Michael Bauer
Bauer, Michael

Lehrer, Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland.

*29.10.1871 Gössersdorf/Oberfranken (Deutschland)
†18.06.1929 Breitbrunn/Bayern (Deutschland)

















Wer war der Mensch, der seinen Zeitgenossen als ein Bürger zweier Welten (Christian Morgenstern), als ein Weiser vom Berge (Alfred Heidenreich), ein Meister des Lebens (Herbert Hahn) und der Liebe (Wilhelm Kelber) oder als ein neuer Starez (Andrej Belyj) erschien?

Michael Bauer konnte wissenschaftliches Streben mit tiefster Religiosität und Menschenliebe verbinden und diese Verbindung beispielhaft darleben. Er war darüber hinaus einer der ersten esoterischen Schüler Rudolf Steiners, der zu eigenständigen, artikulierbaren geistigen Erfahrungen kam. Als Zweigleiter, Vortragsredner, Autor und als Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland setzte er sich für eine individuell gedeckte Darstellung und Verbreitung der Anthroposophie ein. Er prägte vor allem durch seine reine und reflektierte Spiritualität die Entwicklung der anthroposophischen Bewegung und hinterließ nachhaltige Eindrücke in den Menschen, denen er begegnete.

Michael Bauer wurde am 29. Oktober 1871 in Gössersdorf, einem kleinen weltabgeschiedenen Flecken in Oberfranken, geboren. Sein Vater, Jakob Bauer, war als Bürgermeister des Dorfes und Tiersachverständiger eine angesehene Persönlichkeit. Nach dem Tode seiner ersten Frau, die ihm fünf Kinder hinterlassen hatte, war er in zweiter Ehe mit Katharina Sesselmann, der Mutter Michael Bauers, verheiratet. Zu seiner Mutter, die als tatkräftig, fleißig und fromm beschrieben wird, hatte Michael eine nahe Beziehung. Schon früh zeigte er einen ungewöhnlichen Lerneifer. Kaum vierjährig bestand er darauf, am Unterricht in der Dorfschule teilnehmen zu dürfen. So lernte er Lesen und Schreiben, bevor seine eigentliche Schulzeit begann. Auch die Musik begeisterte ihn – scheinbar mühelos lernte er Geige und Klavier spielen. Besonderes Interesse brachte Michael der Natur entgegen, die er beim Gänsehüten eingehend beobachtete. So lebte er bis zu seinem 13. Lebensjahr eine glückliche, sonnige Kindheit.

Dann starb seine Mutter. Ihr Tod hinterließ einen sein weiteres Leben bestimmenden Eindruck. 45-jährig notierte er: „Erinnerung an den Augenblick pflegen, als meine sterbende Mutter von mir Abschied nahm. Von Liebe bedrängt im Angesicht des Todes.“ Es mag sein, dass sich hier schon das Band knüpfte, das ihn mehr und mehr in jener „zweiten Welt“ – wie Christian Morgenstern schrieb – beheimatete.

Dem Schulabschluss folgte eine dreijährige Lehrerausbildung in Bamberg. Doch die erste Stelle in der Rheinpfalz weckte in Bauer den Wunsch, sein Wissen in einem Universitätsstudium zu vertiefen, was durch die Unterstützung von Verwandten ermöglicht wurde. Ab 1893 studierte er in München Philosophie und Naturwissenschaften. Die Übersiedlung nach München brachte ganz neue Welten und Menschen mit sich. Im Studium setzte sich Michael Bauer energisch mit Darwin, Haeckel und der materialistisch orientierten Naturwissenschaft auseinander. Durch seinen Vetter und dessen medial veranlagte Frau, Mathilde Bauer, lernte er spiritistische Kreise kennen. Schon in seiner Kindheit war ihm die übersinnliche Welt im Zusammenhang mit alten Heilpraktiken vertraut geworden, er suchte jedoch nach einer erkenntnisdurchdrungenen Weiterentwicklung dieser natürlichen Anlagen. Allerdings befriedigte ihn die Beschäftigung mit dem Spiritismus auf die Dauer wenig. Zudem ging es ihm darum, die geistigen Erfahrungen mit dem täglichen Leben zu verbinden. Dies führte ihn zunächst zur Bhagavad Gita und den Schriften Kernings, bald lernte er die Theosophie kennen.

1896 veränderte sich Michael Bauers familiäre Situation. Sein Münchner Vetter verstarb und hinterließ eine Familie, für die Bauer bald die Vormundschaft übernahm. Die Verantwortung für die Familie zwang ihn sein Studium schweren Herzens aufzugeben und wieder in den Lehrerberuf zu gehen. Mathilde Bauer war inzwischen seine Frau geworden. Nach einigen Zwischenstationen ließ sich die Familie Anfang 1900 in Nürnberg nieder. Dort wurde auch Bauers einziger Sohn Bruno 1902 geboren. Schon in der Münchner Zeit hatte Michael Bauer seine theosophischen Studien verstärkt und eine intensive innere Schulung begonnen. Er lernte nun Sanskrit und Altgriechisch, um die ihn bewegenden spirituellen Traditionen des Hinduismus und des Christentums in ihren ursprünglichen Texten lesen zu können. In Nürnberg bildete sich bald ein kleiner theosophisch interessierter Kreis um ihn, für den er regelmäßig Vorträge hielt, und er schrieb für die theosophische Zeitschrift „Vahan“ kleinere Beiträge.

In Weimar begegnete Michael Bauer erstmalig Rudolf Steiner, dem damaligen Leiter der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Es war ohne Zweifel die bedeutsamste und folgenreichste Begegnung seines Lebens. Der bisher eingeschlagene Weg erfuhr nun eine zielgerichtete innere Orientierung, Erweiterung und Vertiefung. Michael Bauer hatte sich eingehend mit der deutschen Mystik auseinander gesetzt und lernte nun durch Steiner eine erweiterte, dem modernen Bewusstsein Rechnung tragende Bedeutung des Christus für die innere Entwicklung des Menschen kennen. Auch sein Bestreben, spirituelle Erfahrungen mit dem täglichen Leben zu verbinden, fand in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft eine neue Grundlage. Bald nach dieser ersten Begegnung, im März 1904, reiste Rudolf Steiner zur Gründung des Albrecht Dürer-Zweiges nach Nürnberg. Neben seinem Schulunterricht gab Bauer Einführungskurse in die Theosophie, hielt Vorträge und schrieb zahlreiche Artikel, u.a. auch für pädagogische Zeitschriften. Seit 1907 dehnte sich Michael Bauers Vortragstätigkeit auf andere Städte und ins benachbarte Ausland aus. Er gehörte zu den prägenden Gestalten der beginnenden anthroposophischen Bewegung.

Albert Steffen charakterisierte etwas später seine Erscheinung: „Er ist hoch, das Haupt auf der kerzengeraden Gestalt ein wenig gesenkt. Das Antlitz von einem dunklen Bart umgeben. Die Locke des straffen Haares hängt etwas in die Stirne. Diese ist breit, gleichmäßig hoch und in einer Linie gegen das Haupt abgegrenzt. Die Augen schauen gemäß dem gebeugten Haupte von unten herauf und sind durch das Denken tief auffassend beharrlich geworden.“ Und Andrej Belyj schrieb: „Bauer war ein bewundernswerter Redner; [...] die anthroposophischen Fragen entfalteten sich bei ihm ohne anthroposophische Nomenklatur: er sprach auf dem Grund des ‚Intuitivismus‘ Eckharts die Sprache einer Logos-Philosophie, geschliffen und zu einem aphoristischen Pfeil zugespitzt.“

Neben der Geisteswissenschaft pflegte Michael Bauer intensive philosophische Studien, in der Hauptsache am Werk Hegels. Das Hegelstudium verband ihn auch mit der norwegischen Anthroposophin Helga Geelmuyden, die ihn 1914 zu einer Vortragsreise nach Kristiania (Oslo) einlud.

Etwas früher, im Jahre 1911, wandte sich der in Nürnberg wirkende protestantische Pfarrer Friedrich Rittelmeyer an Michael Bauer und bat ihn um eine Einführung in die Theosophie. Aus dieser Begegnung, die zu Beginn von intensiven Auseinandersetzungen gekennzeichnet war, ergab sich eine lebenslange, tiefe Freundschaft. Michael Bauer wurde für Rittelmeyer – wie dieser es selbst nannte – eine Art Dolmetscher, der die Anstöße, die er zunächst an der Geisteswissenschaft nahm, übersetzte und zurechtrückte. Mit Rittelmeyer zusammen gab Bauer 1921 zum 60. Geburtstag Rudolf Steiners eine an die gebildete Öffentlichkeit gerichtete Würdigung heraus. 1922 begleitete Michael Bauer die Gründung der Christengemeinschaft mit innerer Anteilnahme und wurde manchem jungen Priester ein Ratgeber auf seinem Weg.

Einen weiteren, im geistigen Streben nah verwandten Freund hatte Michael Bauer 1913 in Christian Morgenstern gefunden. Sie lernten sich im letzten Lebensjahr Morgensterns während eines Kuraufenthaltes an der Adria kennen. Ein Jahr zuvor hatte Michael Bauer aufgrund der Folgen einer nie auskurierten Lungenentzündung einen Blutsturz erlitten, der ihn dem Tod nahe brachte. Sein weiteres Leben blieb von dem schweren Lungenleiden gekennzeichnet und setzte seinem Wirken immer engere Grenzen. Bauer musste den Schuldienst aufgeben, zeitweise konnte er kaum sprechen und nur seine literarische Arbeit fortsetzen.

Nichtsdestoweniger entfaltete er im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft eine fruchtbare Tätigkeit. Als sich 1912/13 die Deutsche Sektion aus der Theosophischen Gesellschaft herauslöste und die Anthroposophische Gesellschaft gegründet wurde, wählten die Mitglieder Michael Bauer mit Marie Steiner und Carl Unger in den Vorstand. Er hatte dieses Amt bis 1921 inne. Michael Bauer hielt, soweit es ihm seine Gesundheit erlaubte, Vorträge, beriet Menschen in Fragen der inneren Schulung und Entwicklung und war vor allem schriftstellerisch tätig. Fragt man nach dem eigentlichen Wirken Bauers, so kommt dies möglicherweise am deutlichsten in einer Äußerung des jungen Pfarrers Eduard Lenz zum Ausdruck: „Nach Rudolf Steiner hat mich kein Mensch mehr einfach durch seine Existenz so sehr von der Realität der geistigen Welt überzeugt wie er [...]. Technische Fragen des Meditierens und Konzentrierens konnte man mit ihm besprechen wie mit einem Mathematiker mathematische Probleme. Es war sein Lebenselement.“

Im Jahre 1914 trennte sich Bauer von seiner Frau und verbrachte die folgenden Jahre während des Ersten Weltkriegs in Dornach. Er gab Einführungskurse in die Anthroposophie und hielt viel beachtete anthroposophische Vorträge in der schweizerischen Öffentlichkeit. Mit der verwitweten Margareta Morgenstern lebte er in Arlesheim bis 1917. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in München, wo sich Bauer insbesondere mit Albert Steffen befreundete, zog er zusammen mit Margareta Morgenstern nach Breitbrunn am Ammersee. Durch die Krankheit geschwächt, konnte er an den öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten der anthroposophischen Bewegung – der Dreigliederungsbewegung oder dem Aufbau der Waldorfschule – nur mittelbaren Anteil nehmen und musste schließlich auch seine Vortragstätigkeit mehr und mehr einschränken. Die Jahre in Breitbrunn waren vor allem der schriftstellerischen Arbeit gewidmet. Anlässlich der letzten Zusammenkunft vor der Gründung der Christengemeinschaft war die gesamte künftige Priesterschaft der Bewegung für religiöse Erneuerung im Sommer 1922 für drei Wochen in Breitbrunn versammelt.

Bauer empfing in den Breitbrunner Jahren unzählige Besucher und nahm trotz der ländlichen Abgeschiedenheit wachen Anteil am Zeitgeschehen. Er verfolgte neben kleineren literarischen Arbeiten mit großer Beharrlichkeit den Plan, eine Biografie Christian Morgensterns zu schreiben – er sollte sie nicht mehr vollenden können. Seit dem Spätjahr 1928 war Bauer endgültig ans Bett gefesselt und körperlich äußerst geschwächt. Bis in die letzten Lebenstage war er mit der Morgenstern-Biografie befasst. Am 18. Juni 1929 starb er, kurz nach Mitternacht.

Sein Arzt, Hans Carossa, schrieb rückblickend: „Nie ist mir ein gütigerer, weiserer Mensch begegnet als Michael Bauer, der im höchsten Sinn des Wortes zerfallend Strahlen aussandte.“ (zit. nach Krüger, M. in: G 1980, Nr. 6)

Christiane Haid


Werke: Religion und Erziehung, Ulm 1914; Mystik und Okkultismus, Berlin o.J.
Rudolf Steiner und die Pädagogik, in: Vom Lebenswerk Rudolf Steiners,
München 1921; Christian Morgensterns Leben und Werk (vollendet von
Margareta Morgenstern u.a., München 1933, 6. Aufl. 1985; Pflanzenmärchen,
Tiergeschichten und Sagen, Stuttgart 1939, ³1957; Gesammelte Werke,
5 Bände, Stuttgart 1985–97, hrsg. von C. Rau. Als Herausgeber: Morgenstern,
C.: Stufen, 1918; Morgenstern, C.: Epigramme und Sprüche, 1920 (mit
Morgenstern, M.); Morgenstern, C.: Auswahl, München 1929; Morgenstern, C.:
Meine Liebe ist groß wie die weite Welt, München 1936; Menschentum und
Freiheit, Stuttgart 1971; Jugenderzählungen, Ottersberg 1981; zahlreiche
Erzählungen, Gleichnisse, Legenden, Aphorismen, Gedichte und Aufsätze in
Tch, CH, G, WdN, MaD, AP, AT, Christentum und Gegenwart, DD, EK, Msch,
Sv, V; Übersetzungen ins Englische, Niederländische, Norwegische und
Russische erschienen.
Literatur: Steffen, A.: Michael Bauer, in: G 1929, Nr. 27; Uehli, E.: Erinnerungen an Michael Bauer, in: G 1929, Nr. 30; Rittelmeyer, F.: Aus meinem Leben, Stuttgart 1937, ³1986; Dubach-Donath, A.: Erinnerungen an Michael Bauer, in: N 1943, Nr. 24; Morgenstern, M.: Michael Bauer. Ein Bürger beider Welten, München 1950, Stuttgart ²1965; Götte, F.: Michael Bauer, in: MaD 1951, Nr. 18; Wehr, G.: Friedrich Rittelmeyer, Wies [1985]; Rißmann, R.: Geschichte der Anthroposophie in Nürnberg, Nürnberg 1986; Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Rau, C.: Michael Bauer – sein Leben und seine Begegnung mit Friedrich Rittelmeyer, Dornach 1995.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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