Wilhelm Hübbe-Schleiden
Hübbe-Schleiden, Wilhelm

Kolonialpolitiker, Forschungsreisender, theosophischer Autor und Redakteur.

*20.10.1846 Hamburg (Deutschland)
†17.05.1916 Göttingen (Deutschland)



Wilhelm Hübbe-Schleiden war seit den 1880er-Jahren bis zum Jahrhundertwechsel die wichtigste Persönlichkeit der theosophischen Bewegung in Deutschland. Für die Entwicklung der anthroposophischen Arbeit ist er durch die Auseinandersetzungen Rudolf Steiners mit ihm von Bedeutung. Zudem werden an seinem Leben wesentliche Entwicklungen des theologischen Milieus deutlich, in dem die anthroposophische Wirksamkeit zunächst begann.

Der gebürtige Hanseat Wilhelm Hübbe-Schleiden studierte an verschiedenen deutschen Universitäten Volkswirtschaft und Jura; er arbeitete als Rechtsanwalt und Geschäftsmann. Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 wurde er dem deutschen Konsulat in London zugeteilt. Später unternahm er Forschungsreisen nach Westafrika (Gabun), wo er auch ein eigenes Handelshaus gründete. Nach seiner Rückkehr 1877 war er Steuersekretär in Hamburg und setzte sich in diversen Publikationen für die deutschen Kolonialbestrebungen ein; er galt als einer ihrer Vorkämpfer.

Um 1883 muss er die Blavatskysche Theosophie kennen gelernt haben. Er entschloss sich, sein Leben in deren Dienst zu stellen. Bei der Begründung der ersten deutschen theosophischen Loge („Theosophische Societät Germania“) am 27. Juli 1884 in Elberfeld trat er in Anwesenheit von Colonel Henry Steele Olcott, dem internationalen Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft, mittags in die Theosophische Gesellschaft ein und übernahm am Abend - provisorisch - das Präsidentenamt in der neugegründeten Vereinigung. Kurz zuvor hatte es in Adyar, dem südindischen Zentrum der Theosophischen Gesellschaft, wo auch Helena P. Blavatsky lebte, den Skandal mit den sogenannten „Mahatma-Briefen“ gegeben.

Nachdem Hübbe-Schleiden Ende 1884 in die Nähe von München gezogen war, trat er in Verbindung mit dem Kemptener Mystiker Alois Mailänder (1844-1905) und wurde - bis die Verbindung 1899 endete - dessen Schüler. Hübbe-Schleiden, der immer gesundheitliche Sorgen hatte, bekam von Mailänder Meditationen und religiöse Gemütsübungen, die er aber nicht zur Zufriedenheit Mailänders befolgte. In späteren Zeiten sprach er sich generell gegen geistige Schulung aus, so auch dezidiert gegen die von Rudolf Steiner angegebenen Übungswege. Gleichwohl äußert er 1908 gegenüber seiner Adoptivtochter Paula Hübbe-Schleiden, die sich - anders als er - später auf den Steinerschen Erkenntnis- und Übungsweg begibt: „Ich bin [...] nicht abgeneigt anzunehmen, dass Du ganz im Recht bist und dass Dein Standpunkt der höhere und bessere ist.“ Er selber leistet „innerlich Widerstand gegen jedes Befassen mit astraler Entwicklung. [...] schlimmer [als sich Zähne ausbohren zu lassen] ist mir jegliche Erregung des Gemütes und des Gefühls, sowie alle astralen Erhebungen.“ In diesem Zusammenhang spricht er von seinem „mentalen Pessimismus“ gegenüber ihrem „individualistischen astralen Optimismus“ (Bock 1961, S. 188f.).

Als Ende 1885 erneut Skandalmeldungen aus Adyar kommen, tritt Hübbe-Schleiden aus der Theosophischen Gesellschaft aus die „Theosophische Societät Germania“ löst sich 1886 auf. Im gleichen Jahr gründet Hübbe-Schleiden seine bis 1895 erscheinende parapsychologisch ausgerichtete Zeitschrift „Sphinx“, durch die er aber wiederum für die Theosophie wirkt.

Hübbe-Schleiden war allem Okkultismus abhold und stand der anglo-indischen Theosophie im Grunde skeptisch gegenüber; sein Bestreben war eine Verankerung der Theosophie im deutschen Kulturleben, die auf intellektuellem Wege vor sich gehen sollte. Er erhoffte sich eine „wissenschaftliche“ Fundierung der Wahrheiten der Theosophie, sein materialistisch-positivistischer Wissenschaftsbegriff war aber ganz der damaligen Zeit verhaftet. Er trachtete lange Zeit, Theosophie zu popularisieren, ohne sich jedoch - wegen des in seinen Augen kompromittierenden Namens - offen zu ihr zu bekennen.

Im Jahre 1892 gründete Hübbe-Schleiden, nachdem sich aus der Leserschaft der „Sphinx“ eine Reihe örtlicher Leserzirkel gebildet hatten und der Wunsch nach einem Zusammenschluss laut wurde, die „Theosophische Vereinigung“, und am 3. November 1893 den ersten „Esoterischen Kreis“ in Deutschland. „Diese beiden Gründungen führten der Theosophischen Gesellschaft zahlreiche neue Mitglieder zu, so dass Hübbe-Schleiden daran denken konnte, der Bewegung eine offizielle Organisationsform zu geben. [So] gründete er [...] am 29. Juni 1894 in Berlin die ‚Deutsche Theosophische Gesellschaft‘ (D.T.G.) als Zweig der Europäischen Sektion.“ (Klatt 1994, S.17) Der D.T.G. stand ab 1899 faktisch Sophie Gräfin von Brockdorff vor, die 1900 Rudolf Steiner zu Vorträgen in diesem Rahmen einlud.

Nachdem er eine längere Indienreise unternommen hatte, lebte Hübbe-Schleiden mittlerweile in Hannover, wo er 1898 mit seinem Cousin Günther Wagner eine theosophische Loge gegründet hatte. Auf Einladung von Hübbe-Schleiden fand am 18. Mai 1901 in Hannover Rudolf Steiners erster theosophischer Vortrag außerhalb Berlins statt.

Rudolf Steiner war 1902 Mitglied der D.T.G. geworden und hatte deren Vorsitz von Gräfin Brockdorff übernommen; nun sollte als Zusammenschluss der deutschen theosophischen Logen eine eigene Sektion gegründet werden. Bisher waren die Logen der europäischen Sektion angeschlossen. Hübbe-Schleiden stand einer Sektionsgründung zunächst ablehnend gegenüber, wollte schon gar nicht Generalsekretär werden. Nachdem er Steiner kennen gelernt hatte und eine Sektionsgründung unvermeidbar erschien, unterstützte er die Wahl Steiners. Zunächst sah er in Steiner einen Gesinnungsgenossen, doch schon bald wuchs in ihm Widerstand gegen Steiner, der nun als Okkultist und Geisteslehrer auftrat.

Hübbe-Schleiden vertrat z.T. merkwürdige Ansichten, so etwa, dass Frauen in der Theosophischen Gesellschaft nicht Mitglied sein dürften, da diese seiner Meinung nach ganz auf Vernunft gebaut sein sollte, Frauen aber wenig vernunftbegabt seien (MDS 1.1, März 1913, S.4). Hübbe-Schleiden, der auch der „Esoteric Section“ der Theosophischen Gesellschaft angehörte, stellte Steiners eigenständige esoterische Lehrtätigkeit in Frage, doch Annie Besant, die damals die Europäische Sektion leitete, bevor sie 1907 Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft wurde, bestätigte ihm schriftlich, dass sie Steiners (westliche, rosenkreuzerische) Esoterik anerkenne und dass Steiners Weg im Rahmen der TG legitim sei.

Hübbe-Schleiden entfernte sich innerlich nach und nach von der großen Mehrheit der seit 1902 neu hinzugekommenen Mitglieder. 1902 hatte er sich noch in den Sektionsvorstand wählen lassen, war aber bereits nach wenigen Wochen zurückgetreten; schon sehr bald kam er zu der Ansicht, Steiner vertrete nicht die ursprünglichen Impulse und Ideen der Theosophischen Gesellschaft. Hübbe-Schleiden kümmerte sich von da an wenig um die Gesellschaft, besuchte auch nicht deren Generalversammlungen. Er ließ sich zwar nach langem Zaudern in Steiners Esoterische Schule und auch in die FM aufnehmen, doch vermochte er darin ebenso wenig wie in Steiners Schriften und Vortragszyklen „seine“ Theosophie wiederzufinden. Selbst Hübbe-Schleidens treuer Freund Ludwig Deinhard in München (der ihn, wie auch einige andere, finanziell unterstützte) folgte ihm nicht in seine Selbstisolation, sondern fand seinen Weg zu Rudolf Steiner.

Der Bruch mit Steiner wurde nahezu zwangsläufig, als Annie Besant Hübbe-Schleiden 1911 zum Repräsentanten des „Sternordens“ in Deutschland ernannte. Hübbe-Schleiden lebte inzwischen in Göttingen und leitete dort ein 1909 gegründetes theosophisches Zentrum, das sich insbesondere an die akademische Jugend richtete. Er stand in regelmäßiger Verbindung mit Besant, besuchte sie in London und fungierte nun quasi als ihr verlängerter Arm in Deutschland. Er forderte Steiner u.a. auf, in seinen Vorträgen nicht von Christus zu sprechen. (MDS 1.1, März 1913, S.6) Er warf Steiner und seinen Anhängern „Dogmatismus“ vor und propagierte einen „Undogmatischen Verband“, der Zweige und Mitglieder versammeln sollte, die gegen Rudolf Steiner eingestellt waren. - Eine von ihm gegründete sog. „Freiheits-Loge“ in Göttingen erhielt im Oktober 1912 vom Sektionsvorstand kein Diplom und wurde demgemäss nicht in die Sektion aufgenommen.

Nach dem Ausschluss der deutschen Sektion und der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912/13 übernahm Hübbe-Schleiden provisorisch das Amt des Generalsekretärs der mit einer neuen Stiftungsurkunde versehenen und auf ca. 10% ihrer früheren Stärke (320 Mitglieder) geschrumpften Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, das er Pfingsten 1913 an den Holländer J. L. M. Lauweriks abgab. Er blieb aber verantwortlich für die „Esoterische Schule“, mit deren Leitung ihn Besant ebenfalls betraut hatte.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam es aufgrund antideutscher Äußerungen Besants zum Zerwürfnis mit ihr und der Leitung der Theosophischen Gesellschaft. In der neuen deutschen Sektion machten sich in Folge des kriegsbedingten Nationalismus vermehrt völkische Tendenzen breit, selbst Hübbe-Schleiden hatte Kontakt zum Gründer des ariosophischen Germanen-Ordens, trat diesem aber nicht bei.

Zuletzt erkrankte er schwer und litt an entsetzlichen Geschwüren. Wenige Monate vor seinem Tod im Mai 1916 trat er schließlich, wie viele der verbliebenen Mitglieder, aus der Theosophischen Gesellschaft und dem „Sternorden“ aus.

Hans-Jürgen Bracker


Werke: Ethiopien. Studien über West-Afrika, Hamburg 1879; Überseeische Politik, Bd. I/II, Hamburg 1881/1883; Jesus, ein Buddhist? Braunschweig 1890; Hellenbach, der Vorkämpfer für Wahrheit und Menschlichkeit, Leipzig 1891; Weltwirtschaft und die sie treibende Kraft, Hamburg 1882; Die Lehre der Wiederverkörperung im Christentum, Braunschweig 1894, ²1896; Karma. Die theosophische Begründung der Ethik, Braunschweig ²1895, Berlin ³1899; Das Streben nach Vollendung und dessen Voraussetzung. Glückseligkeit. Empirischer, ethischer und religiöser Optimismus, Hamburg 1900; Diene dem Ewigen! Berlin 1902; Warum Weltmacht? Der Sinn unserer Kolonialpolitik, Hamburg 1906; Offenbarung und Forschung, Leipzig [1906]; Franz Hartmann. Seine Bedeutung für die Theosophische Bewegung, Leipzig 1912; Denkschrift über die Abtrennung der Anthroposophischen Gesellschaft von der Theosophischen Gesellschaft, Leipzig 1913; Deutschtum und Theosophie, Leipzig 1915; Das Suchen des Meisters, Lorch 1916; Übersetzungen ins Englische und Französische erschienen; Beiträge in Lu.
Literatur: Steiner, R.,: Die Denkschrift, Scholl, M.: Der nachträgliche Textzusatz, in: MDS 1913, Nr. III; Reden, T. v.: Dr. Hübbe-Schleidens „Denkschrift“ unbefangen betrachtet, Berlin 1913; Walther, K.: „Diene der Wahrheit!“, Berlin 1913; Unger, C.: Wider literarisches Freibeutertum, Berlin 1913; Gumppenberg, E. v.: Offener Brief an Dr. Hübbe-Schleiden, Leipzig 1913; Steiner, R.: Briefe, Bd. II, Dornach 1953; GA 28, 1962 (7.Aufl.); Rudolph, W.: Vom Arbeitszentrum Hannover, in: MAD 1963, Nr. 63; Schmidt-Brabant, M.: Aus der Geschichte der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft in Berlin, in: MaD 1965, Nr. 71; Bock, E.: Rudolf Steiner-Studien, Stuttgart 1967; GA 262, 1967; Hartmann 1975; Wiesberger, H.: Marie Steiner - von Sivers, Dornach 1988; Lindenberg, Chronik 1988; Klatt, N.: Theosophie und Anthroposophie, Göttingen 1994; ders.: Der Nachlaß von Wilhelm Hübbe - Schleiden in Göttingen. Verzeichnis der Materialien, Göttingen 1996; Wiesberger, H.: Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit, Dornach 1997; Miers, H. E.: Lexikon des Geheimwissens, München 2000; Plato, B. v. [Hrsg.]: Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Dornach 2003.




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