Albrecht Strohschein
Strohschein, Albrecht

Heilpädagoge.

*03.12.1899 Hamburg (Deutschland)
†01.10.1962 Hepsisau (Deutschland)











Albrecht Strohschein verankerte die spirituellen Ideale der Anthroposophie in der täglichen Praxis des menschlichen Zusammenlebens in drei von ihm im Laufe seines Lebens begründeten und geführten heilpädagogischen Heimen, ihren Internatsschulen und Mitarbeiterkollegien: „Lauenstein Jena“ (Thüringen), „Pilgramshain“ Striegau (Schlesien), „Michaelshof Hepsisau“ (Schwaben).

Gemeinsam mit Siegfried Pickert und Franz Löffler nahm er 1924 von Rudolf Steiner die entscheidenden Anregungen zu dieser Lebensaufgabe entgegen.

Sein Vater war Eisenbahner, ein wuchtiger „Schaffer“. Seine Mutter stammt von einfachen Tagelöhnern aus den nordwestlichen Ausläufern des Harzgebirges ab. Im Haushalt lebte auch ihre Mutter mit, deren Tod vom 14-jährigen Albrecht schauend miterlebt wurde. So waren Strohscheins Kindheit und Jugend von der Dynamik einfacher, willensbetonter Lebensverhältnisse im Umkreis der großen Güterbahnstation Lehrte bei Hannover geprägt. Er hatte zuletzt sechs Geschwister.

Albrecht löste sich während des Ersten Weltkrieges rasch von der Schulbank in Hildesheim, von der angefangenen Handelslehre und von zu Hause, um in den Krieg zu ziehen; jedoch ist seine Soldatenausbildung erst nach der Kapitulation November 1918 abgeschlossen, worauf er sich – in den sich auflösenden Sozialverhältnissen des Deutschen Kaiserreiches – selbst abmustert. Er ergreift die Möglichkeit, sich für ein so genanntes „Nachkriegsabitur“ einzuschreiben, wodurch ihm drei Monate später die Universität offen steht.

Einschneidender in diesen Monaten 1919 ist die Begegnung mit der Anthroposophie – durch Rudolf Meyer, den späteren Mitbegründer der Christengemeinschaft. Meyer reist in dieser Zeit als von Rudolf Steiner beauftragter Dreigliederungs-Redner durch Norddeutschland, Strohscheins Interesse erwacht und Meyer liest ihm drei Abende und Nächte aus der „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ vor: Strohschein weiß auf einen Schlag, „wofür er da ist“.

Er zieht nach Bremen und lernt durch Meyer den Großkaufmann Johannes Gottfried William Schröder kennen. Anfang Juni 1920 kommt er nach Stuttgart, um bei der „Kommenden Tag A.G.“ tätig zu werden. Er besucht alle ihm zugänglichen Vorträge Rudolf Steiners, welche in diesen Monaten in Stuttgart stattfinden. In der Bibliothek der noch nicht ein Jahr alten Freien Waldorfschule darf er die Gründungskurse der Allgemeinen Menschenkunde (GA 293) studieren und befreundet sich dabei mit Walter Johannes Stein und Eugen Kolisko.

Er schafft es drei Monate später, seine Teilnahme am ersten Hochschulkurs (GA 322), mit dem das Goetheanum in Dornach eröffnet wurde, zu erwirken.

Wieder drei Monate später verlässt er die Dreigliederungstätigkeit in Stuttgart, um bei Großkaufmann Schröder Hauslehrer zu werden und zugleich ein Philosophiestudium aufzunehmen. Er lernt die Polarität kennen zwischen der Lebensart der bekannten Künstlerkolonie Worpswede und den Fragestellungen der anthroposophischen Arbeitsgruppe Schröders, welche ausschließlich aus Arbeitern der Schiffswerft „Vegesack“ besteht.

Pfingsten 1922 nimmt er an dem groß angelegten anthroposophischen „West-Ost-Kongress“ in Wien teil. Hier trifft er u. a. mit Ernst Lehrs, René Maikowski, Wilhelm Rath und Fritz Kübler zusammen. Mit ihnen wird er zum Initiator der Jugend-Herbsttagung 1922 in Stuttgart (GA 217), bei der Rudolf Steiner sich ganz auf die inneren Fragestellungen der Jugend einstellte und Wege wies, wie Sehnsüchte und Wünsche nach dem Geist in eine Michaelgemeinschaft umgeschmiedet werden können.

Er hatte seinen Studienort inzwischen nach Jena verlegt. Zur Weihnachtszeit 1922/23 ist Strohschein in Dornach und wird zum Zeugen der Katastrophennacht, in der das Goetheanum abbrannte.

Ende Februar 1923 ist er als einer der Jugendvertreter bei den zermürbenden Delegiertenversammlungen der Anthroposophischen Gesellschaft in Stuttgart anwesend, wo Rudolf Steiner zuletzt den Vorschlag macht, eine der Jugend angemessene Freie Anthroposophische Gesellschaft zu gründen. Albrecht Strohschein wird in deren Jenaer Gruppe leitend tätig und weiß begeisterte Jugendliche um sich zu scharen.

Im Spätsommer 1923 bittet ihn Änne Trüper um Hilfe für die Einbeziehung anthroposophischer Methoden auf der „Sophienhöhe“, der Heilerziehungsanstalt ihres Vaters, Johannes Trüper, in Jena. Strohschein reicht den Brief sogleich an Siegfried Pickert weiter und dadurch wird dieser am 1. Oktober dort tätig, einen Monat später gefolgt von Franz Löffler.

Mit Strohschein besprechen die beiden die möglichen menschenkundlichen Hintergründe dieser Kinderschicksale, mit Strohschein reisen sie Weihnachten 1923 nach Dornach und werden so gemeinsam zu Zeugen der Neubegründung des Anthroposophischen Kulturimpulses bei der Weihnachtstagung. Strohschein vermittelt dort auch das „Urgespräch“ mit Rudolf Steiner. Er ist es auch, der das Haus „Lauenstein“ besorgt und bei der Einrichtung hilft. Allerdings erst beim Besuch Rudolf Steiners am „Lauenstein“ am 18. Juni 1924 macht sich Albrecht Strohschein Steiners Erwartung bewusst, dass er sich auch selbst ganz praktisch mit der heilpädagogischen Arbeit verbinde.

Nach dem kurz darauf stattfindenden Heilpädagogischen Kurs (GA 317) gibt er bald sein Studium ganz auf und setzt sich für den Aufbau der anthroposophischen Heilpädagogik ein. Das ökonomische Chaos in Deutschland nötigte zu größtem Erfindungsreichtum in der Beschaffung von Geldern, mit den Behörden waren ungewöhnliche Wege zu gehen.

Für diesen repräsentativen Aspekt der Aufgabe war Strohschein wie geschaffen – von stattlicher Statur, einem gepflegten Äußeren, einem aufrechten, schwungvollen Gang und einer Geradheit im Zugehen auf das, was von ihm verlangt wurde; außerdem zurückhaltend und ohne viel Worte, von gewählter Ausdrucksweise, sonorer Stimme. Er hatte gepflegte Hände, eine betonte Stirn und eine gerade, prononcierte Nase. Die Lippen waren weich und die Mundwinkel wie „schmeckend“ angezogen.

Nach dem frühen Tod Rudolf Steiners 1925 war es Ita Wegmans anregende und ordnende Hand, welche die ersten Gehversuche des „Kindes Heilpädagogik“ führen konnte. Sie entsendet Albrecht Strohschein 1927 nach Breslau. Er schließt sich zunächst der Arbeit der Geschwister Maasberg an, die in Tannenberg am Eulengebirge ein kleines Kindererholungsheim besaßen, das jetzt für die Heilpädagogik umgewidmet werden soll. Hier kommt es am Himmelfahrtstag 1928 zu dem Treffen mit Karl König. König ist zu Besuch bei Tilla Maasberg, Strohschein bittet ihn um seine Mitarbeit, König aber sucht „etwas Größeres“ und im selben Augenblick kommt das Angebot von Dorothea und Joachim von Jeetze, ihr Schloss Pilgramshain für die Heilpädagogik zur Verfügung zu stellen. König kommt als Institutsarzt hinzu.

Pilgramshain wird bald zu einem Kulturzentrum, wo sich Pioniere der Anthroposophie treffen: Ita Wegman, Eugen Kolisko, Walter J. Stein, Karl Schubert, die Haaß-Berkow-Schauspielgruppe, Valborg Svärdström-Werbeck u. a. Die Arbeit selbst wird von Pionierfamilien wie Ilse und Michael Rascher, Edith und Hermann Kirchner, von Walfriede Reinhardt sowie von Strohschein und seiner Gattin Helene Wolf getragen. Das Institut mit etwa 100 Betreuten, von den extremsten Schwachsinnigen bis hin zu schwer Verhaltensgestörten und auch erwachsenen Betreuten, alles in einem Schloss mit Riesensälen – ohne staatliche Finanzierung oder andere Daseinssicherung, musste vor dem Hintergrund des drohenden Nationalsozialismus durchgebracht werden. Zugleich musste man die heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft miterleben. Mit der Abberufung Ita Wegmans aus dem Vorstand und dem Ausschluss Karl Königs 1935 ist auch die heilpädagogische Bewegung zu einer „Außenseiterbewegung“ geworden, die sich nun umso mehr intern bemüht, das sie Verbindende, den Impuls der Weihnachtstagung 1923/24, zu pflegen.

Bald muss König aufgrund der Rassengesetze Deutschland verlassen. Strohscheins Aufgabe wird es mehr und mehr, die nationalsozialistische Gefahr vor der Tür zu halten: Einschüchterungsversuchen ist standzuhalten, die Isolierung der Kinder ist aufzufangen; der Kriegsbeginn bringt die sofortige Einberufung vieler männlicher Mitarbeiter – Strohschein aber wird nicht eingezogen. Am 25. Oktober 1940 wird Pilgramshain zwangsgeschlossen. Man hat die meisten Institutskinder nach Hause zurückgegeben, ein Treck mit „Berliner Rangen“ zog mit Walfriede Reinhardt in das brüderlich-gastfreie „Gerswalde“, das Institut Franz Löfflers.

Am 9. Juni 1941 schlägt die Gestapo zu: Pilgramshain wird jetzt enteignet, Albrecht Strohschein inhaftiert. Er kommt nach einem Monat auf freien Fuß. Um vor den Gestapospitzeln geschützt zu sein, meldet er sich für den Kriegsdienst. Zuerst aber schließt er einen neuen Ehebund mit der jungen, begabten Heilpädagogin Lore Schweiker.

Strohschein erlebt den grausamen Winter 1941/42 in Odessa, wird für die weitere Kriegszeit als Chauffeur weit hinter die Front nach Rumänien beordert. Er soll regelmäßig an der geheimen anthroposophischen Arbeit des Zweiges in Bukarest teilgenommen haben. Kurz vor der Einkesselung Bukarests durch die Sowjetarmee im August 1944 entkommt Strohschein, erlebt die Auflösung der deutschen Front in Banja Luka in Nord-Jugoslawien und schlägt sich allein nach Hause durch. Es ist Pfingsten 1945, als er tatsächlich auf abenteuerlichen Wegen im Institut Eckwälden bei Göppingen am schwäbischen Albrand ankommt. Dieses von Franz Michael Geraths begründete Institut diente verabredetermaßen als Sammelstelle für die sich neu formierende Heilpädagogenschar.

Albrecht Strohschein sucht sofort nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten: Das ehemalige Erholungsheim am Steilhang der Schwäbischen Alb war während der Nazizeit länger in SA-Besitz und ist komplett eingerichtet: Betten, Bettwäsche, Möbel, Kücheninventar, Geschirr, Besteck, Musikinstrumente – alles signiert mit „SA“ – „Strohschein Albrecht“. Er bekommt das Haus tatsächlich und so entsteht der „Michaelshof Hepsisau“. Eine Reihe von „Pilgramshainern“ zieht dort ein, bereichert um den Zuwachs neuer talentierter Heilpädagogen, die gemeinsam den Michaelshof über Jahrzehnte zu einer weithin ausstrahlenden Einrichtung machen werden. Dazu zählt das Musiker-Ehepaar Maja und Julius Knierim.

Für Albrecht Strohschein selbst ist diese Epoche, neben der Wachstumsphase eines größeren Kollegiums, auch die Zeit der Neuanknüpfung an viele durch die Nazizeit abgerissene Beziehungen, sowohl innerhalb der internationalen heilpädagogischen wie in der anthroposophischen Bewegung. Eine tiefe Freundschaft verbindet ihn mit Bernard C. J. Lievegoed und auch mit den Bemühungen aus den Niederlanden, die Wunden innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft wieder zu heilen: Er gehört Weihnachten 1948/49 im Arlesheimer Kreis um Willem Frederik Zeylmans van Emmichoven zu den zwölfen, unter denen das Motiv des „Fortwirkenden der Weihnachtstagung“ geboren wird, und trägt es über Jahre mit.

Seine Initiativkraft steht Pate bei der Neubegründung zahlreicher Heime und dem zu schaffenden Zusammenhalt der heilpädagogischen Bewegung. Er wird zu einem hoch geschätzten Dozenten an dem von ihm mit Franz Michael Geraths 1950 begründeten heilpädagogischen Seminar in Eckwälden – die Jugend erlebt ihn als einen, „der nichts für sich will“.

Im Zuge der neuen Sozialgesetzgebung nimmt das Leben im „Michaelshof“ etabliertere Formen an, die Finanzverwaltung wird Strohschein aus der Hand genommen und er, der ebenso weltmännisch wie sparsam mit Geld umzugehen verstand, verliert ein Standbein. Er fragt sich öfter und immer eindringlicher, ob er sich wieder einer Neugründung anschließen soll. In einer gesundheitlich instabilen Phase tritt ein Hirnschlag ein und versetzt ihn für einige Tage in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwacht. Am 1. Oktober, im Morgengrauen, haucht Albrecht Strohschein mit vernehmlicher Betonung den letzten Atem aus. Damit ist ein „königliches Leben im Bettlergewand“, wie Julius Knierim es charakterisierte, abgeschlossen.

Alfred Kon


Werke: Das Heil- und Erziehungsinstitut für seelenpflege-bedürftige Kinder
Lauenstein-Zwätzen, Jena, in: Kolisko, E. [Hrsg.]: Bilder von der Freien
Waldorfschule, Stuttgart 1927; Die Entstehung der anthroposophischen
Heilpädagogik, in: Krück von Poturzyn, M. J. [Hrsg.]: Wir erlebten Rudolf
Steiner, Stuttgart 1957; Übersetzung ins Englische erschienen.
Literatur: Krück von Poturzyn, M. J.: Aufbruch der Kinder 1924, Stuttgart
1961; Börsch, M.: Dem Gedächtnis Albrecht Strohscheins, in: N 1963, Nr. 40;
Götte, F.: In memoriam Albrecht Strohschein, in: N 1963, Nr. 41; ders.: In
memoriam Albrecht Strohschein, in: DD 1963, Nr. 1; Kirchner, H.: Im
Gedenken Albrecht Strohscheins, in: SbK 1963, Nr. 1; ders.: Albrecht
Strohschein, in: MaD 1963, Nr. 63; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten
der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; GA 260a, ²1987; Schöffler 1987;
Lindenberg, Chronik 1988; GA 317, 8 1995; Kon, A.: Albrecht Strohschein,
in: SHS 1995, Nr. 4; ders.: Ein Pionier der Heilpädagogik: Albrecht
Strohschein, in: MaD 1999, Nr. 210 und 2000, Nr. 211; Grimm, R. [Hrg.]:
Neues kommt nicht von selbst, Dornach 1999.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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