Dan Lindholm
Lindholm, Dan

Waldorflehrer, Seminardozent, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen.

*04.04.1908 Kristiania (Norwegen)
†14.07.1998 Jar (Norwegen)





Dan Lindholm besaß eine begnadete Erzählergabe. Die schriftlichen Fassungen des nordischen und indischen Sagenschatzes sind Ausdruck dieser Fähigkeit, die er vor allem im mündlichen Vortrag, als Dozent und Redner zum Ausdruck brachte.

Am 4. April 1908 wurde Dan Lindholm als Ältester von drei Söhnen des Rittmeisters Daniel Kildal Lindholm in Kristiania (Oslo) geboren. Seine Mutter, ?Ingeborg Møller, war Schriftstellerin und der theosophischen Bewegung verbunden; der Rittmeister hingegen teilte die geistigen Interessen seiner Frau wenig. Als Dan acht Jahre alt war, zog die Familie nach Levanger, einem kleinen Ort in der Provinz Nord-Trøndelag. Ingeborg Lindholm fiel der Umzug aufs Land nicht leicht, für die Kinder erwies sich die ländliche Umgebung jedoch als Paradies. 1916 ließ sie sich von ihrem Mann scheiden und zog danach mit den Kindern nach Gudbrandsdalen, wo sie als Volkshochschullehrerin tätig war. Dan Lindholm schrieb über die neue Umgebung: „Dort, in Gudbrandsdal, war dazumal das alte Bauerntum noch nicht ganz gebrochen. Leben und Arbeit richteten sich nach Brauch und Sitte, wie sie durch Jahrhunderte bestanden hatten. Nicht selten kam die Rede – halb abergläubisch – auf allerlei Naturwesen, die hinter dem handgreiflichen Dasein ihr Spiel trieben.“ (Lindholm 1964, S. 10) Dan fand durch das Leben in dieser ursprünglichen Gegend ein innerliches Verhältnis zur volkstümlichen Tradition und Erzählkunst. Der alte Volkshochschulveteran Andreas Austlid, dem er nah verbunden war, förderte seine Interessen. Auch mit dem Maler Hallvard Blekastad verband ihn eine Freundschaft.

Die späte Kindheit sowie die Jugendjahre waren durch Umzüge und häufige Geldsorgen seiner Mutter bestimmt. Mit 14 Jahren konnte Dan die Waldorfschule in Stuttgart besuchen, da die norwegischen Kronen in dem von der Inflation betroffenen Deutschland eine beachtliche Kaufkraft hatten. Dan besuchte in Stuttgart die 7. Klasse, die von ?Caroline von Heydebrand unterrichtet wurde. Besonders beeindruckt war der junge Norweger von den Besuchen Rudolf Steiners in der Schule: „Unvergesslich ist mir sein Lächeln, wenn er auf dem Schulhof von Erst- und Zweitklässlern so umringt wurde, dass er wie in einem Meer von kleinen Kindern waten musste!“ (Ebd.)

Nach einem knappen Jahr kehrte Dan nach Norwegen zurück und besuchte die Østfold Folkehøgskole, deren Gründer und Leiter der Anthroposoph ?Olaf Funderud war. Kurz vor dem Abitur verließ er die Schule und reiste mit einem Freund zusammen nach Florenz, er wollte seiner vermeintlichen Berufung als Künstler nachgehen. Im Rückblick berichtete er: „Wir mieteten ein Atelier, aber auf der Leinwand trat die erträumte Genialität nicht in Erscheinung.“ (Ebd.)

Nach einer kurzen Zwischenstation in Wien kam Lindholm 1927 nach Dornach. Dort trat er in die Anthroposophische Gesellschaft ein und widmete sich insbesondere der Eurythmie und Sprachgestaltung. Eineinhalb Jahre später reifte der Entschluss, das Abitur nachzuholen, und er kehrte 1929 nach Norwegen zurück. Da das Geld für ein Studium fehlte, arbeitete Dan Lindholm sieben Jahre als Klassenlehrer an der Rudolf Steiner-Schule in Bergen. Erst 1938 hatte sich sein Berufsziel so weit geklärt, dass er beschloss, in Oslo Botanik und Chemie zu studieren. Bei den Angriffen der deutschen Besatzungsmacht gegen die Universität wurde er für kürzere Zeit verhaftet, entging aber dem Schicksal vieler anderer Studenten, die in deutsche Konzentrationslager geschickt wurden. 1943 legte er sein Examen ab und war bis zum Kriegsende Lehrer an einer kleinen Privatschule, die von Gulle Brun und Vult Simon geleitet wurde. Diese Schule wurde nach 1945 in die jetzige Rudolf Steiner-Schule in Oslo umgewandelt.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer engagierte sich Lindholm ab Mitte der 30er-Jahre für die anthroposophische Arbeit in Bergen und war von 1935 bis 1938 Vorsitzender der Bergensgruppen, dem dortigen Zweig, später war er im Zweig Oslo aktiv. Ab 1933 war er ein Jahr Redakteur der anthroposophischen Zeitschrift „Vidar“. Nach dem Tode des Generalsekretärs ?Curt Englert im Dezember 1945 übernahm Lindholm Anfang des Jahres 1946 zusammen mit ?Christian Smit und ?Helga Geelmuyden die Leitung der norwegischen Landesgesellschaft. Seit Herbst 1946 war Lindholm im Vorstand der Landesgesellschaft zusammen mit ?Bjarne Eliassen (Vorsitzender) und ?Jørgen Smit tätig. Die Arbeit des Dreierkollegiums wurde sehr geschätzt, sodass der Vorstand durch viele Jahre hindurch arbeiten konnte. Während der Nordiske Sommerstevner (nordischen Sommertagungen), die als feste Institution 1949 begonnen wurden und zahlreiche Menschen aus ganz Europa anzogen, war er eine der tragenden Kräfte.

1948 heiratete Lindholm die Pianistin Amalie Christie. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Bis 1986 war Lindholm an der Rudolf Steiner-Schule Oslo als Lehrer tätig. Darüber hinaus wirkte er als Seminardozent in der Lehrerausbildung in Oslo, Järna, Dornach und Stuttgart und hielt Vorträge im In- und Ausland. Durch seine schriftstellerischen Arbeiten, die den norwegischen Sagenschatz der Edda und andere nordische und indische Sagen zugänglich machten, wurde er auch über die Grenzen Norwegens hinaus bekannt. Die Bildhaftigkeit seiner Erzählweise steht allen, die ihn selbst gehört haben, heute noch eindrücklich vor Augen.

Auch im künstlerischen und pädagogischen Bereich publizierte Lindholm und schrieb für zahlreiche skandinavische anthroposophische Zeitschriften. Er übersetzte Kunstvorträge Rudolf Steiners. Mit 80 Jahren war er noch in Järna tätig, 1988 wurde ihm die königliche Verdienstmedaille in der Rudolf Steiner-Schule Oslo übergeben. 91-jährig starb Dan Lindholm am 14. Juli 1998 in Jar, Norwegen.

Terje Christensen


Werke: mit Signe Roll Wikberg und Mimi Geelmuyden: Pedagogisk fornyelse,
Oslo 1935; Små sagn om store ting, Oslo 1949; Wie die Sterne entstanden,
Stuttgart 1963, 6. Auflage 1998; Götterschicksal, Menschenwerden, Stuttgart
1965, 7.Auflage 2002; als Übersetzer: Das Traumlied des Olav Åsteson,
Stuttgart 1967; Stabkirchen in Norwegen, Stuttgart 1968, ²1979; Die Stimme
der Felswand, Stuttgart 1971, ²1980; Quell der Ganga, Stuttgart 1975, ³1982;
Over berg og blåne, Oslo 1978; Godt følge, Oslo 1980; Die wundersame
Wanderschaft, Stuttgart 1980; På menneskevei. Fra livet i en Steinerskole,
Oslo 1981, ²1985; Julefortellinger, Oslo 1982; mit Jørgen Smit: Teater i
skolen, Oslo 1985; Innsyn i nordiske gudesagn, Oslo 1987; Mit der Feder
des Vogels Simurgh, Stuttgart 1987; Vårherre og Sankt Peter på vandring,
Oslo 1988; Kjenner du din engel?, Oslo 1989; Vom Engel berührt, Stuttgart
1989, ³1992; Der weiße Bär. König Walemon, Dornach 1989, Stuttgart
³2003; Gjentatte jordliv, Oslo 1994; Fra soloppgangens land, Oslo 1995;
Woher kommen wir? Wohin gehen wir?, Stuttgart 1996; Beiträge in
Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische, Französische, Niederländische
und Schwedische erschienen; Beiträge in BfA, CH, EK, Hor, Js, L, Med, Msch,
N, Ns, SbK, Spe, Sts, V.
Literatur: Selbstbiografisches, in: Von neuen Büchern 1964, Nr. 9; Deimann
1987; Clausen, S.: Königliche Verdienstmedaille für Dan Lindholm, in: G
1988, Nr. 28; Christensen, T.: Pionéren og veteranen Dan Lindholm 90 år,
in: L 1998, Nr. 1; Alm, T. F.: Dan Lindholm, in: Mlb 1998, Nr. Sept.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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