Rita Leroi-von May-Rettich
Leroi-von May-Rettich, Rita
geb.: von May-Rettich

Ärztin.

*11.09.1913 Stuttgart (Deutschland)
†08.09.1988 Samedan, Graubünden (Schweiz)









Rita Leroi war als Repräsentantin der an-throposophischen Krebstherapie ihrer Zeit sicher die bekannteste Ärztin und Klinik-Gründerin, nicht zuletzt im Ausland und in nicht anthroposophischen Fachkreisen.

Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen besuchte Rita Rettich ab 1924 die Waldorfschule in Stuttgart und machte dort das beste Abitur ihrer Klasse. Pioniere der Waldorfpädagogik waren ihre Lehrer: ?Herbert Hahn, ?Caroline v. Heydebrand, ?Eugen Kolisko, ?Maria Röschl und ?Walter Johannes Stein. Nach der Ausbildung zur Sekretärin begann sie 1935 mit dem Medizinstudium in Tübingen. 1936 heiratete sie den Schweizer Hans von May. 1941 legte sie das Staatsexamen in Bern ab mit anschließend fünfjähriger Assistenzarztzeit in verschiedenen Schweizer Kliniken, u. a. auch in der Ita Wegman-Klinik, wo sie ihrem späteren zweiten Mann, ?Alexandre Leroi, begegnete.

In den Nachkriegswirren war sie als junge „Schweizer“ Ärztin überwiegend in Südtirol (Meran), aber auch in Süddeutschland in verschiedenen Lagern tätig. 1946 eröffnete sie in Basel ihre erste Praxis. Die Nähe zu Arlesheim gab ihr die Möglichkeit, sich mit dem dort tätigen Alexandre Leroi ihrem besonderen Interessengebiet zu widmen: der Krebskrankheit und der Misteltherapie. 1954 heirateten sie. Obwohl es für sie nie etwas Schöneres und Befriedigenderes gab, als in einer eigenen Praxis tätig zu sein, arbeitete sie mit großer Tatkraft der Eröffnung einer Privatklinik zur Behandlung Geschwulstkranker nach anthroposophischer Heilweise in Arlesheim entgegen und übernahm nach der Eröffnung zu Michaeli 1963 die Leitung der „Lukas-Klinik“. Man wird nicht fehlgehen zu sagen, dass diese Klinik bis in die kleinsten Details von ihr geprägt und geführt wurde, während ihr Mann weiterhin als Arzt in der Ita Wegman-Klinik tätig war. Den zahlreichen äußeren und inneren Schwierigkeiten – so war die Errichtung einer nur Tumorpatienten aufnehmenden Klinik auch intern nicht unumstritten – begegnete sie mit einer nie nachlassenden Tat- und Überzeugungskraft. Hierdurch konnten auch die behördlichen Klippen gemeistert werden, außerdem gewann sie Vertrauen bei den umliegenden Spitälern, auf deren gute Zusammenarbeit man gerade in der ersten Zeit angewiesen war.

1968 kam es zu einem markanten Einschnitt in ihrer Biografie. Ihr Mann starb an der Krankheit, deren Bekämpfung sie sich beide zur Lebensaufgabe gemacht hatten. Der Erweiterungsbau der Lukas-Klinik – mit der dann endgültigen Größe von 46 Betten – wurde im gleichen Jahr eingeweiht. Bis dahin konnte sie die Klinik, was ihrem Temperament entsprach, wie eine große Praxis führen, mit Kenntnis aller Patienten und persönlicher Festlegung oder zumindest Tolerierung jedes einzelnen Therapieschrittes. Dieses war ihr nun nicht mehr möglich, zumal sie nun auch die Leitung des Forschungsinstitutes Hiscia übernehmen musste, in dem u. a. auch die Herstellung der Ursäfte des schon damals recht bekannten Mistelpräparates Iscador erfolgte.

Es lag ihr viel daran, die Iscadortherapie, gerade auch bei nicht anthroposophischen Ärzten, im In- und Ausland bekannt zu machen, um damit ihre segensreiche Wirkung den vielen Tumorpatienten zugute kommen zu lassen, die keine Möglichkeit hatten, einen anthroposophisch orientierten Arzt zu finden. Darüber hinaus war es ihr Bestreben, durch und mit der Misteltherapie, wo immer möglich, Vertrauen zu erwecken für die anthroposophische Medizin insgesamt sowie für die dahinter stehende Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Sie war davon überzeugt, dass die Voraussetzung dazu in dem intensiven Studium und der Kenntnis alles dessen liegt, was man aus schulmedizinischen Gesichtspunkten und Forderungen über Krebs weiß. Um Vertrauen zu gewinnen, aber auch um sich selbst Rechenschaft abzugeben, verfolgte sie konsequent die Veröffentlichung von Studien und Kasuistiken. Noch heute gibt es – wohl durch ihre konsequente wissenschaftliche Haltung – mehr Studien über Iscador als über alle anderen anthroposophischen Medikamente zusammen.

1978 kam mit der Übernahme des Vorsitzes der internationalen Vereinigung anthroposophischer Ärzte eine weitere Aufgabe hinzu, die sie wie alles, was sie tat, mit ganzem Einsatz ausfüllte. Nachdem sie vorher schon eine weit reichende Vortragstätigkeit vorwiegend im mitteleuropäischen Raum leistete, besuchte sie in den folgenden Jahren Nord- und Südamerika, Japan, Neuseeland, Australien, Indien und Südafrika. Neben den Vorträgen vor anthroposophischen Ärzten oder Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft lagen ihr insbesondere die Beiträge vor Ärztegruppen, die bisher keine Berührung mit Anthroposophie oder anthroposophischer Medizin hatten, am Herzen. Daneben führte sie immer wieder Gespräche und Verhandlungen mit offiziellen Stellen in den verschiedensten Ländern, um dort eine Zulassung für Iscador zu erreichen. So wurden in vielen Ländern und Orten wichtige, bis heute nachwirkende Keime gelegt.

Die meisten Menschen, die ihr begegneten – sei es als Patienten, Kollegen oder Vertreter der anthroposophischen Arbeit –, schätzten ihre zupackende, natürliche Autorität, die aus fachlicher Kompetenz und einer positiven Lebenshaltung entsprang. Zu ihrem 70. Geburtstag teilte sie in einer Ansprache mit, dass sie dankbar sei, auf ihr Leben zurückblickend sagen zu können, nicht einen Tag depressiv gewesen zu sein. Dieses, obwohl gerade sie immer wieder mit Rückschlägen und insbesondere auch menschlichen Enttäuschungen leben musste. Bis ins höhere Alter war ihr eine große menschliche Fähigkeit eigen – das Staunen: mit einer geradezu kindlichen Freude konnte sie sich an kleinsten Dingen begeistern, an einem glitzernden Stein auf der Straße oder einem aus dem Schnee hervorkommenden, unscheinbaren Blümchen. Sie starb drei Tage vor ihrem 75. Lebensjahr völlig überraschend in ihrer so geliebten Oberengadiner Bergwelt.

Johannes Hoffmann


Werke: Der Polypeptidspiegel des menschlichen Serums und seine
Schwankungen (Dissertation), Bern 1942; Die Ernährungslehre Dr. Rudolf
Steiners als Grundlage einer Diät für Tumorgefährdete und Tumorkranke, o.
A.; als Redakteurin: Die Bedeutung der künstlerischen Therapie für den
Krebskranken, Arlesheim 1971; An Anthroposophical Approach to Cancer.
Lectures, Spring Valley 1973; als Herausgeberin: Misteltherapie, Stuttgart
1987; Merkur – Raphael, Berlin 1988; Beiträge in Sammelwerken;
Übersetzungen ins Englische, Französische, Russische und Bulgarische
erschienen; zahlreiche Beiträge in BeH, weitere in EdN, Erfahrungsheilkunde,
G, Gynaecologia, Helv. chir. Acta, Krebsgeschehen, MaD, Me, Medizin heute,
MfK, N, Nam, Natürlich, Schweiz. Z. f. Homöopathie, WKÄ, Z. für
Krankenpflege, Z. für Urologie.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Barkhoff, M.: Rita Leroi verstorben, in: G 1988, Nr. 38; Glöckler,
M.: Dr. med. Rita Leroi, in: N 1988, Nr. 47, auch in: Selg, P. [Hrsg.]:
Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Delius-Müller, U., Hernmarck, V.:
Rita Leroi, in: Mst 1989, Nr. 5; Leroi May, V., Veltman, W. F.: Alexandre
Leroi, Hemrik 1998; Hiscia. Haus der Mistel, Arlesheim 1999.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org