Curt Englert-Faye
Englert-Faye, Curt Conrad

Pädagoge, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen.

*30.03.1899 Markdorf (Deutschland)
†01.12.1945 Oslo (Norwegen)









In einem vergleichsweise kurzen Leben hat Curt Englert Außergewöhnliches bewirkt. Begabt von Natur aus, beseelt von einem unbändigen Freiheitswillen und eigenständig, ganz auf die Individualkräfte bauend – häufig nicht unumstritten und selbst streitbar –, hat Englert die Pädagogik Rudolf Steiners und das allgemein anthroposophische Leben nachhaltig impulsiert.

Bald nach der Geburt des Sohnes Curt (Conrad) zogen die Eltern nach Samaden im Engadin. Die erhabene Bergwelt dieses eigenartigen Hochtals im Grenzbereich dreier Sprachen und Kulturen hat ihn stark geprägt. 1910 nahm sein Vater, der Ingenieur Theodor Joseph Englert, eine Stelle in der Basler Baugesellschaft an und die Familie zog nach Basel. 1913 wurde er als Bauleiter des ersten Goetheanum nach Dornach berufen. In Basel absolvierte der Sohn das humanistische Gymnasium und traf dort mit den Klassenkameraden Hans Werner Zbinden und Paul Jenny zusammen, mit denen er später die Gründung der Rudolf Steiner-Schule Zürich realisieren sollte.

Englert studierte Altphilologie und Geschichte, mit 22 Jahren legte er das Gymnasiallehrerexamen ab. Seine Professoren wurden auf den begabten Studenten aufmerksam und empfahlen ihm eine akademische Laufbahn. Seine tiefsten Interessen waren aber bereits durch die Anthroposophie geprägt – mit 16 Jahren erhielt er von Rudolf Steiner die Erlaubnis, an dessen Vorträgen teilzunehmen. Auf einer Italienreise traf er einen Bekannten aus Norwegen, den er in Dornach kennen gelernt hatte. Dieser suchte einen Privatlehrer für seine Geschwister in Norwegen und fragte Englert, ob er nicht einen Winter lang zu ihm kommen und Deutschunterricht erteilen könne. Englert sagte zu und Norwegen wurde zu seiner zweiten Heimat.

Sein erster Norwegenaufenthalt dauerte von 1921–26. Er wirkte zuerst als Hauslehrer in Gausdal und später als Gymnasiallehrer in Volda und Bergen. 1923 wurde er mit der Norwegerin Anna Elisabeth Faye getraut, die er schon in Dornach kennen gelernt hatte. In der Ehe wurden drei Töchter geboren.

Nach Rudolf Steiners Besuch in Oslo im November 1921 (GA 304) war Englert bald die zentrale Persönlichkeit in den Bestrebungen, eine Schule in Norwegen zu gründen. Erst 1926 nach einer anthroposophischen Sommertagung in Lillehammer, wo Englert acht Vorträge über die neue Pädagogik hielt, wurde die Rudolf Steiner-Schule in Oslo gegründet. Sie begann am 1. September 1926 mit zwölf Schülern.

Im Jahr zuvor hatte Englert die Redaktion der 1915 begründeten anthroposophischen Zeitschrift „Vidar“ übernommen. Er hatte sich in die norwegische Sprache – mündlich wie schriftlich – gut eingearbeitet. Neben der schriftstellerischen Tätigkeit hielt er zahlreiche Vorträge an verschiedenen Orten und veranstaltete anthroposophische Einführungskurse, die auf großes Interesse stießen. Damit entfaltete der junge Schweizer in Norwegen eine breit gefächerte Tätigkeit. Das kleine Lehrerkollegium in Oslo hoffte, dass Curt Englert ein ständiger Mitarbeiter würde. Aber schon ein Jahr vor der Schulgründung bekam er eine Anfrage aus der Schweiz, die sein Leben erneut veränderte.

Der in Zürich lebende Ingenieur Walter Wyssling und seine Gattin Rosa baten Englert eine Schulgründung im Sinne der Pädagogik Rudolf Steiners vorzunehmen. In diesem Zusammenhang traf er seine Basler Schulkameraden Hans Werner Zbinden und Paul Jenny wieder. Im Frühjahr 1927 konnte die Rudolf Steiner-Schule Zürich – nach Basel die zweite in der Schweiz – ihren Betrieb aufnehmen. Englert wurde der pädagogische Begründer und Leiter der Schule, Jenny Vorsitzender des Schulvereins und Zbinden Schularzt. In zahlreichen öffentlichen Vorträgen und Schriften entwickelte Englert den geistesgeschichtlichen Zusammenhang, der sich von Heinrich Pestalozzi zu Rudolf Steiner hinzieht, um die Steiner’sche Pädagogik ganz in die kulturelle Tradition der Schweiz zu stellen.

Die Begründung der Zeitschrift „Die Menschenschule“ 1927 geht auf seine Initiative zurück. Neben Beiträgen aus der Schulpraxis wurden zahlreiche pädagogische Vorträge Rudolf Steiners – damals stand noch keine Gesamtausgabe der Werke Steiners zur Verfügung – erstmals veröffentlicht, darunter auch Rudolf Steiners Voten an den Lehrerkonferenzen der Stuttgarter Waldorfschule. 1934 gab Englert zusammen mit seinen Lehrerkollegen und den Freunden des Schulvereinsvorstandes den Sammelband „Menschenbildung“ heraus, in dem 30 Autoren die Grundlagen der anthroposophischen Pädagogik, die tägliche Praxis, ihre Stellung im Geistesleben und ihr Verhältnis zum Staat beschreiben. – In den vielen Mythen und Sagen der Schweiz suchte Englert bildenden Lehrstoff und trug diesen, neu erzählt, in mehreren Büchern zusammen.

Englert war zudem eng mit dem Geschehen in Dornach – vor allem mit Marie Steiner – verbunden, sei es auf allgemein anthroposophischem, sei es auf pädagogischem Gebiet. 1928 richtete er pädagogische Veranstaltungen am Goetheanum ein. 1931 formte sich aus diesen Aktivitäten die von Marie Steiner, Isabelle de Jaager und ihm geleitete pädagogische Arbeitsgruppe am Goetheanum, denn seit 1925 gab es keine Pädagogische Sektion im Rahmen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Englert vernachlässigte aber seinen früheren Wirkungskreis in Norwegen nicht. Während der Züricher Jahre war er immer wieder auf Vortragsreisen in Deutschland, Holland, Polen, Schweden und Finnland – und in Norwegen. Am 15. Juni 1934 erhielt er einen Brief von Karl Ingerø, dem Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen. Aufgrund der schwierigen innergesellschaftlichen Lage nach den Auseinandersetzungen an der Dornacher Generalversammlung 1934 und einem Führungsdefizit der Osloer Schule legte er Englert nahe zu erwägen, das Amt des Generalsekretärs zu übernehmen und die Rudolf Steiner-Schule in Oslo zu leiten.

Englerts Antwort war positiv. Allerdings mit einer Bedingung: Er wolle nicht in einem Schulberuf stehen, sondern als freier Mann arbeiten. Bei der Mitgliederversammlung am 1. November 1936 wurde Curt Englert als Generalsekretär für Norwegen gewählt. Damit begann sein zweiter Norwegenaufenthalt, der den Rest seines Lebens andauerte.

In der zweiten Hälfte der 30er-Jahre tauchte eine neue, spirituell suchende Jugendgeneration auf. Viele fanden den Weg zu Curt Englerts Vorträgen und bauten einen neuen Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft – den Oslo-Zweig – auf. Während des Krieges hielt Englert zwei große Vortragsreihen in der von den Nazis okkupierten Hauptstadt. Seine Vorträge wurden gleichzeitig eine Schulung in der Goethe’schen Erkenntnismethode, dem Weg von den Erscheinungen zur Ideenbildung. In den beiden letzten Kriegswintern hielt er eine Vortragsreihe über die griechische Kultur, ihre Mythen und Mysterien, die Welt Homers, der Tragödien, der Philosophie und der Geburt des denkenden Bewusstseins. Englert wollte in weiteren Darstellungen zu den ägyptischen, persischen und indischen Kulturen zurückgehen, aber eine schwere Krankheit verhinderte seine umfassenden kulturgeschichtlichen Pläne.

Unter den Zuhörern der Vorträge saßen junge Menschen, die nach dem Krieg die Rudolf Steiner-Schule in Oslo wieder aufbauten, u. a. Dan Lindholm, Karl Brodersen, Jens Bjørneboe und viele andere; auch Jörgen Smit hatte enge freundschaftliche Kontakte zu ihm. Englerts Vorträge wurden für sie ein entscheidender Teil ihrer anthroposophischen und pädagogischen Bildung. Die „Englert-Schüler“ sollten sich als geistig produktive Lehrer und Anthroposophen erweisen.

So fruchtbar und verbindend Englert als Redner wirkte, so warf seine Tätigkeit als Generalsekretär der norwegischen Anthroposophischen Gesellschaft Kontroversen auf. Englert hatte klare Vorstellungen, wie die Anthroposophie in der allgemeinen Kulturwelt zu vertreten sei. Seine dezidierte Haltung in dieser Hinsicht wurde von verschiedenen Mitgliedern als intolerant und dirigistisch empfunden. Zumal seine Versuche der Einflussnahme gegenüber den unabhängigen anthroposophischen Zeitschriften „Vidar“ und „Janus“ führten zu dieser Einschätzung.

Besonders umstritten und folgenreich war sein Vorgehen in der Generalversammlung 1940, in der er die Landesgesellschaft auflöste und am selben Tag neu begründete. Die Folge war eine Spaltung der Landesgesellschaft, die 35 Jahre dauern sollte.

Englerts geistige Verbindung zur Schweiz brach auch in Norwegen nicht ab. Er arbeitete unermüdlich an dem monumentalen Werk „Vom Mythus zur Idee der Schweiz – Lebensfragen eidgenössischer Existenz geistesgeschichtlich dargestellt“. Es erschien 1940 in dem renommierten Atlantis-Verlag in Zürich und fand allgemeine Beachtung, was für die damals von dem Nazi-Terror umzingelte Schweiz viel bedeutete. Er versuchte weder aus politischen noch aus patriotischen Motiven, sondern „vom Ich-Punkt meines Menschseins aus den Sinn des Gebildes Eidgenossenschaft zu ergründen“.

Englert gehörte zu den wenigen von Marie Steiner berufenen Mitgliedern der von ihr begründeten Vereinigung zur Herausgabe des Gesamtwerks Rudolf Steiners, der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich viele Erwartungen in Norwegen und in der Schweiz auf Englerts Tätigkeiten richteten, beendete 1945 ein heimtückischer Gehirntumor unerwartet dieses energische Erdenleben.

Andreas Dollfus/Oddvar Granly


Werke: Vom Märchen-Erzählen, Basel 1931; als Herausgeber: Ewige
Individualität, Basel 1934, ²1967; als Redakteur: Menschenbildung, Basel
1934; Vo chlyne Lüte, St. Gallen 1937, Bern ²1965; Vom Mythus zur Idee der
Schweiz; Zürich 1940, Basel ²1967/68 in 3 Bänden; Das Schweizer
Märchenbuch, Basel 1941; Alpensagen und Sennengeschichten aus der
Schweiz, Zürich 1941, Basel ²1980; Us der Gschichtetrucke, Basel 1951,
²1963; Vom vergessenen Goethe, Bern 1952, später: Vom unbekannten
Goethe, Basel ²1984; Vom Menschen Johann Heinrich Pestalozzi, Basel
1967; Finnkönigs Tochter, Basel 1972; Schweizer Märchen, Sagen und
Fenggengeschichten, Basel 1984; Beiträge in Sammelwerken, zahlreiche in
Msch, G, weitere in N, Ggw, I, MaB, OeB, V.
Literatur: Steiner, M.: Curt Englert-Faye, in: N 1945, Nr. 49; Lindholm, D.:
Curt Englerts Wirken in Norwegen, in: N 1945, Nr. 52; Niederhäuser, H. R.:
Curt Englert-Faye, in: Msch 1945, Nr. 12; Eymann, F. u. a.: Curt Englert-
Faye, in: Ggw 1945, Nr. 9; Häusler, F.: Curt Englert-Faye, in: N 1946, Nr. 3;
Lindholm, D.: Conrad Englert-Faye, in: Msch 1955, Nr. 12; Hagemann, E.:
Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Brodersen,
K.: Eine Lebensbegegnung mit C. Englert-Faye, in: KH 1984, Nr. 1; Schöffler
1987; Deimann 1987; Brodersen, K.: Curt Englert, in: L 1995, Nr. 4; Streit,
J.: Curt Englert-Faye. Im Gedenken an den 100. Geburtstag, in: MaB 1999,
Nr. 106.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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