Owen Barfield
Barfield, Owen Arthur
Pseudonym/Varianten: Bargeon, G. A. L.

Schriftsteller, Sprachphilosoph, Rechtsanwalt, Hochschullehrer.

*09.11.1898 London (UK)
†14.12.1997 Forest Row (UK)













Owen Barfield (Pseudonym: G. A. L. Bargeon) gehört zu den bedeutenden englischsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts und war einer der führenden Anthroposophen Englands. Zwei grundlegende Charakteristika prägten sein Leben und Werk: die Aufmerksamkeit für den Wandel des menschlichen Bewusstseins, der sich an der Entwicklung von Sprache und Dichtung ablesen lässt, und die überragende Bedeutung, die er einer schöpferisch-exakten Fantasie („imagination“) zumaß.

Er wurde 1898 in eine hoch musikalische Familie geboren, die in Muswell Hill lebte, einem nördlichen Vorort von London. Der Vater hatte eine renommierte Anwaltskanzlei in London, er war agnostisch, wenn nicht atheistisch, seine Mutter war Feministin.

Schon in der Highgate Preparatory School in Nordlondon war Cecil Harwood Barfields Schulkamerad, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Die Welt von Herbert George Wells und George Bernard Shaw prägte seine Jugend. Er „war etwa 17 bis 20 Jahre alt, als er endgültig zur Ansicht kam, dass Lyrik wahrscheinlich zum Besten im Leben gehöre, bestimmt aber, inmitten der tonangebenden materialistischen Atmosphäre, in der er aufgewachsen war, zum Aussichtsreichsten“ (Barfield 1986, S. 11f.).

Die beiden Freunde gingen nach Oxford. Barfield studierte Jura, Anglistik und Literatur. Sie fanden dort eine kleine Schar bedeutender Denker und Literaten, die sich mit den Problemen von Sprache, Dichtung und der schöpferischen Fantasie sowie mit theologischen Fragestellungen beschäftigten. Sie bildeten eine lose literarische Gruppe, die unter dem Namen „The Inklings“ bekannt wurde. „Imagination“, die schöpferische Einbildungskraft, die nicht auf Illusionsbildung, sondern auf geformte Bewusstseins- und Erfahrungserweiterung zielt, galt ihnen als das Bindeglied zwischen Gott und seinen menschlichen Geschöpfen. Zu diesem Kreis gehörten u. a. der spätere Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Theologe Clive Staples Lewis, Charles William und John Ronald Reuel Tolkien, der durch sein Werk „The Lord of the Rings“ Weltruhm erlangte.

Als Thema seiner Dissertation wählte Barfield die Sprache der Dichtung. Die Arbeit erschien 1928 unter dem Titel „Poetic Diction“. Darin entwickelt er die These, dass die von Dichtern erzeugten sprachlichen Formen einen kontinuierlichen Bewusstseinswandel des einzelnen Menschen und der Menschheit hervorrufen.

Im Jahre 1922 hörte Barfield zum ersten Mal von Rudolf Steiner und begann in einer vorsichtigen, ja skeptischen Haltung einige seiner Bücher und Vorträge zu studieren. Er war nicht bereit, das bei ihm wie bei seinen gebildeten Zeitgenossen tief eingewurzelte darwinistische Weltbild einer rein natürlich-biologischen Evolution des Menschen „so ohne weiteres gegen ein völlig anderes, eigenes Weltbild“ einzutauschen (Romanticism comes of Age, 1944, S. 20). Im Kreise der „Inklings“ war er besonders mit Lewis befreundet, der als junger Mensch befremdliche Erlebnisse mit der Theosophie gehabt hatte. In derselben Zeit, als Barfield und Harwood die Anthroposophie kennen lernten, wandte Lewis sich dem traditionellen Christentum der anglikanischen Kirche zu. Die Freundschaft blieb bestehen, aber es begann eine vehemente Auseinandersetzung zu grundsätzlichen Fragen von Religion und Weltanschauung im 20. Jahrhundert. Sie schlug sich in einem umfassenden Briefwechsel nieder, den die zwei Freunde – und mit ihnen die spätere Literaturwissenschaft (Lionel Adey, R. J. Reilly) – „The Great War“ nannten.

1923 heiratete er Maud Douie. Sie war älter als er und ihr Interesse galt dem englischen Volkstanz. Sie adoptierten zwei Kinder, Lucy und Alexander.

Nach dem Studium übernahm Barfield, dem eine ungewöhnlich aufrechte Gestalt und ein elastischer Schritt bis ins hohe Alter erhalten blieben, die Anwaltskanzlei seines Vaters. Bis 1959 bildete sie die bürgerlich-berufliche Grundlage seiner vielschichtigen literarischen und anthroposophischen Tätigkeiten. Von 1937–74 war er Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien. Er lernte Deutsch, um Rudolf Steiners Werke im Original lesen zu können, und half oft bei den Übersetzungen von Steiners Werken. 1959 war er Mitbegründer des Trägervereins der Londoner Eurythmieschule, die von Marguerite Lundgren, der Frau Cecil Harwoods, aufgebaut und geleitet wurde. Nach Harwoods Tod 1975 intensivierte er sein Engagement in der Programmgestaltung und für das Gedeihen der Schule. Bis 1984 war er Präsident ihres Management Councils.

Neben seinen juristischen und administrativen Verpflichtungen fand Barfield Zeit zu lesen, zu denken, zu schreiben. Es entstanden viele kleinere Artikel in anthroposophischen Zeitschriften, meistens Stellungnahmen zu aktuellen Fragen und Problemen, aber auch die größeren Werke, in denen er seinen eigenen Fragen nachging, sie vertiefte und artikulierte. Seine acht Bücher – „Saving the Appearances“ und „Worlds Apart“ sind wohl seine wichtigsten Arbeiten – verlangen vom Leser intellektuelle Disziplin und Bereitschaft zu innerlicher Arbeit.

Barfield fasste seine Einsicht in die historische Entwicklung der Menschheit, die sein ganzes literarisches Schaffen durchzog, mit dem Wort „participation“ (Teilhabe). Im Urzustand der menschlichen Sprache hatten die Worte immer gleichermaßen eine innere und eine äußere Nuance – das griechische „Pneuma“ beispielsweise meint Wind und Geist zugleich. Innere und äußere Welt waren im Wort vereint. Der Mensch nahm an der äußeren Welt teil und erlebte sie ganz selbstverständlich als Innenwelt. Wir empfinden diese Einheit nicht mehr als gegeben und erleben damit nicht mehr das Wesenhafte in der Welt. So aber ging uns auch der Zugang zu dem Wesenhaften in uns selbst verloren. Wir befinden uns im Zustand der „idolatry“ (Abgötterei). Barfield sah die Herkulesaufgabe des neuzeitlichen Menschen darin, die Idee in Erfahrung zu verwandeln, d. h. die Abgötterei durch die bewusste Wiederherstellung der ursprünglichen Teilhabe zu überwinden.

Ein ganz neues Leben begann für ihn um 1959. Er gab die Kanzlei seines Vaters auf und zog in die ländliche Umgebung von Dartford in Kent, in ein Haus mit Blick über die Themse. Wenige Jahre später wurde er von Studenten, die von seinem Werk fasziniert waren, zu Vorträgen und Kursen in die USA eingeladen. Daraus entwickelten sich während 21 Jahren Vorlesungen und längere Aufenthalte an mehreren nordamerikanischen Universitäten. Barfield, ein ungewöhnlich bescheidener Mann, wurde plötzlich eine akademische Berühmtheit. Er weitete seine Themen aus und stellte seine Zuhörer vor Probleme, die das Wesentliche des modernen Kulturlebens betrafen. 1985 unternahm er seine letzte Reise über den Atlantik.

Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1980 zog er nach Forest Row (Sussex). Dort arbeitete er, empfing seine Freunde und war bis zu seinem Tod 1997 geistig rege. Sein letztes Essay hat er mit 99 Jahren geschrieben.

Owen Barfield war während seines ganzen Lebens authentisch. Was er sprach oder schrieb, konnte nur von ihm stammen. Seine Verbundenheit mit dem Wort war das Zentrum seines Lebens. Ihm galten seine Liebe und sein kritisches Denken in dreifacher Weise: in der Suche nach Präzision des Ausdrucks, um der Wahrheit gerecht zu werden; in der Fähigkeit zu einem ungewöhnlich scharf pointierten Witz, der aber niemals verletzte; in der Beziehung zum Weltenwort, zu Christus. Darüber sprach er nie in der Öffentlichkeit, aber seine Dichtung lebt von dieser Beziehung.

Er war ein typischer akademischer Engländer: disziplinierte und doch freimütige Haltung, weite Interessen, großes sozialpolitisches Engagement. Er hatte eine unnachahmliche Mischung aus Moralität und trockenem Humor. Das machte auch seine ziemlich seltenen Vorträge so attraktiv. Trotz ihrer intellektuellen Ansprüche und trotz des gelegentlichen Stotterns waren sie durch ihre Ausdrucksweise eine ungewöhnliche Freude.

Saul Bellow schrieb über ihn: „Owen Barfield will nicht einfach interessant sein. Sein Bestreben geht vielmehr danach, uns zu befreien. Befreien von was? Von dem Gefängnis, das wir uns selbst geschaffen haben durch unsere Art des Wissens, unsere beschränkten und falschen Denkgewohnheiten, unseren gesunden Menschenverstand. Barfield – ein klarer und scharfsinniger Denker, subtil dazu – ist kein Optimist, aber er glaubt daran, dass wir aus dem Gefängnis oder dem Irrenhaus ausbrechen können.“ (Schenkel 1991)

Rudi Lissau/Bodo v. Plato


Werke: The Silver Trumpet, London 1925; History of English Words, 1926,
³1985; Reminiscences 1930; (2)1986; Romanticism Comes of Age, London
1944, ²1966; This Ever Diverse Pair, 1950; Saving the Appearances, London
1957, New York. ²1965; Rudolf Steiner’s Concept of Mind, in: Harwood, A. C.:
The Faithful Thinker, London 1961; Rudolf Steiner, in: Die Auslese, 1962, Nr.
10; Unancestral Voice, London 1965; Speakers Meaning, London 1967,
Orpheus. A Poetic Drama. Übersetzung: Der Sprecher und sein Wort
[Mit autobiografischer Betrachtung],Dornach [1986]; What Coleridge Thought,
London 1971; Owen Barfield and the Origin of Language, Spring Valley, NY,
1976; The Rediscovery of Meaning and Other Essays, Middletown 1977; als
Herausgeber: The Voice of Cecil Harwood: A Miscellany, London 1979;
History, Guilt and Habit, Middletown 1979; als Übersetzer: The Year
Participated being Rudolf Steiner’s Calendar of the Soul, London 1985; Das
Kind und der Riese. Eine orphische Erzählung, Stuttgart 1991; Evolution –
der Weg des Bewußtseins. Zur Geschichte des europäischen Denkens,
Aachen 1991; Beiträge in: AGB, AM, AQ, BfA, GBl, N, PAN, Tom, Tow
u.a.
Literatur : Reilly, R. J.: Romantic Religion: a Study of Barfield, Lewis,
Williams and Tolkien, Athens 1971; Carpenter, C.: The Inklings, London
1976; Adey, L.: C. S. Lewis‘s „Great War“ with Owen Barfield, Victoria 1978;
Grant, P.: Six Modern Authors and Problems of Belief, London 1979; Avens,
R.: Imagination is Reality. Western Nirvana in Jung, Barfield and Cassirer,
Dallas 1980; Grant, P.: The Quality of Thinking: Owen Barfield as Literary
Man and Anthroposophist, in: Seven 1982; Deimann 1987; Raab, R.: Barfield
zum 90. Geburtstag, in: N 1988, Nr. 45; Monks, C.: „Ohne Menschheit gäbe
es keine Erde“. Interview mit Georg Kühlewind und Owen Barfield; Schenkel,
E.: Owen Barfield, in: I3 1991, Nr. 4; Blaxland-de Lange, S.: Owen Barfield,
in: NGB 1998, Nr. 1 und 2.




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