Déodat Roché
Roché, Déodat Etienne Jean-Baptiste
Pseudonym/Varianten: Theodotus, Deodat Tau, Roche

Jurist, Philosoph, Historiker.

*13.12.1877 Arques/Dépt. Aude (Frankreich)
†12.01.1978 Arques/Dépt. Aude (Frankreich)





Déodat („von Gott gegeben“) Étienne Jean-Baptiste Roché kam um Mitternacht in der Adventszeit als uneheliches Kind der 18-jährigen Tochter eines Schafhirten, der Hausangestellten Marie Delfour, zur Welt. Der Ort seiner Geburt, Arques, ist ein kleines Dorf in den Corbières, einem Vorgebirge der Pyrenäen südlich von Carcassonne. Er liegt inmitten jener tragisch-schönen Landschaft an der Scheide zwischen atlantischem und mediterranem Klima, über die 650 Jahre zuvor Kreuzzug und Inquisition gegen die Katharer hereinbrachen; mit Arques blieb Roché dann auch den größten Teil seines langen Lebens eng verbunden.

Erst 1887 wurde der kleine Déodat nach dem Tod seiner Mutter von seinem leiblichen Vater, dem Notar Omer-Paul Roché, der aus der angesehensten Familie des Dorfes stammte, anerkannt. Aus dem Mund seines idealistisch und philosophisch gesonnenen Vaters hörte Déodat um 1891 erstmals von der Geschichte seines Landes, der Inquisition in Carcassonne und der blutigen Unterdrückung des kathartischen Christentums durch die Römische Kirche. Etwa zur selben Zeit wurde er ebenfalls durch seinen Vater in die okkulten und spirituellen Traditionen eingeführt; so las er die Schrift des zeitgenössischen Okkultisten Papus (Gérard Encausse), „Traité méthodique de science occulte“, aber auch das zoroastrische Zend-Avesta, durch das er mit den Strömungen der Gnosis, des Buddhismus und vor allem des Manichäismus bekannt wurde. Den verehrten Vater, dessen Erziehung er viel verdankte, verewigte Roché 60 Jahre später in seinem Buch „L’église romaine et les Cathares albigeois“, das in Form eines Dialogs zwischen dem Vater und zwei Gymnasiasten geschrieben wurde.

Nach Abschluss des Baccalauréat in Carcassonne studierte Déodat ab November 1896 Rechtswissenschaften in Toulouse. Damals begann er sich, 19-jährig, mit den okkultistischen Zirkeln seiner Zeit zu beschäftigen. Er näherte sich der von Papus ins Leben gerufenen „Groupe indépendant d’études ésotériques“, wo er vor allem mit Sédir (Yvon Le Loup) korrespondierte. In den darauf folgenden Jahren trat er ferner dem gleichfalls von Papus initiierten „Ordre Martiniste“ sowie der „L' Église Gnostique“ unter Jules Doinel bei, in welcher er 1902 unter dem Namen Tau Theodotus zum „Gnostischen Bischof von Carcassonne“ geweiht wurde. Dadurch wurde Déodat Roché mit den wichtigsten okkultistischen Strömungen und Vertretern im damaligen Frankreich bekannt, darunter auch mit René Guénon; doch gerade diese Begegnungen führten dazu, dass sein kritischer Geist geweckt wurde. Bereits 1904 zog er sich aus der „Église Gnostique“ zurück. Die Auseinandersetzung mit der Umwandlung des Erbes der antiken Gnosis in eine moderne Erkenntnisschulung unter Bewahrung der Freiheit und Autonomie des individuellen Bewusstseins stand fortan im Mittelpunkt seiner weiteren Beschäftigung.

Mit Abschluss des Studiums wurde Roché 1901 Magistrat und Rechtsanwalt, ein Beruf, den er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1943 ausübte, erst in Limoux, dann in Carcassonne, Castelnaudary und schließlich als Präsident des Zivilgerichts in Béziers. 1902 heiratete er Marie-Louise Lagriffoul, die 1938 starb.

Roché engagierte sich auch schon früh im Rahmen des kulturellen Wiedererwachens Occitaniens, des „französischen“ Südens, das auch zu einer Neuentdeckung des kathartischen Christentums führte. Bereits 1900 gründete er die Zeitschrift „Le Reveil des Albigeois“, die 1901 in „La Gnose moderne“ umbenannt wurde. Über diese Zeitschrift knüpfte er Kontakt zu der in Wien verlegten Zeitschrift „Die Gnosis“, die ab 1903 unter der Leitung von Rudolf Steiner als „Lucifer-Gnosis“ erschien.

Doch erst im Jahr 1921 wurde Déodat Roché, damals 43 Jahre alt, über das Buch „Das Christentum als mystische Tatsache“ (GA 8) mit dem Werk Rudolf Steiners bekannt. Voller Begeisterung, hier endlich eine moderne „manichäische Geistesströmung“ entdeckt zu haben, schrieb er am 1. November 1921 einen Brief an Letzteren und am 14. September 1922 kam es in der Dornacher Schreinerei zu einer ersten persönlichen Begegnung, in der Roché von Rudolf Steiner die Anregung empfing, über die wichtigsten Stufen des Lebens Jesu Christi anhand der Darstellung des Johannes-Evangeliums zu meditieren; darin sah Roché eine lebendige Anknüpfung an die meditative Tradition, die bei den Katharern gepflegt worden war. Am 9. Februar 1924 bat Roché um Aufnahme in die Erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und bis zu seinem Tod blieb er ihr Mitglied. Zugleich behielt er auch seine Mitgliedschaft in der freimaurerischen Loge von Carcassonne des Grand Orient de France bei, da Roché auch den manichäischen Ursprung der Freimaurerei würdigen konnte, wie er von Rudolf Steiner in frühen Vorträgen beschrieben worden war. Zur Anthroposophischen Gesellschaft als Institution bewahrte er jedoch Distanz, vor allem, nachdem 1930 die innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen auch in Frankreich zu schweren menschlichen Zerwürfnissen führten und die neue Generalsekretärin in Paris, Simonne Rihouët-Coroze, nicht gerade durch ihr übermäßiges Verständnis für das spirituelle Erbe des Midi hervortrat. Zugleich pflegte Roché enge persönliche Freundschaft zu Menschen wie Konrad Sandkühler, die sich in demselben Schicksalsstrom verwurzelt fühlten.

Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konzentrierte Roché ab 1947 all seine Anstrengungen darauf, die prägende Geistesströmung seiner occitanischen Heimat – das freiheitliche Christentum der Katharer – von dem Schutt der kirchlich-konfessionellen Deutungen zu befreien, die zum Teil auch in der anthroposophischen Bewegung zirkulierten, und in seiner ganzen Bedeutung für die europäische Geistesgeschichte zu würdigen. Im Rahmen des Institut d’Etudes Occitanes in Toulouse leitete er das Centre d’Etudes Cathares, aus dem 1949/50 die Société du Souvenir et des Etudes Cathares und ihr Organ „Cahiers d’Etudes Cathares“ hervorgehen sollten, um die sich – wenn auch oft nur für jeweils begrenzte Zeit – die großen Namen der occitanischen spirituellen Wiedergeburt sammelten: René Nelli, Antoine Gadal, Nita de Pierrefeu, Simone Hannedouche, Armand Deschamps, Jean Duvernoy. Diese Arbeit kam der immer stärker werdenden Sehnsucht einer jungen Generation von Europäern entgegen, die sich nicht mehr mit den traditionellen spirituellen und religiösen Institutionen verbinden konnten.

Déodat Roché, der 1978 im Alter von 101 Jahren verstarb, war ein Philosoph und Suchender, der mit Menschen sehr unterschiedlicher spiritueller Ausrichtung den Kontakt suchte und pflegte – Otto Rahn, Simone Weil, die ihm 1941 zwei berühmt gewordene Briefe schrieb, Henry Corbin, Petar Deunov – und dabei stets bedacht war, seinen eigenen Weg nie aus den Augen zu verlieren, der von der Strömung eines christlich-gnostischen Manichäismus ausging. Schon seine äußere Erscheinung – schlank, asketische und gütige Gesichtszüge – erinnerte an eine Gestalt des frühen Christentums, wie etwa an Origenes, dessen Schriften ihn sehr viel mehr faszinierten als viele „esoterische“ Abhandlungen von Zeitgenossen.

Markus Osterrieder


Werke: Le Sens ésotérique des contes populaires de la Gascogne, o.O. 1934;
Le Catharisme: Son développement dans le Midi de la France et les Croisades
contre les Albigeois, Carcassonne 1937; Le Catharisme, Toulouse 1947, Lyon
1996; Catharisme et science spirituelle, Arques 1950; L’évolution individuelle
et l’harmonie sociale, Arques 1950; Contes et légendes du catharisme, Arques
1951, 41971; Études manichéennes et cathares, Arques 1952 (dt.: Die
Katharer-Bewegung: Ursprung und Wesen, Stuttgart 1992); Mission future de
la Russie, mission actuelle de l’Occitanie, Arques 1953; Survivance et
immortalité de l’âme: Fantômes des vivants et des morts, vies successives,
corps lumineux de résurrection, Arques 1955, ²1960; L’église romaine et les
cathares albigeois, Arques 1957, Narbonne ²1969; Le Catharisme 1,
Narbonne 1973; Le Catharisme 2, Narbonne 1976; Résurgences du
manichéisme: Ismaëliens, cathares, rose-croix, Narbonne 1981; Beiträge in
CdE, G, Ssp.
Literatur: Julien, L.: Déodat Roché, in: BA 1978, Nr. Mars; dies.: Celui qui fut Déodat Roché, in: CdE 1978, Nr. 77; dies.: Im Gedenken an Déodat Roché, in: N 1978, Nr. 16; Lienhard, P.: Weg durch ein Jahrhundert, in: DD 1978, Nr. 4; Jean-Pierre Bonnerot: Déodat Roché et l’ Église gnostique, Narbonne 1982; Jaquet-Quispel, H.: Begegnungen, Dornach 1984; René LeForestier: L’Église gnostique, Milano 1990; Jean-Philippe Audouy: Déodat Roché, Arques 1997; José Dupré: Un Cathare au XXe siècle: Déodat Roché, Chancelade 2001.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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