Erhard Bartsch
Bartsch, Erhard

Landwirt, Geschäftsführer.

*07.01.1895 Breslau (ehemals Deutschland)
†05.09.1960 St. Veit an der Glan (Österreich)



Erhard Bartsch gehör-te zu den führenden Landwirten, die die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise aus ihren ersten Anfängen zu einer maßgeblichen Bewegung im 20. Jahrhundert entwickelten. Sein Gut „Marienhöhe“ wurde zum Zentrum der biologisch-dynamischen Landwirtschaft vor dem Zweiten Weltkrieg.

Er wurde als ältester von drei Söhnen des Rektors Moritz Bartsch und seiner Ehefrau Selma geboren. Sein jüngerer Bruder, Hellmut Bartsch, sagte, „das Gesetz des Handelns“ sei ihm von klein an eigen gewesen, als Schuljunge und später als Anführer im Freundeskreis. 1913 hörte er erstmalig einen Vortrag von Rudolf Steiner, der Vater ermöglichte eine persönliche Begegnung mit ihm.

Am 14. August 1914 trat er als Fahnenjunker in das Fußartillerieregiment VI ein, wo er als Batterieoffizier wirkte. Im Januar 1916 trat er zur Fliegertruppe über. Zweimal stürzte er bei Aufklärungsflügen durch feindlichen Beschuss ab und trug sein Leben lang an den Folgen. Für seine Tapferkeit wurde er mit dem selten verliehenen Hohenzoller-Orden von Kaiser Wilhelm II. ausgezeichnet. Nach Kriegsende war er noch bis Januar 1919 im Grenzschutz gegen Polen und Tschechen als Flugzeugbeobachter tätig, anschließend beim Reichswehrgruppenkommando I in Berlin. Er wurde im März 1920 auf eigenen Antrag als Oberleutnant verabschiedet.

Schon als Soldat studierte er die Werke Steiners und nutzte 1919 einen Urlaub, um in Stuttgart Vorträge zur sozialen Dreigliederung (GA 337a u. a.) zu hören. Bald verwaltete er die Geschäftsstelle des Bundes für Dreigliederung in Breslau und organisierte den Einsatz einer Rednergruppe, die sich für die friedliche Lösung der Nationalitätenfrage in Schlesien einsetzte.

Beruflich wandte er sich der Landwirtschaft zu und absolvierte ein einjähriges Praktikum auf dem von Carl Graf von Keyserlingk verwalteten Gut Koberwitz in Schlesien. Anschließend studierte er Landwirtschaft an der Universität Breslau, wo er im Mai 1925 promoviert wurde. In diese Zeit fallen seine erste Eheschließung mit Elisabeth Gahn aus Breslau und die Geburt ihrer beiden Kinder. Neben dem Studium war er in der Keyserlingk’schen Güterverwaltung bei der Einführung der Milchkontrolle tätig. In den Jahren, die dem Landwirtschaftskurs (GA 327) Rudolf Steiners vorangingen, traf er in Breslau Immanuel Voegele, den der Graf aus Süddeutschland als Gutsverwalter nach Schlesien geholt hatte. Bartsch und Voegele versandten eine Umfrage, um festzustellen, wie viel Interesse an landwirtschaftlichen Vorträgen Rudolf Steiners vorhanden sei. Für eine weitere Initiative fanden die beiden die Unterstützung des Grafen und zusammen mit Franz Dreidax und Almar von Wistinghausen arbeiteten sie die Fragen aus, zu denen sie Perspektiven aus Steiners geisteswissenschaftlichen Forschungen erhofften. So bereiteten sie den Landwirtschaftlichen Kurs vor, der Pfingsten 1924 in dem Hause von Graf und Gräfin (Johanna) von Keyserlingk stattfand.

Im Anschluss an den Landwirtschaftskurs setzte Erhard Bartsch sich energisch für die – wie sie zunächst genannt wurde – „biologische Düngung“ ein. Den Begriff „biologisch-dynamisch“ prägte er erst später gemeinsam mit seinem Freund Ernst Stegemann. Im Herbst 1925 schied er aus der Arbeit in Koberwitz aus, um im Frühjahr 1926 die Verwaltung des Dominium und der Dampfziegelei Gosen in Schlesien zu übernehmen. Er wollte seine Tätigkeit für die neue Methode von einem Versuchsbetrieb aus unternehmen. Mithilfe Almar von Wistinghausens gab er die „Mitteilungen des Versuchsringes“ heraus, die später in die Monatsschrift „Demeter“ übergingen. Der Name „Demeter“ brachte die Verbindung der biologisch-dynamischen Bewegung mit den eleusinischen Mysterien zum Ausdruck.

1927 wurde Erhard Bartsch das Gut Marienhöhe in Bad Saarow in der Mark Brandenburg von dem ehemaligen Reichskanzler Georg Michaelis als Versuchsgut angeboten. Er übernahm es im Auftrag eines Freundeskreises im Dezember 1927, um ab Frühjahr 1928 die Ratschläge Rudolf Steiners zu erproben.

Die Marienhöhe bedeutete eine große Herausforderung, da sie bis dahin mit ihren Ödländereien nur der Schafhaltung diente. Ein Drittel der Fläche lag unter der Anbauwürdigkeit. Durch konsequente Landschaftsgestaltung, reichliche Anwendung organischer Materialien, Anbau und Viehhaltung gelang es ihm, den „Betriebsorganismus“ Marienhöhe so zu entwickeln, dass er schon bald zu einem Musterbetrieb wurde, der allgemein Interesse und Anerkennung hervorrief.

Nach dem Ausscheiden des Grafen von Keyserlingk aus der Leitung des „Versuchsringes für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise“ 1926 übernahm Ernst Stegemann die Leitungsaufgaben und bat Erhard Bartsch die Geschäftsstelle in Bad Saarow zu übernehmen. Dort fanden die regelmäßigen Wintertagungen des Versuchsringes statt; dort entstand durch die Initiativen von Erhard Bartsch das Zentrum des Versuchsringes und ab 1933 des „Reichsverbandes für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise“. Er unterhielt als Leiter des Reichsverbandes und Herausgeber der Monatsschrift „Demeter“ von 1933–41 Kontakte zu Nationalsozialisten, Partei- und Staatsstellen, lud deren Vertreter zu Tagungen und Besichtigungen ein und vertrat in Wort und Schrift die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise. Eine Parteimitgliedschaft, die seinen Zielen gedient hätte, lehnte er allerdings ebenso entschieden ab wie Angebote, biologisch-dynamische Konzepte in großem Maßstab, losgelöst von der Anthroposophie, im nationalsozialistischen Deutschland zu verwirklichen. Er war Pragmatiker und als solcher ließ er sich im organisatorischen und verbalen Bereich auf eine aus heutiger Sicht gefährliche Nähe mit der NS-Ideologie ein. Er setzte sich für ein „kulturtragendes Bauerntum“ ein und erhoffte durch den NS-Staat eine Stärkung der biologischen Wirtschaftsweise gegen die vehementen und existenzgefährdenden Angriffe der chemischen Industrie. Die führenden Vertreter der biologisch-dynamischen Bewegung verhielten sich zu seinen Aktivitäten generell positiv, zumindest loyal.

Überblickt man die Lage der biologisch-dynamischen Bewegung um 1939/40, so wurde sie vor allem durch die Energie und Tätigkeit von Erhard Bartsch geprägt, von einigen Seiten auch anerkannt, und es bestanden berechtigte Zukunftshoffnungen auf eine kräftige Entfaltung. Erhard Bartsch selbst trug sich damals mit Plänen für eine „Goethe - Hochschule für Forschung und Bildung aus bäuerlicher Lebensordnung“. 1941 aber führte seine dezidiert ablehnende Haltung gegenüber einer ideologischen Vereinnahmung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft durch die NS-Organisationen zu Verbot und Auflösung des Reichverbandes für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, Verhaftungen folgten, er selbst wurde zweimal im Gestapo-Gefängnis am Alexanderplatz in Berlin inhaftiert. Nach der Entlassung am ersten Advent 1941 konnte er in einer Art Hausarrest weiterhin auf der Marienhöhe arbeiten.

Im Jahr 1933 hatte Erhard Bartsch mit Hemma Wurzer eine zweite Ehe geschlossen. Auf ihrem elterlichen Hof, dem seit 1927 biologisch-dynamisch bewirtschafteten Wurzerhof bei St. Veit in Kärnten (Österreich), wirkte er vorwiegend seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Wurzerhof ist der älteste heute noch existierende biologisch-dynamische Betrieb.

Selbstverständlich tauchte nach Kriegsende die Frage nach seiner Mitwirkung an zentraler Stelle beim Wiederaufbau der biologisch-dynamischen Bewegung auf. Seine Führungskraft und die Kenntnis des im Versuchsring und in Bad Saarow Erreichten waren unmittelbar lebendig. Zudem bestand bei verschiedenen Mitarbeitern der biologisch-dynamischen Bewegung ein – man kann es so nennen – „Treueverhältnis“ zu ihm. Auf dem Talhof in Heidenheim wurde im Winter 1949/50 von führenden Vertretern der biologisch-dynamischen Bewegung – neben ihm nahmen Nicolaus Remer, Hans Heinze, Kurt Willmann und Immanuel Voegele an dieser Beratung teil – über seine Mitarbeit im Vorstand des neu gegründeten und zunächst in Stuttgart angesiedelten Forschungsrings für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise gesprochen, auch die Möglichkeit seiner Stellung als Präsident wurde erörtert. Diese wie auch noch folgende Besprechungen verliefen ergebnislos. Nach den schweren Erlebnissen während der Nazizeit, nach dem aufreibenden und schließlich erfolglosen Einsatz für die Gewinnung eines breiten öffentlichen Interesses für die neuen landwirtschaftlichen Perspektiven und nicht zuletzt nach den Erfahrungen in den politischen Gefängnissen war es nicht mehr sein Anliegen, die biologisch-dynamische Idee nach außen zu vertreten. Sein ganzes Interesse galt nun der sozialen Gemeinschaftsbildung auf den Höfen. Beim Aufbau der maßgeblich durch Nicolaus Remer geprägten „Bäuerlichen Gesellschaft in Nordwestdeutschland“, die er unterstützte, spielte diese Haltung eine Rolle.

1948 waren seine drei Kinder aus der zweiten Ehe auf den Wurzerhof gekommen und Erhard Bartsch begann im Sommer 1950 aus seinen reichen Erfahrungen die Landschaft zu gestalten – und rasch wurde auch dieser Hof, wie in den 20er- und 30er-Jahren die Marienhöhe, zu einem Musterbetrieb in Kärnten. Hemma Bartsch blieb auf der Marienhöhe und ermöglichte damit die Weiterexistenz des einzigen biologisch-dynamischen Betriebs in der ehemaligen DDR.

Während der ihm noch verbleibenden Jahre setzte sich Erhard Bartsch für die Ausbildung jüngerer Menschen ein. Dabei war er von der Idee durchdrungen, den landwirtschaftlichen Impuls, die Pflege des Lebendig-Ätherischen mit der Heilpädagogik in Verbindung zu bringen. Kurz vor seinem Tode kam es aus diesen Intentionen am 14./15. Mai 1960 zu der Begegnung von Erhard Bartsch mit Karl König, dem Begründer der internationalen Camphill-Bewegung, auf dem Wurzerhof.

Als Erhard Bartsch am 5. September 1960 im 65. Lebensjahr verstarb, lebten bereits die ersten zehn seelenpflegebedürftigen Jugendlichen auf dem Wurzerhof – und die Verbindung von Sozialtherapie und Landwirtschaft entwickelte sich seither in vielfältigen Formen.

Herbert H. Koepf


Werke: Die Fortentwicklung der Landwirtschaft durch Anthroposophie, in: Gäa Sophia, Bd. I/Bd. IV, Dornach/Stuttgart 1926/1929; Die Landwirtschaft und das Ernährungsproblem unserer Zeit, in: Gäa Sophia, Bd. II/Bd. IV, Dornach/Stuttgart 1927/1929; Die Not der Landwirtschaft, Berlin 1927, o. O. ³1932; Vom Wesen des Betriebsorganismus. Der Erbhof Marienhöhe, Goslar o. J.; Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, Dresden 41934; Kurze Betrachtung landwirtschaftlich-medizinischer Zusammenhänge, in: Bartsch, H., Dreidax, F. [Hrsg.]: Der lebendige Dünger, Planegg o. J.; Beiträge in AM, D, G, MdV, N.
Literatur: Dreidax, F.: Dr. Erhard Bartsch, in: MaD 1960, Nr. 54; Wachsmuth, G.: Erhard Bartsch, in: N 1960, Nr. 38; Heimeran, M.: Vom neuen Bauerntum. Im Gedenken an Dr. Erhard Bartsch, in: N 1960, Nr. 48; Hiebel, F.: Im Erinnern an Erhard Bartsch, in: N 1961, Nr. 25; Bartsch, H.: Dr. Erhard Bartsch. Gedenken an den Mitbegründer der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, in: LE 1961, Nr. 1, Beilage; Bartsch, H.: Erinnerungen eines Landwirts, o. A.; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Deimann 1987; Schöffler 1987; Werner, U.: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1999; Koepf, H. u. Plato, B. v.: Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert, Dornach 2001.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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