Eleanor Merry
Merry, Eleanor Charlotte
geb.: Kynaston

Schriftstellerin, Malerin.

*17.12.1873 Eton (UK)
†16.06.1956 Frinton-on-Sea, Essex (UK)





Eleanor Charlotte Kynaston wurde am 17. Dezember 1873 in Eton, England, geboren. Ihre Eltern besaßen sehr liberale Erziehungsgrundsätze; wegen beruflicher Umstände des Vaters – er war ein renommierter Altertumswissenschaftler – blieb ihr bis zum 13. Lebensjahr ein regelmäßiger Schulbesuch erspart. In diesem Alter begann sie sich hingebungsvoll mit Musik zu beschäftigen. Zwei Jahre später wurde der Vater zum Domherrn von Durham berufen und so verbrachte Eleanor prägende Jugendjahre in der unmittelbaren Umgebung der prächtigen Kathedrale. „Von frühester Jugend an“, berichtet sie in ihrer Autobiografie, „beherrschten zwei Dinge mein bewusstes Seelenleben: eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Erkenntnis [...] und ein anhaltendes Bedürfnis nach Gelegenheiten zur Heldenverehrung.“ (Meyer 1996, S. 171) In der Atmosphäre der Kathedrale gab es reichlich Gelegenheit zur Befriedigung eines solchen Verehrungsbedürfnisses; sie inspirierte auch das erste Interesse an geschichtlichen Werdeprozessen. „Beim Lesen in der Mönchsbibliothek, wo ich mit kostbarsten alten Handschriften umgehen durfte, während ich durch Kreuzgang und Galerien der Kathedrale schlenderte und den mächtigen Druck und die Schwere der normannischen Pfeiler empfand, erlebte ich etwas von wirklicher Geschichte – in ganz anderer Art, als sie mir aus den Schulbüchern entgegentrat.“ (Meyer 1996, S. 172) Viel mehr als die Schulbuchhistorie sagten Eleanor Mythen und Legenden, so die Erzählungen von König Artus; Tennysons „King Arthur“ wurde von ihr verschlungen und auswendig gelernt. Im Elternhaus verkehrten Gelehrte und Theologen, was die früh geweckten spirituellen Anlagen und Bedürfnisse vertiefen half.

Die Heranwachsende wollte Berufssängerin werden und Musik und Kunst studieren; zu diesem Zweck machte sie mit 19 Jahren einen Studienaufenthalt in Wien. Dieser Aufenthalt führte nicht nur zu einer gründlichen Kenntnis der deutschen Sprache und einer Vertiefung ihrer musikalischen Fähigkeiten; er rief auch eine seelisch-geistige Krise atheistischer Prägung hervor.

Bald nach ihrer Rückkehr nach England heiratete sie den angesehenen Oxforder Chirurgen Merry, dessen beruflichen Verpflichtungen Eleanor Merry neben der Erziehung einer Tochter und eines Sohnes ihre besten Kräfte widmen sollte.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde sie in ungewöhnlicher Weise mit der Theosophie bekannt. Eines Tages wurde ihr von unbekannter Seite ein Exemplar der „Secret Doctrine“ von H. P. Blavatsky zugesandt. Sie vertiefte sich sogleich in das Werk und machte dabei die Erfahrung, während der Lektüre wie von einer unsichtbaren Hand von Seite zu Seite geführt zu werden. Sie erlebte diese Hand real als die geistige Hand Blavatskys. Sie vertiefte sich auch in die Schriften Annie Besants und anderer Theosophen. Nach dem Krieg wurde Eleanor C. Merry durch einen Freund auf Rudolf Steiners Werk „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ aufmerksam gemacht. Das der englischen Ausgabe beigefügte Bildnis Steiners zog den Blick immer wieder an.

An einem Januarabend des Jahres 1922 begegnete sie in London erstmals ?Daniel Nicol Dunlop, dem Menschen, den sie „wirklich liebte und wirklich kannte“. Er las einer anthroposophischen Gruppe einen Vortrag Rudolf Steiners vor. Während Dunlop las, hatte Eleanor Merry ein inneres Schauerlebnis: Sie erlebte „eine Seele, die sich zur Schau der Isis erhob“. Dunlop be-stätigte ihr später: „Ja, das ist etwas, was mit meinem ganzen Leben intim zusammenhängt.“ (Meyer 1996, S. 174)

Im Frühjahr 1922 starb ihr Gatte nach wenigen Krankheitstagen an Lungenentzündung. Um diese Zeit kam es zum ersten persönlichen Gespräch mit Dunlop. Dieser brannte noch vor Dankbarkeit über die Begegnung mit Rudolf Steiner, die er wenige Wochen zuvor gehabt hatte. Als für den August desselben Jahres eine Konferenz über „Spirituelle Werte in der Erziehung“ in Oxford (GA 305) angekündigt wurde, an der auch Rudolf Steiner sprechen sollte, entschloss sich Eleanor C. Merry sofort zur Teilnahme. Die erste Begegnung fand in einem dunklen Korridor eines Oxforder Gebäudes statt, durch den ihr Rudolf Steiner entgegenkam. „Er blieb kurz stehen und betrachtete mich mit einem eindringlichen Blick. Im Dämmerlicht des Ganges machten seine schwarzen Kleider, die extreme Blässe seines von schwarzem Haar umrahmten Gesichts, der durchdringende Glanz seiner Augen, die rasche Entschiedenheit seiner Gangart einen außerordentlichen Eindruck auf mich. Wenn Worte diesen Eindruck beschreiben sollten, so müssten es die folgenden sein: Er weiß, wo er hingeht.“ (Meyer 1996, S. 176)

Nach dieser wortlosen Begegnung wurden später beim Tee erste Worte gewechselt. Nun erlebte Eleanor C. Merry etwas wie einen an ihre Seele gerichteten weckenden Trompetenstoß: „Ich wusste ohne jeden Zweifel, dass ich am Zentralpunkt meines Lebens angelangt war.“ (Meyer 1996, S. 176)

Als D. N. Dunlop die Sommerschule von Penmaenmawr (GA 227) vorbereitete, hatte er in Eleanor C. Merry eine entschlossene, starke organisatorische Stütze. An Ort und Stelle kam es zu weiteren Gesprächen mit Rudolf Steiner. Dieser wies sie auf die neue, von ihm entwickelte Maltechnik hin, die sie sogleich aufgriff. Aber auch über Dunlop gab er ihr wichtige Hinweise. Er sei mit allen antiken Mysterien verbunden gewesen und habe in einem inneren Kreis des Templerordens gewirkt – „machen Sie das Band zu ihm so fest sie nur können“. Und auf ihre Frage, wieso so viel ungutes Gerede hinter Dunlops Rücken im Umlauf sei, erklärte Rudolf Steiner schlicht: „Wenn da jemand ist, den ich so liebe, wie ich Mr. Dunlop liebe, sind Eifersüchteleien immer unvermeidlich.“ (Meyer 1996, S. 165)

Diese Sommerschule, die dem Thema Initiations-Erkenntnis gewidmet war, stellte in den Augen Steiners einen bedeutenden, ja geradezu wegweisenden Erfolg dar. Er sprach aus, dass „gerade von dieser Summer School in Penmaenmawr eine ungeheure Befruchtung ausgehen kann auf die ganze anthroposophische Bewegung und ihre Verzweigungen in England. Deshalb darf mit einer solchen Befriedigung auf die Zeit, die wir hier in Penmaenmawr verbringen durften, hingesehen werden. Und ich spreche schon Frau Doktors [?Marie Steiners] und meinen Dank aus tiefst bewegtem Herzen Mr. Dunlop und denjenigen aus, die mit ihm gerade gewirkt haben, dass es einmal möglich war, das Zentrale der Anthroposophie und die aus ihr herausgewachsene Eurythmie auch für sich vor einen so lieben Zuhörerkreis hinzustellen, wie derjenige war, der gerade hier vorhanden war“. (Meyer 1996, S. 166 [oder GA 259])

Eleanor C. Merry konnte im Gegensatz zu Dunlop um die Jahreswende 1923/24 zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft nach Dornach fahren. Wahrscheinlich wurde über das Thema der nächsten Sommerschule zwischen Eleanor C. Merry und Rudolf Steiner bereits in Dornach gesprochen. Eine Gruppe von Mitgliedern zeigte sich „sehr besorgt über die rasche Verbreitung des Spiritismus, und so bat ich ihn, im Namen der Gesellschaft, vor einem englischen Publikum auf dessen Gefahren und Irrtümer hinzuweisen, wozu er seine Zustimmung gab“. So kam es zum Tagungsthema der zweiten Sommerschule, die in Torquay stattfinden sollte: „Die wahren und die falschen Wege der geistigen Forschung“; Marie Steiner nannte den gedruckten Vortragskurs später „Das Initiaten-Bewusstsein“ (GA 243).

Als Rudolf Steiner im Zusammenhang mit dem Tagungsthema in Torquay auf H. P. Blavatsky zu sprechen kam, bildete dies einen Anlass für Eleanor Merry, dem Geisteslehrer in einem persönlichen Gespräch das Erlebnis zu schildern, das sie bei der Lektüre der „Secret Doctrine“ mit H.P. Blavatskys gehabt hatte. Darauf sagte er ihr Worte, die vieles implizieren: „Ja, es ist wahr. Sie hat Sie zu mir geführt.“ (Meyer 1996, S. 191)

Ein mit Rudolf Steiner, Marie Steiner, ?Ita Wegman, ?Elisabeth Vreede, D. N. Dunlop, ?Guenther Wachsmuth und anderen Freunden unternommener Ausflug nach Tintagel gehörte für Eleanor Merry zu den unvergesslichen Höhepunkten dieser Tagung.

Auch dieser Sommerkurs war für Rudolf Steiner außerordentlich erfreulich. Er konnte feststellen, „dass die Intentionen, die ausgehen von unseren Freunden Mr. Dunlop, Mrs. Merry tatsächlich Hintergründe haben, die [...] aus einem echten geisteswissenschaftlichen Wollen hervorgehen“. Von Eleanor C. Merry sprach er als von der „unermüdlich Tätigen, der Bewegung liebevoll Hingegebenen“. Und von beiden Kursen betonte er, dass sie „in das Goldene Buch der anthroposophischen Bewegung eingeschrieben“ würden. (Meyer 1996, S. 202 [oder GA 260a])

Nach Rudolf Steiners Tod hat Eleanor Merry Dunlops Bemühen um eine wirklich weltoffene und zugleich esoterische Fortsetzung der begonnenen Arbeit unermüdlich unterstützt. So war sie auch bei der Vorbereitung der 1928 in London stattfindenden anthroposophischen World Conference federführend. Auch an der durch David Clement initiierten Jugendtagung von Glastonbury (1932) beteiligte sie sich mit einem von ihr verfassten Artusstück. Wie kaum ein zweiter Mensch lebte sie die dramatischen Vorgänge mit, die Dunlop zwischen 1929, wo er Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft Großbritanniens wurde, bis zum Frühjahr 1935 durchlebte, als er aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen wurde und kurz darauf verstarb. Dunlop suchte wie überall im Sozialen auch bei seiner Freundin immer ausgleichend zu wirken: Nahm ihr Ideenflug etwa einmal einen zu unrealistischen Kurs, so pflegte er zu fragen: Können wir das vor den Vorstand bringen? Nach dem Tod von Dunlops Gattin im Januar 1932 wurden die Bande zu Dunlop noch enger. Ihre Aufzeichnungen über ihn geben ein deutliches Bild davon. (Merry 1992)

Nach Dunlops Tod pflegte sie freundschaftliche Verbindungen zu ihrer Halbschwester Marna Pease, zu ?Walter Johannes Stein und besonders zu ?Eugen Kolisko, dem sie beim Aufbau der School for Spiritual Science behilflich war. Sie schrieb zahlreiche Aufsätze für die Zeitschrift „The Modern Mystic“, in der auch Stein und Kolisko publizierten. Eugen Kolisko diktierte ihr seine vermächtnishaften letzten Aufsätze „Inductive Biographies“ in die Schreibmaschine.

Zusammen mit Maria Schindler leitete sie in den 40er-Jahren eine Malschule und arbeitete an dem Buch „Pure Colour“ (London 1946) mit. Es kam zu großen öffentlichen Ausstellungen.

Eleanor Merry hinterließ eine Reihe von geisteswissenschaftlich-historischen und dichterischen Werken, die beachtenswert sind, die aber bis heute nicht in andere Sprachen übersetzt wurden. Hervorzuheben sind in erster Linie das Buch „Art – Its Occult Basis and Healing Value“, das Abbildungen eigener Studien und Bilder enthält; ferner das Werk „The Flaming Door“, eine Darstellung der hybernischen Mysterien und des Wirkens der irischen Mönche, die Europa christianisierten. Ein besonderes Kapitel gilt dem 12. Jahrhundert, dem sie sich karmisch verbunden fühlte; auch „Easter – The Legend and the Fact“ ist ein kleines, besonders lesenswertes Werk.

Eleanor Charlotte Merry starb am 16. Juni 1956 in Frinton-on-Sea, Essex.

Thomas Meyer


Werke: Easter – The Legend and the Fact, London 1933, ²1967; Spiritual
Knowledge, London 1936, ²1966; The Flaming Door, London 1936,
Edinburgh ³1983; The Ascent of Man, London 1944, East Grinstead ²1963;
Remembered Gods and other Poems London 1954; The Year and
its Festivals, London 1952; Art – Its Occult Basis and Healing Value, East
Grinstead [1961], The Dream Song of Olaf Åsteson, East Grinstead [1961],
Spring Valley ²1977; Odrun. A Mystery play; Pure Colour (Mit Maria Schindler);
Life Story – an Autobiographical Experience of Destiny,
London 1987; Erinnerungen an Rudolf Steiner und D. N. Dunlop, Basel 1992;
Beiträge in Sammelwerken, weitere in AGB, AM, CtR, Dy, MM, N, Na, Tom.
Literatur: Eleanor C. Merry, in: AM 1956, Nr. 8/9; Meyer, T.: D. N. Dunlop –
ein Zeit- und Lebensbild, Dornach 1987, Basel ²1996; Schöffler 1987.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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