Wilhelm Barkhoff
Barkhoff, Wilhelm Ernst

Rechtsanwalt.

*26.06.1916 Kamp Lintfort (Deutschland)
†30.09.1994 Bochum (Deutschland)





Wilhelm-Ernst Barkhoff ist der Begründer des anthroposophisch orientierten Bankwesens und maßgeblicher Reformer der Wohlfahrtsarbeit in Deutschland.

Seine Mutter, Maria Bolzau, war Westfälin aus Detmold. Väterlicherseits stammte er aus einem Bauerngeschlecht, das bereits seit 1000 Jahren im Umkreis der Barkhofer Heide zwischen Essen und Bochum ansässig war. Der Vater war – unterbrochen von Arbeitslosigkeit – „unter Tage“ im Bergbau tätig, zuletzt als Leiter des Obertagebetriebs einer Zeche. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch die französische Armee und ständig aufflackernde Straßenkämpfe zwischen Spartakisten und Nationalsozialisten, mal mit, mal ohne Maschinengewehr, führten den Knaben früh zu politischer Wachheit. Außerhalb des geistig einfachen Elternhauses orientierte er sich über eine Vielzahl von politischen, philosophischen und religiös-spirituellen Impulsen und Idealen; u. a. nahm er interessiert-kritisch an Jugendfreizeiten und Exerzitien der Jesuiten teil. Das Ideal und Mysterium der Transsubstantiation war ihm sein Leben hindurch Kraft- und Inspirationsquell: Transsubstantiation des Geldes im Bankwesen, der Natur in der Landwirtschaft, des menschlichen Leibes in der Pflege und im häuslichen Leben. Von Kirche und Ritus allerdings hielt er sich fern.

Er studierte Jura in Köln, Freiburg und Berlin. Das erste Staatsexamen machte er 1939 und wurde sofort als Offiziersanwärter eingezogen. Als Leutnant meldete er sich freiwillig aus der idyllischen französischen Etappe an die russische Front. Von einer Granate schwer verwundet, machte er eine erste außerkörperliche Erfahrung. Auf der Flucht zu Fuß aus Russland auch solche mit zeitlicher Vorausschau.

Während des Krieges heiratete er die Kindergärtnerin Ottilie Grave aus Bocholt. Der erste Sohn, Till, wurde 1945 in den Nachkriegswirren geboren. Das Kind war mongoloid und lebte nur elf Monate. Später fanden sich weitere drei Söhne und eine Tochter ein. Die Anthroposophie-Kurse, die er nach dem Kriege kennen lernte, lösten keine biografischen Impulse aus.

Nach seinem zweiten Staatsexamen, 1948, wurde er Anwalt, ein bald gut verdienender Fachanwalt für Steuerrecht und Notar. Er betrieb eine der führenden Kanzleien in Bochum. Intensive Freundschaften verbanden ihn und seine Frau mit Künstlern des Bochumer Kunstvereins.

Seine anthroposophische Tätigkeit begann damit, dass er 1956 aus Gefälligkeit dem Vorstand der zu gründenden Rudolf Steiner-Schule Ruhrgebiet beitrat, weil ein Jurist gesucht wurde. Die Schule wurde damals entgegen dem vor allem von Ernst Weißert im Bund der Waldorfschulen beschlossenen Schulgründungsstopp realisiert. Die Schulgründung war der Ausgangspunkt des öffentlichen anthroposophischen Lebens im Ruhrgebiet und die Schule wurde bald die schülerreichste Waldorfschule weltweit; aus ihr ging u. a. das Institut für Waldorfpädagogik in Witten-Annen hervor. Zur Finanzierung der zu Anfang sehr bescheidenen Schule erfand Barkhoff „Leihgemeinschaften“, die durch die solidarische Bündelung der Finanzkraft auch Menschen mit geringen finanziellen Mitteln einen Zugang zu Bankkrediten verschaffte. Das war der Keim des anthroposophischen Bankwesens. Durch die Vorstandsarbeit traf er seine anthroposophische Schicksalsgruppe: Gisela Reuther, Klaus Fintelmann, Klaus Dumke, Franz Schily, Ernst Neuhöfer und Lore Schäfer; ebenso Robert Zimmer und Wilhelm Wollborn. Gisela Reuther verband ihr Steuerbüro mit seiner Anwaltskanzlei. In dieser Zusammenarbeit entwickelte sich aus den Kreditsicherungsgemeinschaften das anthroposophische Bankwesen.

Seine anthroposophische Bildung erwarb er in einem Arbeitskreis zu Hause. Daran nahm Diether Lauenstein teil. Als Bochum Universitätsstadt wurde, unterstützten Lauenstein und Barkhoff u. a. die Gründung des Friedrich von Hardenberg-Hauses. Es wurde in den 70er-Jahren ein Zentrum des anthroposophischen Studentenlebens.

Die Entwicklung der Finanzierungsinstrumente und sein Talent, Menschen zu Gründungen und zur Zusammenarbeit zu ermutigen, führten Barkhoff in das Arbeitsfeld der Heilpädagogik, insbesondere in die intime Zusammenarbeit mit Karl König und seinem Umkreis der Camphill-Bewegung, aber auch zu den Wuppertaler Initiativen um Siegfried Schmock.

Als weitere Aufgabe kam auf den Bauernabkömmling die finanzielle Sicherung und Ausbreitung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft zu. Um sie aus der zerstörerischen Erbaufteilung herauszuholen, erfand er die Gemeinnützigen Landbauforschungsgesellschaften als Träger der Höfe. Er machte die Förderwürdigkeit der Projekte davon abhängig, ob sie mehr als „nur“ (Land-)Wirtschaft betreiben wollten und Aufgaben in der Heilpädagogik, in der Kinder- oder Erwachsenenbildung, der Landschafts- und Kommunalentwicklung oder der Forschung usw. wenigstens anstrebten. Diese „Multifunktionalität der ökologischen Landwirtschaft“ wird heute allgemein als ein wesentliches Überlegenheitsmerkmal des Biolandbaus gewertet. Barkhoff wollte Instrumente für neue tragfähige Gemeinschaftsformen schaffen, um die Blutsverwandtschaft, die bis dahin die Landwirtschaft prägte und trug, als soziales Bindemittel zu ersetzen. So beriet er Manfred Klett und seine Mitarbeiter bei dem Aufbau des Dottenfelder Hofes, einer „Landkommune“ auf hohem professionellen und menschlichen Niveau, die prägend auf Frankfurt und die ganze 68er-Szene wirkte. Die Vergesellschaftung der Bauck-Höfe ( Nicolaus Remer, Joachim Bauck) aus dem angestammten Besitz der Familie Bauck, die weiterhin die Höfe bewirtschaftete, bildete das altbäuerliche Pendant. Nach und nach entstanden bis zu hundert derartiger Einrichtungen.

Die Bankeinrichtungen, entstanden zur Finanzierung von Waldorfschulen, stießen zunächst auf den Widerstand des Bundes der Waldorfschulen in Stuttgart. Eine erste bankartige Gründung zusammen mit Friedrich Hiebel musste auf Intervention von Ernst Weißert wieder aufgelöst werden. 1961 entstand die Gemeinnützige Treuhandstelle, 1967 die Gemeinnützige Kreditgarantie Genossenschaft und endlich 1974 die GLS Gemeinschaftsbank in Bochum. Bereits 1968 stieß Rolf Kerler als Dritter zu dem Team Barkhoff/Reuther. Begegnungen mit dem Heidenheimer Kreis, einer den anthroposophischen Sozialimpuls pflegenden Arbeitsgemeinschaft von Industriellen um Hanns Voith und Peter von Siemens, führten zur Zusammenarbeit mit Alfred Rexroth, der als Stifter wesentlich zur Ausstattung und Realisierung der Bankeinrichtungen beigetragen hat.

Die Akzeptanz der Bank in der Welt der 68er-Ideale gründete auch darauf, dass Wilhelm-Ernst Barkhoff zentrale Utopien lebte. So motivierte er alle führenden Bankmitarbeiter und -freunde in Bochum in einer „Wirtschaftsgemeinschaft“ die Einkommen in einen gemeinsamen Topf zu tun, um auch bei gehobenen Einkommensverhältnissen die Trennung von Einkommen und Arbeit radikal zu praktizieren. Das schuf Vertrauen und motivierte zu sozialer Initiative.

Als die Bankinitiativen zu einem Expansionspionier für die pädagogische, heilpädagogische und landwirtschaftliche Bewegung wurden, traten die anfänglichen Widerstände zurück und der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland kooptierte Wilhelm-Ernst Barkhoff im Jahre 1974. Heten Wilkens und Manfred Schmidt-Brabant beteiligten sich engagiert an dem Vorhaben, die Anthroposophische Gesellschaft von einer Erkenntnis- und Erlebnisgemeinschaft zu einem Raum für zivilisationsorientierte Zusammenarbeit zu machen. Die Motive der Bankarbeit prägten zeitweise stark die Arbeit der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland.

Neben seiner Tätigkeit in der anthroposophischen Szene entstand in den 60er-Jahren Barkhoffs Arbeit für das deutsche Wohlfahrtswesen, ein fast unbemerkter, fundamentaler Schritt zur Befreiung des Geisteslebens. 1961 wurde Barkhoff Landesvorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Nordrhein-Westfalen. Der Verband führte damals noch eine versteckte Existenz hinter den staatlichen (Rotes Kreuz) und weltanschaulich gebundenen Verbänden (Caritas, Innere Mission, Arbeiterwohlfahrt). Wohlfahrt war Staats- und Kirchenaufgabe. Freie Wohlfahrtspflege durfte es zwar geben, aber Gründungen aus den sozialen Impulsen von Individuen galten nicht als die eigentliche, urbildliche Erscheinungsform des Wohlfahrtsbetriebes – heute sind sie es. Der Paritätische ist nunmehr einer der größten Wohlfahrtsverbände in Deutschland und wächst weiter. Die in ihm zusammengeschlossenen Mitgliederorganisationen beschäftigen heute mehr Mitarbeiter als Daimler Chrysler. Auslöser und Moderator dieser Entwicklung war Wilhelm-Ernst Barkhoff. Unter seiner Leitung 1961–81 verfünffachte der Landesverband Nordrhein-Westfalen seine Mitgliederzahlen.

Die Emanzipationsbewegung der Eltern behinderter Kinder, Studenten- und Frauenbewegung ebenso wie Selbsthilfegruppen aus dem Gesundheitsbereich sowie Initiativen von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern brachten dem Paritätischen Wohlfahrtsverband den enormen Mitgliederzuwachs. In den Strategietagungen der Elfershausener Gespräche machte er als Mitglied des Bundesvorstandes geltend, dass die größten sozialen Bindekräfte gerade aus dem Glauben an den einzelnen Menschen, an das Individuum erwachsen; dass ein Verband, der den Mut zur vollen konzeptionellen und geistigen Konkurrenz seiner Mitglieder hat, nicht schwächer, sondern stärker wird, als ihn weltanschauliche Bindungen machen können. Barkhoff erreichte, dass sich der Paritätische Wohlfahrtsverband für die gesellschaftlichen Energien der 68er-Bewegung öffnete und ihnen ein Betätigungsfeld und neue Herausforderungen bot. Auch für den Paritätischen Wohlfahrtsverband schuf er ein neues Finanzierungsinstrument für soziales Arbeiten, die Paritätische Geldberatung.

Um ein Zeichen für Verjüngung zu setzen, legte Barkhoff 1981 zu seinem 65. Geburtstag alle öffentlichen Ämter nieder und wirkte nur noch als Redner, Impulsator und Berater. Seine internationale Reisetätigkeit setzte er fort, u. a. nach Nord- und Südamerika. Regelmäßig wurde er nach Skandinavien eingeladen. Tiefe Freundschaft verband ihn mit dem schwedischen Gründungs- und Finanzierungsgenie Åke Kumlander. Mit Margit Engel förderte er Gründungen in den Umbrüchen Osteuropas.

Martin Barkhoff


Werke: Gedanken im Rückblick auf die Schulgründung, in: Die Rudolf Steiner-Schule Ruhrgebiet, Reinbek 1976; Wandlungen des Rechtsbewußtseins, in: Das gefährdete Ich, Stuttgart 1980; Geld- und Bankwesen, in: Zivilisation der Zukunft, Stuttgart 1981; Arbeitslosigkeit – Freiheit zur Arbeit, in: Arbeitslosigkeit – Ursachen und Auswege, Stuttgart 1984; Camphill – Aufgang im Untergang, in: Camphill – 50 Jahre, Stuttgart 1991; Wir können lieben, wen wir wollen, Stuttgart 1995; Beiträge in Bsp, DD, G, NfG.
Literatur: Krampen, I., Kerler, R.: Wilhelm-Ernst Barkhoff, in: MaD 1994, Nr. 190; Biesantz, H.: Wilhelm-Ernst Barkhoff, in: N 1994/95, Nr. 41; Wilkens, H. u.a.: Wilhelm-Ernst Barkhoff, in: N 1994/95, Nr. 44; Dörmann, F.: Wilhelm-Ernst Barkhoff, in: N 1994/95, Nr. 62; Fucke, E.: Siebzehn Begegnungen, Stuttgart 1996; Barkhoff, M.: Wilhelm-Ernst Barkhoff, in: G 2002, Nr. 30/31.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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