Christoph Lindenberg
Lindenberg, Christoph

Waldorflehrer, Historiker.

*04.01.1930 Holzminden/Weser (Deutschland)
†20.04.1999 Zarten (Deutschland)











Anthroposophie – soll sie ihre Wirksamkeit als spirituelle Entwicklungsströmung bewahren – kann nicht nur tradiert werden; sie muss immer wieder neu aus den besten Erkenntniskräften einer folgenden Generation erarbeitet und für eine veränderte Zeit fruchtbar gemacht werden. Und es darf nicht vergessen werden, dass Anthroposophie nicht nur innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft zu pflegen ist, sondern als orientierende und impulsierende Kraft im allgemeinen Zivilisationsleben wirksam werden soll. Im Sinne dieser Aufgaben hat Christoph Lindenberg während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in herausragender Weise gewirkt.

Er wurde am 4. Januar 1930 in Holzminden geboren. Dort in der Nähe waren seine Eltern im Landerziehungsheim am Solling als Lehrer tätig, der Vater, Maler und Anthroposoph, als Kunsterzieher, die Mutter, eine gebürtige Holländerin, als Sprachlehrerin. Die reiche, vielgestaltige Natur am Abhang des Solling machte einen tiefen Eindruck auf das Kind, ebenso die Geschichten des Neuen Testamentes, die die Mutter erzählte. Prägend war auch die Schule, die neben den üblichen Unterrichtsfächern ein reiches Angebot für praktische und künstlerische Betätigung hatte. Schon früh erwachte das Interesse an Geschichte zusammen mit den ersten Anzeichen einer literarischen Begabung. So schrieb Christoph Lindenberg bereits als Schüler seine Anschauungen über frühere Kulturen in Aufsätzen nieder, die er dann Klassenkameraden zum Lesen gab.

Von 1950 bis 1955 studierte er in Göttingen und Freiburg Geschichte, Anglistik und Philosophie und erhielt durch einige bedeutende Hochschullehrer wie Hermann Heimpel und Helmuth Plessner starke Eindrücke von dem positiven Geist der Wissenschaft. Neben den Vorlesungen und Seminaren betrieb er ein intensives Studium der Anthroposophie, die er durch die Bibliothek seines Vaters anfänglich kennen gelernt hatte. 1951 wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.

Sein Ziel war, Lehrer an einer Waldorfschule zu werden. Und so begann er nach dem Staatsexamen Ostern 1955 an der Freien Georgenschule in Reutlingen zu unterrichten. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer setzte er seine anthroposophischen Studien fort, besonders des Frühwerks von Rudolf Steiner und dessen Sinneslehre. Schon bald wurde er gebeten, an den öffentlichen und internen Lehrertagungen im Bund der Freien Waldorfschulen mitzuwirken.

Damals begann durch ihn und einige andere jüngere Kollegen ein neuer Stil in der Erarbeitung der Anthroposophie und der anthroposophischen Pädagogik mit dem Bemühen, eine Brücke zu schlagen zwischen der Anthroposophie und den positiven Errungenschaften der Wissenschaft. Das erforderte ein Erarbeiten der Anthroposophie, bei dem nur das zählt, was man sich im Erkenntnisringen zur vollen Bewusstheit bringt. Inneres Erwachen war ein Lebensthema von Christoph Lindenberg. Die Konsequenzen eines solchen Strebens zeigten sich dann dramatisch am Beginn der 70er-Jahre.

Inzwischen war Christoph Lindenberg 1960 an die Tübinger Waldorfschule übergewechselt und hatte sich dort mit einer Klassenlehrerin verheiratet. Das Jahr 1967 brachte dann eine deutliche Zäsur: Das forscherische Interesse führte Christoph Lindenberg für drei Jahre als Assistent an das Seminar für Zeitgeschichte der Tübinger Universität. Seine damaligen Studien über die historischen Bedingungen für das Auftreten des Nationalsozialismus fanden ihren Niederschlag in der Schrift „Die Technik des Bösen. Zur Vorgeschichte und Geschichte des Nationalsozialismus“.

Seit 1969 unterrichtet Lindenberg wieder an der Tübinger Waldorfschule. Nun beginnt die Phase seiner mehr öffentlichen Wirksamkeit – zunächst im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft. 1970 erscheint in Stuttgart seine Schrift „Individualismus und offenbare Religion“, eine Studie über das Verhältnis Rudolf Steiners zum Christentum bis zu dessen Buch „Das Christentum als mystische Tatsache“ (1902, GA 8), die er bereits 1965 verfasst hatte. Sie schildert, wie Rudolf Steiner vor der Wende zum 20. Jahrhundert einen Individualismus vertritt, der alle Offenbarung zurückweist und nur auf das baut, was das Ich als Erkenntnis erringt und als ethische Bestimmung des Handelns erarbeitet, und dann jenen inneren Zugang zum Christentum durch die eigene mystische Erfahrung. Man lernt Rudolf Steiner als einen im tiefsten Sinne modernen Menschen kennen, der sich zu einem völlig neuen Erfassen des Christentums hindurchringt. Dieses Bild widersprach den Überzeugungen damals namhafter Anthroposophen und löste heftigen Widerspruch und Ablehnung aus. Hier stießen zwei Generationen aufeinander – eine, die zu dem verehrten Lehrer aufsah, und eine andere, die sich aufgrund der Zeugnisse selbstständig ein Bild erarbeitet. Damit wurde ein Gegensatz sichtbar, der bis heute besteht: der zwischen einer mehr orthodoxen und einer modernen Auffassung der Anthroposophie. Christoph Lindenberg war einer der profiliertesten Vertreter der modernen Richtung. Und als solcher wandte er sich verschiedentlich gegen die Nebel angeblich bedeutungsvoller Veröffentlichungen, indem er durch genaue Analysen und detaillierte Nachforschungen das Obskure aufdeckte. Das schaffte Klarheit, die eine spirituelle Bewegung gegenüber den in ihr immer wieder auftauchenden Tendenzen von Sensation und Fantastik braucht – und nicht nur Freunde.

In den 70er-Jahren – Christoph Lindenberg war neben seinem Beruf als Lehrer im Vorstand des Bundes der deutschen Waldorfschulen und in begrenztem Umfang in der anthroposophischen Lehrerbildung an der Freien Hochschule Stuttgart tätig – wurde er durch sein Buch „Waldorfschule: angstfrei lernen, selbstbewusst handeln“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Es war die Zeit, in der nach neuen Formen von Erziehung und Schule gesucht wurde. Da traf das brillant geschriebene Buch, das aus einem weiten Problemhorizont die Waldorfpädagogik als moderne Antwort auf aktuelle Fragen verdeutlicht, auf ungewöhnlich großes Interesse. Diesem Buch verdanken die Waldorfschulen in Deutschland den Durchbruch von einer weitgehend unbekannten Randerscheinung zu einer anerkannten und seitdem von vielen gesuchten Schulform. In der Folge wurde Christoph Lindenberg aufgefordert, für das zweibändige Werk „Klassiker der Pädagogik“ (1979) einen Beitrag über Rudolf Steiner zu schreiben. Damit war dokumentiert, dass Rudolf Steiner im Gang der abendländischen Geistesgeschichte zu den in der Pädagogik herausragenden Persönlichkeiten gehört.

1980 beendet Christoph Lindenberg im Alter von 50 Jahren seine Tätigkeit als Lehrer, um sich verstärkt dem eigenen Forschen zu widmen, setzt seine Mitarbeit an der Freien Hochschule Stuttgart aber fort. Er siedelt nach Zarten bei Freiburg um und schließt eine zweite Ehe, aus der zwei Kinder hervorgehen. 1981 erscheint in Stuttgart das Buch „Geschichte lehren“, die Frucht seiner langjährigen Tätigkeit als Geschichtslehrer und eine wichtige Grundlage für jeden, der an einer Waldorfschule Geschichte unterrichtet. Es enthält u. a. eine grundlegende Darstellung der von Rudolf Steiner geforderten symptomatologischen Methode. Ein bedeutendes Beispiel symptomatologischer Geschichtsbetrachtung, ein zentrales Thema für Lindenberg als Historiker, sind die Studien zur Bewusstseinsgeschichte Mitteleuropas, die unter dem Titel „Vom geistigen Ursprung der Gegenwart“ erschienen; sie umspannen den Zeitraum vom vierten nachchristlichen Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Aus dem weiten Arbeitsfeld sei noch in aller Kürze auf die zahlreichen Beiträge in der Zeitschrift „Die Drei“ (seit 1970) und die maßgebliche Beteiligung an der Erforschung der anthroposophischen Bewegung hingewiesen, z. B. durch sein Mitwirken an dem Werk „Die anthroposophischen Zeitschriften 1903 bis 1985“ und an dem Aufbau der Forschungsstelle Kulturimpuls am Hardenberg-Institut in Heidelberg.

Im Zentrum seiner Arbeit aber stand seit 1980 die Biografie Rudolf Steiners. Hier fließen drei Linien zusammen: die wissenschaftliche Sorgfalt des Historikers, die umfassende Erarbeitung der Anthroposophie und das Ringen um ein Verstehen Rudolf Steiners. Mit einer bisher einmaligen Intensität und Sorgfalt verfolgte er alle auffindbaren Spuren und Zeugnisse und veröffentlichte 1988 in Stuttgart das umfangreiche Werk „Rudolf Steiner. Eine Chronik“. Dann arbeitete er noch ein knappes Jahrzehnt an der zweibändigen Biografie „Rudolf Steiner“, in den letzten Jahren gegen die Widerstände einer schweren Erkrankung.

Wer in diesen Jahren Christoph Lindenberg begegnete und seine Vorträge hörte, konnte erleben, wie ein Mensch, dem geistige Selbstständigkeit ein hohes Ideal war, seine ganzen Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst Rudolf Steiners stellte. So entstand ein Werk, in dem die äußere und innere Dramatik im Leben Rudolf Steiners, dessen immense Leistung im spirituellen Erforschen vieler Gebiete und das umfassende Wirken für eine spirituelle Erneuerung des geistigen und sozialen Lebens in einer bis dahin nicht erreichten Klarheit und Konkretheit sichtbar wird.

In der letzten Phase seines Lebens schrieb Christoph Lindenberg für den Rowohlt-Verlag noch eine kleinere, viel gelesene Steiner-Biografie (1992) und eine Studie über die Weihnachtstagung (1994).

Viele brachten der Arbeit von Christoph Lindenberg eine hohe Wertschätzung entgegen. Das war der Anlass für eine umfangreiche Vortragstätigkeit, die unter anderem nach England, Schweden, Norwegen und in die USA führte. Man begegnete einem Menschen mit umfassender Bildung, der mit sicherem Urteil die Zeitereignisse verfolgte, einem geistreichen Gesprächspartner, der neben einer immensen Arbeitskapazität auch den angenehmen Seiten des Lebens gegenüber aufgeschlossen war. Christoph Lindenberg starb am 20. April 1999 an der erwähnten Erkrankung.

Ernst-Michael Kranich


Werke: Individualismus und offenbare Religion, Stuttgart [1970], ²1995;
Waldorfschulen: Angstfrei lernen, selbstbewußt handeln, Reinbek 1975, 1989
(204.–208. Tsd.); Die Technik des Bösen, Stuttgart 1978, ³1985; Die
Lebensbedingungen des Erziehers, Reinbek 1981; Geschichte lehren,
Stuttgart 1981, ²1991; Vom geistigen Ursprung der Gegenwart, Stuttgart
1984; Mitarbeit in: Deimann, G. [Hrsg.]: Die anthroposophischen
Zeitschriften von 1903 bis 1985, Stuttgart 1987; Rudolf Steiner. Eine
Chronik 1861–1925, Stuttgart 1988; Rudolf Steiner mit Selbstzeugnissen
und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek 1992; Motive der
Weihnachtstagung im Lebensgang Rudolf Steiners, Stuttgart 1994; Rudolf
Steiner. Eine Biographie, Bd. I/II, Stuttgart 1997; Mitarbeit in: Werner, U.:
Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1999;
zahlreiche Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische und
Niederländische erschienen; zahlreiche Beiträge in EK, weitere in BaS, Bwe,
DD, G, I3, K, Leh, MaD, NAA, RSK, WNA.
Literatur: Podiumsgespräch mit Christoph Lindenberg, in: N 1998, Nr. 3;
Christoph Lindenberg, in: G 1999, Nr. 17; Kranich, E.-M., Ein Strebender, ein
Kämpfer, ein Denker, Christoph Lindenberg, in: G 1999, Nr. 21/22; Schickert,
K.: Christoph Lindenberg gestorben, in: EK 1999, Nr. 5; Leber, S.: Christoph
Lindenberg, in: EK 1999, Nr. 6; Götte, W. M.: Christoph Lindenberg, in:
Leh 1999, Nr. 66; Christoph Lindenberg, eine autobiographische Notiz, in:
DD 1999, Nr. 5.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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