Moritz Bartsch
Bartsch, Moritz
Pseudonym/Varianten: Freidank, M. B.

Rektor.

*15.02.1869 Winzig, Kreis Wohlau (Schlesien) (damals Deutschland)
†15.01.1944 Bad Saarow (Mark) (Deutschland)

Der Breslauer „Rektor Bartsch“ darf als die zentrale Gestalt der anthroposophischen Bewegung in Schlesien betrachtet werden. Bekannt wurde er besonders durch sein Engagement für die oberschlesische Dreigliederungskampagne des Jahres 1921 und für den Landwirtschaftlichen Kurs (GA 327) Rudolf Steiners in Koberwitz.

Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, aber früh an Fragen des geistigen Lebens interessiert und für soziale Reformen aufgeschlossen, hatte er sich für den Lehrerberuf entschieden. Bald gehörte er – als Vorsitzender des Breslauer Lehrervereins – zu den maßgeblichen Wortführern der sozial aufstrebenden Volksschullehrerschaft. Seine aufrechte Gesinnung, sein Idealismus, ein feuriges Temperament, persönliche Liebenswürdigkeit und professionelle Kompetenz verschafften ihm allgemeines Ansehen und viele Sympathien auch im weiteren Umkreis.

Ein frühes Gefühl des Ungenügens gegenüber den materialistischen Denkgewohnheiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatte schon den jungen Lehrer zu Berührungen mit der indischen Theosophie, aber auch zu energischen Auseinandersetzungen mit erkenntnistheoretischen Fragen (Kant, Schopenhauer) gebracht. Über solche Fragen geriet er denn auch schon beim ersten Zusammentreffen in ein intensives Gespräch mit Rudolf Steiner, im Anschluss an dessen Vortrag vom 2. Dezember 1908 in Breslau, in der Wohnung von Marie Ritter (Erinnerungen, S. 31). Seine in zwei Teilen veröffentlichte „Populäre Philosophie“ zeigt, wie er gleichzeitig noch in den Bahnen Kants dachte, aber – wohl infolge seines intensiven Studiums der „Philosophie der Freiheit“ – schon 1912 zu einem entschiedenen öffentlichen Eintreten für die anthroposophische Geisteswissenschaft fand – auch wenn er sechs Jahre später seine Schrift „Vom Denken zum Geist“, mit welcher er in Grundbegriffe der Anthroposophie einführt, zunächst noch unter dem Pseudonym „M. B. Freidank“ herausbrachte.

Schon im Januar 1914 tritt Moritz Bartsch bei der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft als Redner auf. Mehrere Beiträge in den „Waldorf-Nachrichten“ zeigen, dass er die 1919 gegründete Waldorfschule energisch unterstützt. So spricht er auch beim Stuttgarter Kongress „Kulturausblicke der Anthroposophischen Bewegung“ im Herbst 1921 über Pädagogik. Im Februar 1923 tritt er zusammen mit Hans Büchenbacher, Jürgen von Grone, Ernst Lehrs, René Maikowski, Wilhelm Rath und Maria Röschl in das Komitee für die „Freie Anthroposophische Gesellschaft“ ein. Zudem war er über viele Jahre im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland tätig.

Während der Vorbereitungen auf die Abstimmung über die Zugehörigkeit des oberschlesischen Industriegebiets zu Deutschland oder Polen im Januar 1921 – ein geradezu klassisches Szenario für politische Gestaltungsmöglichkeiten nach Rudolf Steiners Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus – organisiert Bartsch mit wenigen Freunden, von Rudolf Steiner durch einen schnell improvisierten Rednerkurs (GA 338) unterstützt, eine „Propaganda-Aktion“ in 16 oberschlesischen Städten, die einige Aufmerksamkeit erregt, aber doch den feindlichen Kräften der Nationalisten beider Seiten und den kommunistischen und klerikalen Gegentendenzen nicht standhalten kann. Über den abenteuerlichen Verlauf dieser Kampagne schreibt er am 13. Januar 1921 einen Bericht an Rudolf Steiner. An elf verschiedenen Orten betreibt er anschließend Studiengruppen zur Dreigliederung. Er hält in 22 Monaten 366 Vorträge. Auch bei der Vorbereitung und Durchführung des Landwirtschaftlichen Kurses von 1924 in Koberwitz bei Breslau spielt Bartsch eine Rolle.

Rudolf Steiner würdigt seinen Einsatz dabei im Nachrichtenblatt der Anthroposophischen Gesellschaft (1924, S. 97). Auf besonderen Wunsch Rudolf Steiners hält Moritz Bartsch von Mitte Januar bis Ende März 1925 in etwa 50 deutschen Städten öffentliche Vorträge über „Das gegenwärtige Bildungsideal und die Freie Waldorfschule“. Nach dem Tode Rudolf Steiners unternimmt er noch weitere Vortragsreisen. Sein Wirken in und um Breslau bereitet den menschlichen Boden für die dortige Waldorfschule, für eine Gemeinde der Christengemeinschaft und eine heilpädagogische Initiative, die bis zur russischen Besetzung auch während der Nazizeit im Stillen weiterarbeiten konnte.

Seine letzten Jahre verbrachte Moritz Bartsch nicht weit von dem Hof „Marienhöhe“ in Bad Saarow (Mark), den sein Sohn Erhard als biologisch-dynamisch geführten Musterbetrieb aufgebaut hatte. Noch 1938 vollendete er eine größere Abhandlung über „Weltanschauung, Ich-Entwicklung und Christus-Wirken im Wandel des europäischen Geisteslebens“ (J. v. Grone, S. 35).

Johannes Kiersch


Werke: Populäre Philosophie, Bd. I/II, Breslau 1910/1912, Bd. I ³1925; Die Freiheit in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, Berlin 1914; Der Siegeszug des deutschen Geistes, Breslau 1915; Freiheit und Gemeinschaft, Breslau o. J.; Vom Denken zum Geist, Breslau 1918, ²1920; Opferfeuer (R), Breslau o. J.; Der dreigliedrige soziale Organismus. Eine Einführung, Breslau 1921; Erinnerungen eines Schlesiers an Rudolf Steiner, in: MaD 1965, Nr. 71; Ein Schlesier berichtet, in: Beltle, E., Vierl, K. [Hrsg.]: Erinnerungen an Rudolf Steiner, Stuttgart 1979; Bericht über die erste Propaganda-Aktion in Oberschlesien, in: BGA 1986, Nr. 93/94; Beiträge in N, WdN, A, G.
Literatur: Steiner, M.: In memoriam, in: N 1944, Nr. 10; Totenliste in memoriam, in: MaD 1950, Beilage zu Nr. 13; Grone, J. v.: Moritz Bartsch zum 10. Todestag, in: MaD 1954, Nr. 27; Kugler, W.: Polnisch oder deutsch? Oberschlesien, ein Schulbeispiel für die Notwendigkeit der Dreigliederung, in: BGA 1986, Nr. 93/94; Brunk, O.: Die Danziger Tagungen, Radolfzell 1985; Schöffler 1987; GA 260a, ²1987; Lindenberg: Chronik 1988; GA 259, 1991.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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