Manfred Schmidt-Brabant
Schmidt-Brabant, Manfred

Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Leiter der Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum.

*25.04.1926 Berlin (Deutschland)
†11.02.2001 Arlesheim (Schweiz)















Manfred Schmidt-Brabant war ein Mensch des Wortes, nicht der Schrift. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gehörte er zu den umfassend gebildeten und prägenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft, er war trotz seiner lebhaften, aufgeschlossen humorvollen Art ein unprätentiöser und bescheidener Mensch.

Berlin, wo er als einziges Kind seiner liebevollen Eltern aufwuchs, prägte ihn durch Museen, Theater, Konzerte, Opern und die ausgedehnten Parkanlagen, durch den schnellen Witz der Menschen. Seine Kindheit war glücklich, obwohl die dunklen Wolken der politischen Verhältnisse sich schon zusammenzogen. Er musizierte, hatte ein phänomenales Erinnerungsvermögen und lernte früh lesen – das Lesen und Studieren blieb sein Leben lang eine Leidenschaft, die ihm einen weiten kulturellen Horizont erschloss. Er besuchte das Realgymnasium und zeigte eine Begabung für Mathematik und Chemie. Zu Hause hatte er ein kleines Labor für seine manchmal abenteuerlichen Experimente. Viel später studierte er die rosenkreuzerische Alchemie.

Wegen des Zweiten Weltkrieges musste er 1943 mit kaum 17 Jahren ein Notabitur ablegen und kam in die Marine-Offiziersausbildung. Die nationalsozialistische Sache ließ ihn unberührt, wurde aber später vom Gesichtspunkte des Verbrechens an der Menschheit ein Forschungsgebiet für ihn. Als kostbarstes Buch hatte er immer Goethes „Faust“ dabei. Beim Lazarettdienst lernte er, was Leiden bedeutet und wollte nach dem Krieg Arzt werden. Sein Wunsch, in Heidelberg mit dem Studium der Medizin zu beginnen, wurde dem Berliner durch den Numerus clausus verwehrt. Er entdeckte die Werke Rudolf Steiners und wurde Ostern 1949 Mitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Im Sommer begegnete er anlässlich einer Faust-Aufführung zum ersten Mal dem Goetheanum – 50 Jahre später hielt er dort während der Faust-Festspiele am Goetheanum seinen achten und letzten Vortragszyklus zum Faust.

1950 kehrte er nach Berlin zurück. In einem Kreis junger Menschen in der Christengemeinschaft lernte er seine erste und auch seine zweite Frau kennen. In diesem Jahrzehnt wurden die beiden Söhne geboren. Er kam in Berlin mit Anthroposophen zusammen, die zu Rudolf Steiners persönlichen Schülern zählten, darunter Anna Samweber, Franz Löffler und Martin Münch, den er ,,seinen frühen Lehrer“ nannte. Manfred Schmidt-Brabant fasste den Entschluss, sein Leben dem Wiederaufbau der anthroposophischen Arbeit und der Anthroposophischen Gesellschaft zu widmen. Er war bald einer der Initiativträger, um die großen Jahrestagungen der Landesgesellschaft einzurichten. Daraus entstand die Berliner „Abendschule“, zunächst mit Einführungen in die Anthroposophie, im Jahre 1965 liefen an dieser Schule bereits 19 verschiedene Kurse mit insgesamt etwa 250 Teilnehmern. Er wurde ein profunder Kenner des Werkes Rudolf Steiners und der Geschichte der anthroposophischen Bewegung, baute das Landesarchiv der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft auf, arbeitete in ihrem Vorstand mit und engagierte sich beim Aufbau vieler anthroposophischer Einrichtungen, vor allem aber in der Arbeit der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Am 23. März 1975 wurde er bei der Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft von über 1000 Mitgliedern als Vorstandsmitglied bestätigt. Er schildert dort sein Verständnis dieser Aufgabe: ,, [...] mich zu üben in der Lehrlingstugend des Dienstes an der Gesellschaft, in der Gesellentugend des Schutzes und Einsatzes für alles Schöpferische, in der Meistertugend mich zu üben in der Kollegialität mit allen Schaffenden und der Ritterpflicht, treu zu sein in der Verteidigung der Wahrheit.“ (N 1975, Nr. 20, S. 77.)

Bei dieser Generalversammlung wurde auch Jörgen Smit in den Vorstand berufen und es entstand eine innige anthroposophische Freundschaft zwischen ihnen. Manfred Schmidt-Brabant ergriff die Initiative, im Jahre 1979 am Goetheanum eine Michaeli-Konferenz mit weltweiter Beteiligung durchzuführen, um die Arbeit von Hochschule und Gesellschaft bewusst auf dem Hintergrund der hundertjährigen Michael-Regentschaft zu verstärken. Mit seinen Vorstandskollegen fasste er anschließend den Plan, drei weitere Michaeli-Konferenzen im Abstand von jeweils sieben Jahren durchzuführen. Seinen letzten großen Vortrag hielt er auf der Michaeli-Konferenz 2000. Er beinhaltet ein Lebensthema: ,,Der Kampf um den ethischen Individualismus.”

Von 1984 bis zu seinem Tode hatte er die Aufgabe des ersten Vorsitzenden inne. Als Vorstandsvorsitzender arbeitete er intensiv mit dem Kreis der Generalsekretäre, mit den Zweigleitern, den Lektoren der Ersten Klasse der Hochschule und mit den Mitarbeitern am Goetheanum. In allen Zusammenhängen kamen durch maßgebliche Beiträge seine umfassenden Kenntnisse des Werkes Rudolf Steiners und seine eigenen, immer zeitgemäßen Forschungsergebnisse zur Geltung. Unter seiner Mitarbeit und in seiner Anwesenheit konnten in den 80er- und 90er-Jahren verschiedene Landesgesellschaften gegründet werden: in Spanien, Irland, Rumänien und Ungarn, dann in Tschechien, Polen und Russland. Auch wirkte er in vielen mitteleuropäischen Ländern durch regelmäßige Besuche, Beratungen und Vorträge. Seit 1981 begann anlässlich einer Japanreise eine rege, fast 20 Jahre umspannende Überseereisetätigkeit. Um die Arbeit für die Anthroposophische Gesellschaft in Japan und in den englischsprachigen Ländern weiter zu stärken, unternahmen Manfred Schmidt-Brabant und Virginia Sease seit 1987 viele Reisen gemeinsam. Auch Besuche in Brasilien, Argentinien, Chile sowie in Israel dienten nicht nur der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern auch der Pionierarbeit in den anthroposophischen Einrichtungen. (s. N 2001, Nr. 13, S. 109–111 und NfG 2001, Nr. 2, S. 1–4.)

Von 1975 bis 2000 leitete er die Sektion für Sozialwissenschaften: ,,Aufgabe der Sektion ist es, diejenigen Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten zu erforschen, durch die in der Gesellschaft (dem Ganzen des sozialen Organismus) sowohl im Mikrosozialen wie im Makrosozialen, menschenwürdige Lebensverhältnisse möglich sind. Und dann aus der Erkenntnis solcher Bedingungen die Fähigkeiten zu bilden oder zu schulen, durch die ein sachgemäßes Handeln im sozialen Raum möglich wird. Dazu kann nicht allein nur auf äußere Fakten und Sozialprozesse geblickt werden. Die Ur-Aufgabe der Hochschule: ‚Forschung auf geistigem Gebiet’ verlangt auch für das Soziale das Einbeziehen der hinter der äußeren Welt liegenden geistigen Wirklichkeiten. Eine solche Forschung kann zunächst aber immer nur an einzelnen Projekten oder Bereichen durchgeführt werden.“ (Ausblick auf das Arbeitsjahr 1998–99, S. 71.) Drei Beispiele charakterisieren seinen Einsatz als Sektionsleiter:

Er hatte tiefe Einblicke gewonnen in viele Bereiche des Menschseins und war sich bewusst, dass Rudolf Steiner wohl verschiedene Berufsbilder auf Grundlage der Anthroposophie entwickelt hatte, dass aber eines der wichtigsten Arbeitsgebiete dabei fehlte. So entstand sein zeitgemäßes und bahnbrechendes Engagement für die inneren Bedingungen der „Hausmutter“, deren Aufgabe er als Beruf ernst nahm und in Verbindung mit dem Mysterienwesen sah: ,,Nur wenn sich die Hausmutter selbst als neuen Typus einer Priesterin versteht, kann das Leben in einem Haushalt sakramental verstanden werden und so als Keimzelle einer neuen Mysterienkultur wirken [...] Die Hausmutter steht dort, wo sich etwas bewegt, wo sich etwas bewegen muss, soll nicht die ganze Zivilisation und Kultur zugrunde gehen.“ (1993a, S. 61.) Viele tausend Frauen und Familien fanden im Laufe der Jahre durch entsprechende Veranstaltungen eine neue Sinngebung in der alltäglichen, oft geringgeschätzten Arbeit.

Die Fragen von Verantwortungsträgern in der Biografie-Arbeit beschäftigten ihn fortwährend. Seine Vorträge über ,,Das Wirken von Geistwesen in der Biografie des Einzelnen und in sozialen Zusammenhängen“ wurden bald zu einem Lehrbuch auf den Gebieten der Sozialarbeit und -therapie. Ein Schulungsweg wird aufgezeigt, dem jeder folgen kann, der beruflich Menschen zu beraten hat.

Schließlich maß er der Drogenproblematik eine hohe Relevanz zu. Jaap van der Haar, engagierter Vertreter der Drogenarbeit in Holland: ,,In den 25 Jahren, in denen wir auf dem Gebiet der Drogenarbeit und Drogenabhängigkeitsfürsorge zusammenarbeiten durften, hat er mir [...] jegliche Freiheit geboten zum Recherchieren, oder Konferenzen zu veranstalten, [...] er war – und ich denke für viele Menschen, die im Bereich der Drogenabhängigkeitsfürsorge tätig waren – ein Inspirator, der mir geholfen hat, neue Gesichtspunkte und neue Verhaltensweisen angesichts dieses Zeitphänomens zu finden.“ (N 2001, Nr. 13, S. 111.)

Manfred Schmidt-Brabant hatte ein sensibles Verhältnis zur Kunst, vor allem zu Arbeiten von Künstlern wie Kandinsky und ihr Bestreben, über die Schwelle des Physischen hinaus in geistige Dimensionen zu gelangen. Das, was in einem Kunstwerk durch Farbe und Form zum Ausdruck kommen will, brachte ihn dazu, Rudolf Steiners Impulse für die Malerei, Plastik und Baukunst zu verstehen. Seine positive Einstellung trug viel zur Sanierung und Neuausstattung des Großen Saales am Goetheanum bei (1996–98). Er zeigte einen mitreißenden Enthusiasmus in der Vorfreude auf jeden Zyklus von Rudolf Steiners Mysteriendramen und begleitete die Aufführungen oft mit Vorträgen zu besonderen Themen, vor allem zu Karma, Reinkarnation und den in der geistigen Welt herrschenden Gesetzen.

Zwei miteinander im Zusammenhang stehende Fragenkomplexe erscheinen rückblickend als Kernfragen seines Lebens und seines Engagements.

Zum einen: Wie kann Mitteleuropa seine einzigartige und besondere Aufgabe erkennen und erfüllen? Ein Jahr vor der Wende (1988) formulierte er: ,,Wie nimmt sich Europa aus innerhalb einer zu Konfrontationen zwischen den Polaritäten neigenden Menschheit? Europa ist durch seine Geschichte auf eine Herzmitte hin angelegt [...] an Europa und mit Europa enthüllt sich das innere Gesetz aller Ganzheiten, sie beruhen nicht auf Dualität, sondern auf Dreigliederung. Ein mittleres, Gleichgewicht haltendes Element bindet die beiden Pole zu einem Ganzen.“ (In: Europa – inmitten der Welt. Impulse für die Zukunft. Stuttgart 1989, S. 10f) Dieses Element identifizierte er als ,,den christlichen Auftrag Europas“: ,,Ein kommendes Europa der Menschlichkeit muss sich an diesem Auftrag für die Welt messen; und Europa wird nur sein, wenn es für die Welt ist.“ (Ebenda, S. 31.)

Zum anderen: die Mysterien und ihre Beziehung zum esoterischen Christentum – der Übergang von den alten zu den neuen Mysterien durch das Christus-Ereignis; das Vermächtnis der Artus-Ritter, die Grals-Mysterien und die Ritter des Templer-Ordens; die Rosenkreuzer-Strömung, einmündend in das von der reinen Maurerei noch Verbleibende und im neuen Christentum, dem Mysterium der Anthroposophia, gipfelnd. In diesem Themenumkreis forschte er, hielt zahllose Vorträge, von denen manche auch in Buchform veröffentlicht wurden. Seine letzte selbstredigierte Publikation mit Virginia Sease widmete sich „Compostela. Sternenwege alter und neuer Mysterienstätten“.

In seinem Silvestervortrag 1999 am Goetheanum sprach er eine weit reichende Einsicht aus, zu der er als Interpret der Anthroposophie gekommen war. Er bezog sich auf Rudolf Steiners Darstellung des übersinnlichen Kultus im 19. Jahrhundert: ,, [...] [es] entsteht ein Wesen, ein übersinnlicher Mensch. Es ist das Wesen Anthroposophia, ein übersinnliches Wesen, das fähig ist, Träger für die Christus-Wesenheit zu werden, wenn die Christus-Wesenheit wieder in ätherischer Gestalt auf der Erde erscheinen wird. So wie einstmals der physische Mensch Jesus ein Gefäß war für die physische Inkarnation der Christus-Wesenheit, so wurde jetzt [...] ein Wesen geboren, das Träger der Christus-Wesenheit werden könnte. Deswegen heißt ganz lapidar dieses Wesen Anthroposophia auch das neue Christentum, das neue Mysterien-Christentum.“ (Manuskript)

Mit dieser Forschungsrichtung ist er in das neue Jahrtausend eingetreten und weniger als vierzehn Monate später über die Schwelle des Todes gegangen.

Virginia Sease


Werke : Michael-Gedanken und Drachen-Kräfte, Dornach 1992; mit
Dackweiler, M.: Die spirituellen Hintergründe der Familie und der Hausarbeit,
Lautenbach 1992; Los dos pilares del autodesarrollo, Barcelona 1992; San
Pablo y los misterios, Barcelona 1992; Spirituelle Grundlagen einer
menschengemäßen Hausmütterarbeit, Dornach 1993; als Herausgeber:
Idee und Aufgabe Europas, Dornach 1993; Das Wirken von Geistwesen in
der Biografie, Dornach 1993, ²1994; Spirituell verstandenes Bankwesen,
Dornach 1995; Sternenwege, Dornach 1996; Die sieben Stufen der
Einweihung. Goethes Faust als Urbild der modernen Initiation, Dornach 1996;
mit Sease, V.: Das Urwesen des Weiblichen, Dornach 1998, Compostela,
Dornach 1999 und Geheimnisse des Christentums. Alte und neue Mysterien,
Dornach 2002; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische,
Französische, Spanische, Niederländische und Schwedische erschienen;
Beiträge in CH, MaD, G, N, NfG.
Literatur : Volkmer, L.: Bericht über das Arbeitszentrum Berlin, in: MaD
1957, Nr. 39; Biesantz, H. u. a.: Über die Errichtung eines deutschen
Landesarchivs, in: MaD 1967, Nr. 81; Grosse, R. u. a.: Zur Wahl des neuen
Ersten Vorsitzenden, in: N 1984, Nr. 26; Hamprecht, B. v.: Manfred Schmidt-
Brabant, Einige Stationen aus den frühen Jahren, in: MaD 2001, Nr. 216;
Sease, V.: In memoriam Manfred Schmidt-Brabant, in: N 2001, Nr. 13.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org