Karl Schubert
Schubert, Karl

Pädagoge.

*25.11.1889 Wien (damals Österreich-Ungarn)
†03.02.1949 Stuttgart (Deutschland)







Karl Schubert war der erste Pädagoge, der die weitere Entwicklung der anthroposophisch orientierten Arbeit mit behinderten Menschen stark prägte.

Unter fünf Geschwistern wuchs er als drittes Kind in Wien auf. Er war Halbjude und wurde katholisch getauft. Die nahen Kirchen übten auf sein tief religiöses Wesen eine besondere Anziehung aus, das Miterleben des Kultus und der Rituale hinterließ lebensbestimmende Eindrücke. Die kindliche Religiosität verlor sich während der Klagenfurter Gymnasialzeit. Rückblickend schrieb er selbst: „Dann begann ich immer mehr, mich auf die Suche zu machen nach dem Wesen der Dinge, nach Gott und der Unsterblichkeit. Ich verbrachte oft zwei bis drei Stunden in der Kirche mit Beten. Ich wollte so gern die Andacht finden und konnte nur den Kopf betätigen. Es war nur der Verstand, der gebetet hatte. Das Herz ging nicht mit. Ich hätte so gern ein Heiliger werden wollen, doch reichte die Kraft nicht aus.“ (unveröffentlichte Autobiografie)

1903 – mit 14 Jahren – hörte er in Klagenfurt mit seinem Vater und dem zwei Jahre älteren Bruder den ersten Vortrag theosophischer Art von Edwin Böhme: „Der Tod und was dann?“ In dem theosophischen Zirkel begegnete er dem 30 Jahre älteren Guido Ratzmann, der sein väterlicher Freund und späterer Gönner wurde. Ratzmann hatte 1906 Vorträge von Rudolf Steiner in München gehört und seine Begeisterung führte dazu, dass jetzt in der theosophischen Gruppe Vorträge von Steiner gelesen wurden. Vom 26. bis 28. November 1908 hielt Rudolf Steiner anlässlich der Gründung des theosophischen Zweiges in Klagenfurt drei Vorträge. Hier fand die erste Begegnung des 19-Jährigen, der ein Jahr zuvor Mitglied der Theosophischen Gesellschaft geworden war, mit Rudolf Steiner statt: „Ein Fundamental-Gefühl von Mensch-sein ergriff die Seele, während man ihm zuhörte. [...] Mit diesen Ideen, die man im ersten Vortrage aufnahm, konnte man eben leben, weil sie nicht nur gedacht waren, sondern im Geiste lebten. Sie begleiteten einen weiter. Man bekam das Bewusstsein des Weges.“ (unveröffentlichter Brief)

Schubert begann 1908 das Studium der Geschichte, Literatur und Philosophie vor allem in Wien, der Schwerpunkt aber lag bei den Sprachen Französisch und Englisch mit Gastsemestern an der Pariser Sorbonne und dem Kings College in London. Mit einer Arbeit über Friedrich Rückert wurde er 1915 promoviert. Aus einem gemeinsamen Kreis in der Wiener Studienzeit berichtete Rudolf Hauschka: „Schubert ließ oft in unseren Abenden etwas Anthroposophie antönen. Wir hatten aber damals noch kein Organ dafür. [...] Immerhin nahmen wir wahr, dass seine Äußerungen von einer eminenten geistigen Kraft getragen waren.“ (Hauschka 1966, S. 35f)

Im Ersten Weltkrieg diente Karl Schubert in der österreichischen Armee und kam in russische Gefangenschaft. Während all der Jahre begleitete Rudolf Steiner seinen inneren Entwicklungsweg, der ihn befähigte, später selber in seinen Vorträgen aus der lebendigen Geisterfahrung der Anthroposophie zu sprechen. Mittelpunkt seines Erkenntnisbemühens war die anthroposophische Menschenkunde als eine christlich-trinitarische, da sie das Erleben des Christus in sich schließt. An der Weihnachtstagung 1923 betraute Rudolf Steiner ihn mit dem Vortrag „Anthroposophie, ein Führer zu Christus“ und autorisierte ihn 1924 als „Goetheanum-Redner“ zur Vertretung der Anthroposophie in der Öffentlichkeit. Sein diesbezügliches Erleben fasst er in einer späteren Tagebuch-Notiz so zusammen: „Gegenseitig sich als übersinnliches Wesen empfinden, lernt der Mensch aus der Anthroposophie und findet dadurch den Weg zu Christus.“ (unveröffentlicht) Ein solcher lebenslanger Weg war für ihn auch das Sich-Verbinden und Leben mit den Gestalten der Oberuferer Weihnachtsspiele als Mitspieler und als Regisseur.

Karl Schubert hatte 1916 Helene Nierl geheiratet und 1919 war ihr Sohn zur Welt gekommen. Er bewarb sich bei Emil Molt an der Waldorfschule in Stuttgart und wurde im März 1920 als Lehrer für Englisch, Französisch, Latein und Griechisch angestellt. Rudolf Steiner betraute ihn aber sofort mit der Führung einer „Hilfsklasse für die ganz Unbegabten“. Er vertraute dabei auf Schuberts Herzenskräfte, auf sein Leben in und mit der Menschenkunde und gab ihm nur gelegentliche Hinweise für den Unterricht. Schubert war der erste heilpädagogisch tätige Waldorflehrer, während die eigentliche anthroposophische Heilpädagogik erst wenig später beginnt: durch die Initiativen Ita Wegmans in Arlesheim, der jungen Studenten Albrecht Strohschein, Siegfried Pickert und Franz Löffler in Jena und dann 1924 durch den Heilpädagogischen Kursus (GA 317) innerhalb der Medizinischen Sektion.

Steiner charakterisierte Schuberts „heilpädagogische Qualität“ als eine Liebe, die bei den Kindern nichts moralisch nimmt, sondern alles durch Krankheit und Gesundheit versteht. Schubert trug selbst durch seine schwere Leiblichkeit eine schmerzliche Bürde. Seine leicht gebeugte Haltung wurde dominiert von einem ausdrucksvollen Kopf, den er immer leicht geneigt, wie lauschend hielt. Sein Gang war schwer und willenshaft. Zu seinem Freund Walter Johannes Stein sagte er einmal: „Weißt du, wenn ich gehe, dann schwankt der Boden unter mir. Darum gehe ich so schwer. Mir ist, wie wenn ich auf der wogenden See im Sturme ginge – all mein Leben.“ (Stein 1949)

Schubert wirkte für die Anthroposophie in der Öffentlichkeit und in der Anthroposophischen Gesellschaft durch zahlreiche Vorträge bis in die letzten Tage seines Lebens. Es lag ihm daran, die schöpferische Kraft, die in der Anthroposophie für die Erziehung, die Religion und das Leben überhaupt liegt, darzustellen. Alles wissenschaftliche Vermitteln von anthroposophischen Bildungsinhalten lag ihm fern. Steiner schätzte Schuberts Wahrhaftigkeit und bat ihn oft um Beiträge – so an den Stuttgarter Hochschulwochen 1921, auf dem „West-Ost-Kongress“ 1922 in Wien, zu dem Sommerkurs in Ilkley 1923 oder im Arnheimer Kurs 1924: „Dr. Schubert wirkte so überzeugend für die Wahrheit der Waldorfschule im Ganzen.“ (GA 300c, S. 90)

Eine radikale Wende erfuhr Schuberts Leben 1934: „Im Mai 1934 musste ich die Waldorfschule wegen meiner jüdischen Abstammung (Mischling 1. Grades) verlassen. Ich erhielt dann von der Ministerialabteilung für die Volksschulen die Erlaubnis für meinen privaten Hilfsklassenunterricht.“ (Lebenslauf zur „Entnazifizierung“, ca. Sommer 1945, unveröffentlicht)

In einer Stuttgarter Privatwohnung arbeitete er mit seinen Kindern und im Zusammenhang mit den Kollegen weiter. Als die Waldorfschule 1938 von den Machthabern des „Dritten Reiches“ geschlossen wurde, konnte er seine Hilfsklasse während des Krieges weiterführen – sie wurde übersehen, da sie offiziell nicht mehr zur Schule gehörte. Seine Gruppe umfasste 30 bis 40 Kinder. Zu den lernschwachen war eine Anzahl von Kindern mit Down-Syndrom gekommen. Überraschend und rätselhaft bleibt, warum seine Schützlinge nicht dem Euthanasie-Gesetz zum Opfer fielen. Schubert selbst stand noch 1944 wegen seiner jüdischen Abstammung auf einer Liste zur Deportation in ein Arbeitslager, was durch den Einsatz von Freunden bei den Behörden verhindert werden konnte.

Nach dem Krieg traf Schubert ein herber Schlag und eine ebenso tiefe Verletzung. Als die Waldorfschule 1945 ihre Arbeit wieder aufnahm, trat er zwar wieder in das Kollegium ein und übernahm wie vordem den freien christlichen Religionsunterricht – seine heilpädagogischen Schüler aber sollten nicht voll in die Schule integriert werden. Mit großer Sorge beobachtete Schubert schon seit dem Tod Steiners – und nach dem Krieg vermehrt – einen wachsenden wissenschaftlich-intellektuellen Zug im Umgang mit der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik. Er trat in seiner ebenso vehementen wie von Verehrung für Rudolf Steiner bestimmten Art gegen diese Entwicklung in Vorträgen und Darstellungen auf, was mancher als peinlich oder lästig empfand. Schubert litt darunter, aber durch seine Demut war er in seinem Wesen unantastbar. Am 30. Januar 1949 wurde er mit akuter Pankreatitis ins Krankenhaus eingeliefert. Am 3. Februar starb er.

Für einige seiner Freunde blieb es ein Rätsel, wie gerade Karl Schubert bei seiner Verbundenheit mit der Anthroposophie sein Leben lang bekennender Katholik bleiben konnte. Er selbst deutete einmal an, dass er das Verstehen des Christus Rudolf Steiner verdanke, aber ebenso die Erkenntnis, dass das Verstehen der Kirche verloren gehe. Dieser entleerten Form, der er doch sein erstes religiöses Erleben in der Kindheit und Jugend verdankte, wollte er die Treue bewahren.

Hans-Jürgen Hanke


Werke : Friedrich Rückert als Dramatiker. Dissertation, Wien 1915; Die
Hilfsklasse, in: Kolisko, E. [Hrsg.]: Bilder von der Freien Waldorfschule,
Stuttgart 1927; Rudolf Steiner als Vorbild für Lehrer und Heiler, in: Das
seelenpflege-bedürftige Kind, Dornach 1930; Beiträge in Sammelwerken,
weitere in CH, DD, DsO, EK, FW, G, MaD, MPK, Msch, Na, SbK, VOp, WdN, ZP.
Literatur : Husemann, G., Geraths, F., Schumacher, H., Stein, W. J., Hahn, H.,
Borchert, M.: Gedenkheft für Karl Schubert, in: MPK Ostern 1949, Nr.1;
Hauschka, R.: Wetterleuchten einer Zeitenwende, Frankfurt/M. 1966;
Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O.
1970; GA 300, 1975; Husemann, G. u. a.: Karl Schubert, in: Husemann, G.,
Tautz, J.: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977; Lindenberg,
Chronik 1988; Hanke, H.-J.: Zum Gedenken an Karl Schubert, in: MaD 1989,
Nr. 170; Hanke, H.-J.: Zum Gedenken an Karl Schubert, SbK Ostern 1990;
Fucke, E.: Siebzehn Begegnungen, Stuttgart 1996.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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