei seinem Talent eine Gefahr für die Wissenschaft.“ Er zog es deshalb vor, sein - glänzend bestandenes - Staatsexamen unbekannterweise in Tübingen zu absolvieren.

Als Otto Palmer 1921 nach Stuttgart übersiedelte, um das neu eröffnete Klinisch-Therapeutische Institut des Kommenden Tages als Arzt zu leiten, übernahm Victor Thylmann dessen Praxis in Hamburg. Er arbeitete dort über zwei Jahrzehnte als praktizierender Arzt, als Schularzt in der Wandsbeker Goethe-Schule bis zu deren Verbot und als Vortragender. Sein Freund und Kollege Ernst Harmstorf, den er 1922 bei einer Zusammenkunft von Ärzten anthroposophischer Gesinnung kennen lernte, schreibt über Thylmanns erste Hamburger Zeit: „Immer wieder betonte er mir in Gesprächen, dass er sich einstmals geschworen habe, die Main-Linie nordwärts nicht zu überschreiten, und er nun doch im kalten und spröden Hamburg sitze.“ Das hinderte ihn aber nicht, seine anthroposophisch-ärztlichen Tätigkeiten von Jahr zu Jahr zu erweitern. Thylmann, dessen humorvolle Originalität einen seltenen Gemütsreichtum barg, war durch seine spontan ausströmende Wärme ein „geborener“ Arzt. „Der Kontakt mit dem Fremden fand sich in den allermeisten Fällen sofort.“ (Harmsdorf) „Mancher Patient, besonders auch unter Bauern und Arbeitern, wird sich der schier unerschöpflichen Liebekraft erinnern, die er spenden konnte.“ (Joanna Thylmann) Julius Solti war eine Zeit lang Assistent bei Thylmann.

Thylmanns Leben ist von einem weltmännischen Zug geprägt. Er vertrat die Medizinische Sektion in Hamburg. Kurz bevor er in deren Führungskreis aufgenommen wurde, nahm er 1924 an Steiners Osterkurs für jüngere Ärzte (Dornach, 21.-25.4.1924) teil. Er suchte Stätten alter Kulturen auf, reiste oft übers Meer, nach Palästina, Alexandrien, zu griechischen und keltischen Mysterienstätten. Neben den Sammlungen von Mineralien, Kunst und Reiserinnerungen, einer eingebauten Orgel und alten Musikinstrumenten besaß Thylmann eine einzigartige okkult-medizinische Bibliothek in seinem Haus. All diese Schätze wurden 1943 bei den Bombenangriffen auf Hamburg durch Feuer zerstört. Er und seine Frau, die Märchendichterin Rotraut von der Wehl, überlebten die Angriffe, die Gegend ihres Wirkens aber lag in Trümmern.

Von 1943 bis 1948 besorgte Thylmann in Berneck im Fichtelgebirge eine Landpraxis. Wegen der Einsamkeit und aus gesundheitlichen Gründen fiel ihm die Arbeit dort aber schwer. Im Dezember 1948 folgte er mit seiner Frau einer Einladung Karl Königs nach Schottland und arbeitete eine Zeit lang in der Heilpädagogik. Anschließend gingen sie zu Freunden Rudolf Hauschkas nach England. Er konnte dort eine vor dem Krieg begonnene Arbeit fortsetzen und fand in Morecambe, Lancashire, den Ort seines Erdenabschieds, den Harmsdorf so beschreibt: „Er verließ den Erdenplan in England, wo er ein Haus unmittelbar am Meer bewohnte. Sein physischer Hingang war insofern ungewöhnlich, da eine in Erscheinung getretene Krankheit nicht vorhanden war - er legte sich am Abend hin und kehrte nicht mehr zurück.“

Oliver Conradt


Literatur: Thylmann, J.: Victor Thylmann, in: MaD 1951, Nr. 15; Harmstorf, E.: Erinnerung an Victor Thylmann, in: BeH 1951, Nr. 3 / 4, auch in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Schöffler 1987; Gehlhaar, S.: Kreuzwege zum Geist, Darmstadt 1989.




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