Jörgen Smit
Smit, Jörgen
Pseudonym/Varianten: Jørgen

Waldorflehrer, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Leiter der Pädagogischen Sektion und der Sektion für das Geistesstreben der Jugend am Goetheanum.

*21.07.1916 Bergen (Norwegen)
†10.05.1991 Arlesheim (Schweiz)













Jørgen Smit wirkte als Lehrer und Redner und widmete sein Leben der Anthroposophie, der Waldorf-Pädagogik und der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft verdankt seinem fundierten Wirken eine Wiederbelebung seit Mitte der 70er-Jahre.

Er wuchs als der zweite von sieben Söhnen in einer anthroposophischen Familie in Bergen auf. Beide Eltern waren persönliche Schüler Rudolf Steiners. Der Vater, Christian Smit, war Rechtsanwalt und Zweigleiter in Bergen. Der Knabe zeigte eine kindliche Frömmigkeit, die ihm das Gefühl gab, von einer großen schützenden Hand getragen zu werden.

1927 zog die Familie nach Oslo. Der Vater wurde der erste Priester in der neu gegründeten Christengemeinschaft in Norwegen und die Kinder besuchten die 1926 gegründete Steinerschule. Hier verbrachte Jørgen die Schulzeit von der 4. bis zur 8. Klasse, anschließend besuchte er ein Gymnasium. Schon in den Jugendjahren verband er sich persönlich mit der Anthroposophie und studierte Steiners Werke. Seine Veranlagung für energische, systematische und zielbewusste Studien trat frühzeitig hervor. Einer seiner Brüder erzählte, wie der 12-jährige Knabe zum Geburtstag zwölf Werke eines norwegischen Klassikers als Geschenk bekam. Als die Familie zum jährlichen Sommeraufenthalt zu der Hütte beim Oslofjord abfuhr, hatte der Knabe die ersten sechs Bände mitgenommen. Während des Urlaubs teilte er die Zeit genau ein, um in bestimmten Zeiträumen zu lesen, dann zu baden oder zu segeln. Bei der Rückfahrt nach Hause hatte er die sechs Bände gelesen und während des Sommeraufenthaltes im nächsten Jahr las er in gleicher Weise die sechs weiteren Bände. Er lernte Geige und Klavier und spielte im Hausorchester der Familie Smit. Mit 19 Jahren wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und schloss sich einer Gruppe zumeist jüngerer Menschen an, die einen neuen Zweig in Oslo gründeten. Ein Inspirator für diese Menschengruppe war der Schweizer Curt Englert, der im Jahr dieser Zweiggründung, 1936, Generalsekretär der norwegischen Landesgesellschaft wurde. Englert war mit der Schwester von Jørgens Mutter verheiratet. Mit seinen geistesgeschichtlichen Vorträgen und seiner geschulten goetheanistischen Erkenntnismethode bedeutete er viel für Smit, es entwickelte sich eine enge Freundschaft. Englerts frühen Tod empfand er als Schock.

Jørgen Smit studierte – wie Englert – klassische Philologie und belegte an der Universität in Oslo Griechisch als Hauptfach sowie Latein und Deutsch als Nebenfächer. Neben dem Philologiestudium erwarb er sich gründliche Kenntnisse der Mathematik, Astronomie und verschiedener naturwissenschaftlicher Gebiete. Es wird erzählt, dass der Professor, der ihn abschließend examinierte, überzeugt war, dass er seinen Nachfolger vor sich habe. Auf Anregung Englerts verbrachte er das Studienjahr 1937/38 an der Universität Basel. Er besuchte Veranstaltungen am Goetheanum – vor allem die Aufführungen von Goethes Faust – und wurde mit Marie Steiner bekannt.

Mit 23 Jahren schloss er sein Studium als cand. phil. ab und der Weg war offen für eine akademische Laufbahn. Er aber wählte den Beruf des Lehrers und übernahm 1941 eine erste Klasse an der Steinerschule in Bergen. Da stand er, der 1,95 Meter hohe, herbe und akademisch gebildete Mann vor einer kleinen Gruppe Erstklässler. Konnte das gut gehen? Er aber identifizierte sich bedingungslos mit dem Lehrerberuf, er studierte und vertiefte meditativ den Unterrichtsstoff, erzählte, rezitierte, malte und musizierte und gewann so die Herzen der Kinder. Er blieb Klassenlehrer in Bergen bis 1965. In seiner Lehrerzeit dichtete er zwei Theaterstücke, „Daniel“ und „Isis und Osiris“, die von den Kindern aufgeführt wurden. Regelmäßig schrieb er Aufsätze in der pädagogischen Zeitschrift „Mennesket”, die er von 1960–65 redigierte.

Jørgen Smit lebte in bescheidenen, ja spartanischen Verhältnissen, auf äußeren Komfort legte er keinen Wert, schon gar nicht, wenn es sich um seine persönlichen Verhältnisse handelte. Als die Lehrerkollegen ihm einmal eine neue Garderobe schenken wollten, da er immer die gleiche, abgewetzte Hose trug, nahm Smit das Geld etwas zögerlich an, kaufte sich jedoch nach einigen Tagen statt der Hose neue Bücher. Seine Schreibmaschine – Modell etwa 1950 – behielt er sein Leben lang. Sein energischer Anschlag hatte tief greifende Folgen: Anstatt „o“ kam oft ein rundes Loch aufs Papier. Karg, asketisch, sachgerichtet, als Vegetarier und Junggeselle ging er durchs Leben.

In seinem Freijahr 1955/56 fuhr er nach Griechenland, besuchte die wichtigsten kulturhistorischen und Mysterien-Orte und anschließend eine Reihe anthroposophischer Zweige und Einrichtungen in Europa, darunter 33 Waldorfschulen.

Neben dem Lehrerberuf engagierte sich Smit früh in der Anthroposophischen Gesellschaft. Bereits mit 19 Jahren hielt er seinen ersten Zweig-Vortrag und wurde, als er 1941 nach Bergen ging, Zweigleiter. Seit dieser Zeit begann er eine rege, sich ständig verdichtende und bis zu seinem Lebensende nicht mehr abreißende Vortragstätigkeit.

1946 wurde er Mitglied des norwegischen Landesvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft, 1957 Generalsekretär der Landesgesellschaft. Seit dem Tod Marie Steiners 1948 war die Zusammenarbeit zwischen der Goetheanumleitung und der norwegischen Gesellschaft erheblich reduziert. Smit war zunächst nicht imstande, die Gegensätze zu überbrücken, bevor der so genannte Bücherbeschluss 1968 neue Möglichkeiten der Verständigung schuf. Die letzten Jahre als Generalsekretär – bis zu seiner Berufung in den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1975 – lebte er vorwiegend in Schweden. Die norwegischen Mitarbeiter aber konnten immer wieder mit Erstaunen feststellen, dass Smit oft besser über das anthroposophische Leben im Lande informiert war als sie selbst. Zwischen den nordischen Ländern bestand eine rege anthroposophische Zusammenarbeit. An den seit 1949 veranstalteten nordischen Sommertagungen hielt Smit die Hauptvorträge. Eine Frucht der nordischen Zusammenarbeit war die Begründung des Rudolf Steiner Seminars 1961 in Järna südlich von Stockholm. Hier wirkte Smit als Mitbegründer, 1966 wurde er nach Järna berufen, um die Lehrerausbildung aufzubauen. Während seiner Jahre in Järna – 1966–75 – entstand in Zusammenarbeit mit dem Künstler Arne Klingborg, dem Architekten Erik Asmussen und dem Unternehmer Åke Kumlander ein starkes anthroposophisches Zentrum, in dem neben der allgemeinen anthroposophischen Arbeit alle wichtigen Lebensfelder repräsentiert waren: Pädagogik, Erwachsenenbildung, Kunst, Heilpädagogik, Medizin und Landwirtschaft. Järna wirkte anziehend für eine neue, spirituell suchende Jugendgeneration in allen nordischen Ländern.

Das letzte und wirkungsreichste Kapitel seines Lebens begann 1975 mit der Berufung in den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach. Er wurde Leiter der Sektion für das Geistesstreben der Jugend und von 1981–89 zudem Leiter der Pädagogischen Sektion sowie Hauptdozent des Dornacher Lehrerseminars.

Gegen Ende der 70er-Jahre fanden sich im Rahmen der Jugendsektion junge Menschen aus verschiedenen Ländern in Dornach unter seiner Leitung zu gemeinsamer Arbeit zusammen. Nach innen verdichtete sich die Arbeit für junge Hochschulmitglieder durch die esoterischen Stunden der Ersten Klasse und anschließende Studien. Nach außen hin wurden große Tagungen wie die jährlichen Sommertagungen am Goetheanum und Jugendtagungen an anderen Orten veranstaltet, alles mit einer stark internationalen Orientierung. Jörgen Smit hielt während dieser Tagungen die grundlegenden Hauptvorträge. Künstlerische Aufführungen, Arbeitsgruppen und Plenumsgespräche bildeten weitere Programmpunkte. An den einwöchigen Jugendtagungen am Goetheanum nahmen in der Regel etwa 700 bis 1 100 junge Menschen im Alter von 15 bis 30 Jahren teil. Jørgen Smit vermochte es, zu der Jugendgeneration der 70er-/80er-Jahre, die sich in den 90er-Jahren geistig produktiv in anthroposophische Aufgabenfelder hineinfand, eine starke Beziehung zu knüpfen und sie für die Anthroposophie als Geisteswissenschaft zu begeistern.

In Zusammenarbeit mit dem Haager Kreis – dem internationalen Koordinationsorgan der Waldorfschulen – leitete Smit die großen pädagogischen Tagungen am Goetheanum nach Ostern 1983, 1986 und 1989. Jeweils weit über 1000 Lehrer der in diesen Jahren stark expandierenden Schulbewegung kamen hier zu einer internationalen Konferenz zusammen. Als Leiter der Pädagogischen Sektion entfaltete Smit eine beispielhaft integrierende Kraft, die aus den Bestrebungen der Waldorfpädagogik eine Weltschulbewegung zu bilden vermochte.

In Zusammenarbeit mit Manfred Schmidt-Brabant setzte er sich seit Mitte der 70er-Jahre für eine Intensivierung der Arbeit der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft ein. Sein Engagement führte nicht nur zu einer Vertiefung und Ausweitung der Sektionsarbeit, sondern vor allem zu einer Belebung in der Praxis des Umgangs mit dem esoterischen Gut der Ersten Klasse der Hochschule. Ein seit Mitte der 80er-Jahre zu beobachtender Schub im Aufbau der Hochschule und ihre Konsolidierung sind wesentlich auf seine spirituelle Kompetenz und seine Integrationskraft zurückzuführen.

Neben seinen Pflichten am Goetheanum war er ständig auf Vortragsreisen, die ihn durch die ganze Welt führten. Nach seinen eigenen Notizen hat er 4 889 Vorträge gehalten. Wohl vorbereitet stand er da, fast immer ohne Manuskript. Von seiner freien Rede ging eine moralische Kraft aus, die von den Zuhörern als erweckend und inspirierend erlebt wurde. Er sprach in einem energischen, rhythmisch-musikalischen Redestrom und verdeutlichte seine Gedanken mit ureigenen, charakteristischen Handbewegungen. Man hörte immer den Bergener Akzent, ob er auf Deutsch, Englisch oder Norwegisch sprach. Er ging dialektisch vor: „Auf der einen Seite haben wir […] und auf der anderen Seite […].“ Dann entwickelte er die Synthese der Gegensätze. Im Lauf der Jahre hatte er sich ein breites Themengebiet erarbeitet: Pädagogik, Menschenkunde, Erkenntnistheorie, Geistesgeschichte und vor allem den inneren anthroposophischen Weg der Geistesschulung. Seine Anregungen wirkten individualisierend und förderten zugleich das Verantwortungsgefühl für den Mitmenschen und die zeitgenössischen Aufgaben.

Für viele Menschen hatte er große Bedeutung, doch konnte er im persönlichen Umgang zurückhaltend und verschlossen wirken. Ein Mitstudent erzählte rückblickend auf die Studienzeit in Oslo: „Als Student konnte man ihn in den Pausen zwischen den Vorlesungen sehen, wie eine einsame Säule wanderte er hin und her. Ein Bild, das man nicht schnell vergisst.“ Einen fröhlichen, nach außen strahlenden Charme hatte er nicht. Eine Frage an ihn konnte mit zwei knappen Worten zurückweisend beantwortet werden oder die Antwort wurde eine wissenschaftliche Darlegung mit vielschichtigen Komponenten des Sachkomplexes. Dieser Charakteristik seines Wesens stand eine andere zur Seite: herzliche Freundschaftlichkeit zeigen und locker über alltägliche Dinge plaudern. Wie seine Vorträge bewegten sich seine Wesensart und sein Leben in Polaritäten. Er war streng und schweigsam, er war offenherzig und voller Humor. Er forschte auf einsamen Wegen wie ein Mönch in seiner Zelle, aber die Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildung waren ihm eine tiefe Angelegenheit. Er hatte eine ausgeprägte Fähigkeit, anderen Menschen zuzuhören, und zeigte immer Interesse für die geistigen Bemühungen des anderen. Es war ihm selbstverständlich, Vorträge anderer Redner bei Zweigabenden, Konferenzen oder Tagungen aufmerksam mit anzuhören. Obwohl Smit zahlreiche öffentliche Vorträge hielt, die durch ihre lapidare Kraft viel Resonanz hervorriefen, suchte er wenig Kontakt oder Dialog mit der Öffentlichkeit, z. B. über wissenschaftliche oder kulturelle Fragen. Er wollte sich nicht aufdrängen. Neugründungen aus eigener Initiative waren auch nicht seine Sache. Vielmehr wurde er ständig gebeten, bei den unterschiedlichsten Initiativen mitzuwirken und entfaltete dann innerhalb des gegebenen Rahmens, besonders in der Hochschularbeit, in der Arbeit der Pädagogischen und der Jugendsektion seine vertiefende und integrierende Wirksamkeit.

Jørgen Smit veröffentlichte eine Reihe von Büchern, doch ging auch dazu nie eine Initiative von ihm selbst aus. Er war eher ein Mann des gesprochenen Wortes, nicht des geschriebenen. Seine Bücher bestehen größtenteils aus Zeitschriftenaufsätzen oder bearbeiteten Vorträgen, die von seinen Mitarbeitern herausgegeben wurden.

Die Bücher, die er selbst bevorzugte, waren neben den großen Philosophen und Dichtern jene von Rudolf Steiner. Sein ganzes Leben hindurch empfand er eine große Bewunderung für ihn. Smit war zwar über die Neuerscheinungen in der anthroposophischen Bücherwelt orientiert und freute sich über diese wie über alle anthroposophischen Kulturleistungen, als Quellengrundlage für seine Studien wandte er sich jedoch vor allem Steiners Werken zu.

Schließlich hatte er eine besondere Nähe zur Kunst. Ihr galt sein wärmstes Interesse. Er ging gerne in Konzerte, ins Theater oder in die Oper, in den anthroposophischen Kunstbemühungen fühlte er sich besonders der Eurythmie – ausgehend von einer intensiven Beziehung zu Marie Savitch – und den Mysteriendramen verbunden. Durch viele Jahre spielte er in der Mysteriendramen-Gruppe in Oslo mit. Am Goetheanum wurde bemerkt, dass er bei allen ihm terminlich möglichen künstlerischen Veranstaltungen anwesend war. Er starb 1991, kurz vor der Veranstaltung einer mehrwöchigen Hochschulkonferenz in Järna, in deren Mittelpunkt die von ihm zu haltenden esoterischen Stunden der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gestanden hätten.

Oddvar Granly


Werke: Veien til en ny bevissthet, Oslo 1982; mit Dan Lindholm: Teater i
skolen, Oslo 1985; Der Ausbildungsalltag als Herausforderung, Dornach
1989; Geistesschulung und Lebenspraxis, Dornach 1987, ³1989; Soziales
Üben. Wege zu neuen Einsichten und Fähigkeiten, Dornach 1990;
Meditation und Christuserfahrung. Wege zur Verwandlung des eigenen
Lebens, Stuttgart 1990, ³2000; Der werdende Mensch. Zur meditativen
Vertiefung des Erziehens, Stuttgart 1989, ²1990; Erkenntnisdrama in der
Gegenwart. Vorträge über Goethes Faust, Dornach 1991; Jugend-
Anthroposophie, Dornach 1992; Lebensdrama – Mysteriendrama. Zu Rudolf
Steiners Mysteriendramen, Dornach 1993; Die gemeinsame Quelle von
Kunst und Erkenntnis, Dornach 1999; Beiträge in Sammelwerken;
Übersetzungen ins Englische, Französische, Italienische, Spanische,
Niederländische, Schwedische, Norwegische, Finnische und Ungarische
erschienen; Beiträge in As, Bd, EK, G, Kv, L, Leh, MaB, Med, Msch, N, NfG,
OA.
Literatur: Barnes, H.: Jörgen Smit’s Visit to the United States and Canada, in:
NAA 1977, No. Winter; Barkhoff, M.: Ein Kulturimpulsator großen Stils, in:
G 1985, Nr. 46; Schmidt-Brabant, M. u. a.: Jörgen Smit, in: N 1991, Nr. 25;
Wittich, J.: Jörgen Smit, in: MaD 1991, Nr. 176; Biemond, R.: Jörgen Smit, in:
MaD 1991, Nr. 178; Roder, F.: Jörgen Smit – ein Diener des Wortes, in: MaD
1991, Nr. 178; Lindholm, D.: Jörgen Smit, in: Leh 1991, Nr. 43; Klingborg, A.,
Lindholm, D.: Jörgen Smit, in: Mlb 1991, Nr. Juni.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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