Paul Baumann
Baumann, Paul

Pianist, Komponist, Musiklehrer.

*18.07.1887 Oberrotweil/Baden (Deutschland)
†15.12.1964 Féchy am Genfersee (Schweiz)



Baumann gehört zu den Pionieren der Musikerziehung im Sinne der Pädagogik Rudolf Steiners. Seine Lieder werden weltweit in den Waldorfschulen gesungen.

Als Sohn des früh verstorbenen Bezirksgeometers Kasimir Baumann und seiner Frau Anna, geb. Kürz, wuchs Paul während einiger Jahre bei seinen Großeltern in Mosbach bei Straßburg auf. Er besuchte das Gymnasium in Straßburg und absolvierte das Abitur in Karlsruhe. Zunächst wandte er sich dem Studium der Philosophie in Paris zu, fühlte sich aber bald zur Poesie und Musik hingezogen und bildete sich im Fach Komposition aus. In München schloss er diese Studien 1910 mit dem entsprechenden Examen an der Akademie der Tonkunst ab. – Schon 1908 besuchte er Vorträge von Rudolf Steiner, auf den ihn sein Freund Ernst August Karl Stockmeyer aufmerksam gemacht hatte.

Es folgten drei Jahre als Kapellmeister und Repetitor an verschiedenen Theatern. Bei Kriegsausbruch 1914 wurde er zum Militärdienst aufgeboten und bei Kämpfen im Elsass verwundet. Er geriet in französische Gefangenschaft. 1916 wurde er in die Schweiz abgeschoben und blieb in diesem Land als Internierter. In Zürich gab er ab 1918 Musikstunden und begleitete die Eurythmistin Elisabeth Dollfus, mit der er sich verlobte.

1919 berief Rudolf Steiner beide in das erste Lehrerkollegium der Freien Waldorfschule Stuttgart. Sie heirateten am Vortag der Schuleröffnung, die Feier fand im Hause von Emil Molt statt. Nun begann der wichtigste Abschnitt in seinem Leben. Als Musiklehrer, der im Nebenfach auch Turnen und so genannten Anstandsunterricht zu geben hatte, richtete er den gesamten Musikunterricht ein und komponierte die bekannten Lieder für die Waldorfschule sowie eine Reihe instrumentaler Musikstücke. Das Lied „Ich bin die Mutter Sonne“ mit dem Text von Christian Morgenstern wurde geradezu zur „Schulhymne“. In der Sammlung seiner Lieder findet sich Material für die verschiedensten Altersstufen. Es wuchs aus der pädagogischen Arbeit heraus. „Musik gehört in den Organismus der Schule wie Herz und Atmungsorgane in den Körper des Menschen“, schrieb er in einem Bericht über seine Arbeit. – Auch ins Kollegium der Religionslehrer wurde Baumann gebeten. In seiner vielseitigen, verantwortungsvollen Tätigkeit prägte er das Leben der Stuttgarter Waldorfschule in starkem Maße. Ab 1935 war er formell Schulleiter, was von den NS-Behörden gefordert wurde. Baumann durchschaute wohl, welcher politische Ungeist heraufkam, versuchte aber, die Schule so lange wie möglich durchzutragen. Er stellte sich schützend vor sie, so wie er 1922 Rudolf Steiner bei dessen letztem, von rechts-nationalistischen Krawallen begleiteten öffentlichen Vortrag in München handgreiflich verteidigt hatte. Baumann war auch in der Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus aktiv. 1920 hielt er drei Vorträge im Rahmen des ersten Hochschulkurses.

1937 verließ er mit seiner Familie Stuttgart, übersiedelte nach Dornach und versuchte, mit seiner Frau in Paris eine pädagogisch-künstlerische Arbeit aufzubauen. Der ausbrechende Zweite Weltkrieg verhinderte diesen neuen Impuls.

In den Jahren 1939–1957 lebte er, eher zurückgezogen, in Dornach. Eine schwere Zeit für ihn war die Krankheit seiner Gemahlin. Fast drei Jahre musste die Krebskranke in der Klinik in Arlesheim verbringen, bis sie im Februar 1947 starb. Baumann schrieb in diesen Jahren das Büchlein „Das Kind spricht – ein Bild vom Wesen und Wirken des Kindes“, in welchem er Aussprüche von Kindern im Zusammenhang mit deren Entwicklungsstufen – Formbildung, Gehen, Sprechen, Denken – aufzeichnet.

1957 konnte er in das von seiner Tochter geführte heilpädagogische Heim in Féchy am Genfersee (heute „La Branche“ in Savigny bei Lausanne) übersiedeln. Mit den behinderten Kindern verband er sich eng und lebte bis zu seinem Tod in diesem neuen Aufgabenbereich.

Andreas Dollfus


Werke: Lieder der Waldorfschule, Stuttgart o.J.; Kleine Präludien für Klavier,
Kassel 1929; Das Kind spricht, Dornach 1946; Beiträge in BfA, DD, EK, G, N
und WdN.
Literatur: Wartburg, H. v.: Im Gedenken an Paul Baumann, in: Msch 1965, Nr.
7/8; Weissert, E.: Zum Gedenken an Paul Baumann, in: N 1965, Nr. 29;
Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970;
Baumann, C., Hahn, H.: Paul Baumann. Im Gedenken an seinen 90.
Geburtstag, in: MaD 1977, Nr. 120; Ders., Haueisen, E., Greiner-Vogel, H.:
Paul Baumann, in: Husemann, G., Tautz, J. [Hrsg.]: Der Lehrerkreis um
Rudolf Steiner, Stuttgart 1977; Ginat, C.: Verzeichnis musikalischer Werke,
Dornach ²1987; Lindenberg, Chronik 1988; GA 259, 1991.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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