Marie Groddeck
Groddeck, Marie

Neuphilologin, Lehrerin.

*29.10.1891 Pyritz (Pommern) (damals Deutschland)
†05.06.1958 Arlesheim (Schweiz)





Der Aufbau, die Leitung und auch das Ende der Friedwartschule am Goetheanum sind eng mit dem Leben Marie Groddecks verbunden.

Marie Groddeck verbrachte ihre erste Kindheit in Proßnitz (Mähren). 1897–1903 lebte sie in Baden-Baden, wo ihr Vater – Neffe des bekannten Psychoanalytikers Georg Groddeck – die ärztliche Leitung eines Sanatorium innehatte. 1903 übersiedelte die Familie nach Berlin, wo Marie Groddeck ihre weitere Jugendzeit verbrachte. Schon mit 14 Jahren verlor sie den Vater, fühlte sich ihm jedoch innerlich weiterhin stark verbunden.

Ihm verdankte sie auch eine wesentliche Lebensbegegnung: Eine der Patientinnen ihres Vaters in Baden-Baden war Margareta von Liechtenstern, die spätere Gattin Christian Morgensterns ( Margareta Morgenstern), die die junge Marie 1912 nach Arosa einlud. Dort kam es zur Begegnung mit dem Dichter und durch ihn zu einer ersten Berührung mit der Anthroposophie. Am 16. Januar 1913 hörte sie erstmals einen Vortrag von Rudolf Steiner („Die Weltanschauung eines Kulturforschers [Herman Grimm] und die Geistesforschung“, GA 62). Am Michaelitag dieses Jahres trat sie in die Anthroposophische Gesellschaft ein.

Ihr Studium der Neuphilologie führte sie an verschiedene Orte, u. a. 1914 auch für ein Semester nach Basel. 1917 legte sie ihr Examen in Berlin ab.

Zur Eröffnung des ersten Goetheanum kam sie am 20. September 1920 nach Dornach – und blieb. Sie fing an, Eurythmie und Sprachgestaltung zu studieren, doch schon am 1. Februar 1921 übernahm sie auf Wunsch Rudolf Steiners neben Ernst Blümel und Hildegard Boos-Hamburger die pädagogische Verantwortung für die neu gegründete Schule am Goetheanum, die nach ein paar Wochen – da die kantonalen Gesetze keine regelrechte Schule zuließen – als „Fortbildungsschule“ deklariert wurde. Als Rudolf Steiner Marie Groddeck dazu aufforderte, „Geschichte, Literatur und Sprache“ zu unterrichten, fragte sie zurück, ob er meine, dass sie Englisch und Französisch geben solle. „Nein“, antwortete er, „Sprache“. Wie dieser Auftrag Rudolf Steiners einzulösen sei, beschäftigte Marie Groddeck nachhaltig. „Das Resultat“, so ihre Schülerin Brenda Binnie, „war ein in seiner Art einmaliger Sprachunterricht. Mit Hilfe der Grimm´schen Lautverschiebungsdreiecke wurde die Sprachvergleichung lebendig betrieben, sodass die Schüler zu einem Erlebnis des Sprachgenius und ohne Übersetzung zu einer gründlichen Kenntnis der Fremdsprachen kamen. Auch das Grammatikalische wurde meisterhaft aus den Lauten abgeleitet.“ (Binnie 1968, S. 212)

Der Unterricht für die zunächst sieben Schüler fand in einer Baracke neben dem Atelier statt. Oft kam Rudolf Steiner und gab praktische Anregungen; u. a. entstanden bei einer solchen Gelegenheit auch die sieben Pastellkreideskizzen, die heute unter dem Namen „Friedwart-Skizzen“ bekannt sind. Nach seinem Tod erwarb Marie Steiner das Haus Friedwart für die Schule, die danach den Namen „Friedwartschule am Goetheanum“ trug.

1928 übernahm Marie Groddeck nach dem Weggang Ernst Blümels die Leitung der Schule; sie wurde nun teilweise als Internat geführt, und es wurden fortan auch praktische Fächer (Gartenbau, Hausarbeit etc.) gegeben. Schüler aus 24 Nationen gingen bis zu der Schließung 1956 durch diese Schule, darunter auch einige „seelenpflegebedürftige“ Jugendliche. Auch das Lehrerkollegium war stets international zusammengesetzt.

Ihre enge Verbindung mit Marie Steiner, die immer versucht hatte, ihr für die pädagogische Arbeit finanziell den Rücken freizuhalten, ließ Marie Groddeck in den innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen ihren Platz selbstverständlich aufseiten der Nachlassverwaltung finden, deren Mitglied sie seit 1943 war. 1946–51 redigierte sie die „Beiträge für ein freies Geistesleben“, das Organ der Freien Arbeitsgruppe.

Weihnachten 1950 musste sie mit ihren Schülern Haus Friedwart verlassen – was zahlreiche Gerichtsverhandlungen nach sich zog und ihr die nächsten Jahre verbitterte. Sie führte die Schule dann in Arlesheim weiter. Dort verstarb sie nach langem schweren Leiden 67-jährig im Sommer 1958.

Immer wieder wurde von verschiedenen Menschen Marie Groddecks immenses Wissen, die Weite ihres geistigen Horizontes hervorgehoben. Sie selbst sagt darüber in einem Brief (an Edwin Froböse) aus dem Jahr 1957: „Während man immer mein ‚Wissen’ betont, so bemühe ich mich eigentlich um eine reguläre Kompostierung der Anthroposophie. [...] Man muss eben versuchen, die einzelnen Bestandteile der Anthroposophie zu verwandeln, wie man den Kompost verrotten lässt. Und wie man diese Komposterde benutzt, um dahinein zu säen und Pflanzen zu setzen, so setze ich in diesen durchanthroposophierten Seelenboden jene Menschen hinein, von denen Dr. Steiner gesprochen hat und die in irgendeinem Sinne doch in die anthroposophische Bewegung hineingehören.“ (Unveröffentl.) In diesem Sinne hielt sie vor allem in ihren letzten Jahren Vorträge über Persönlichkeiten wie z. B. Ibsen, Carlyle, Emerson, Tolstoi, Herman Grimm.

Martina Maria Sam


Werke: Rudolf Steiner, der Erbauer des Goetheanum, in: Groddeck, M.,
Altwegg, R. [Hrsg.]: Gedenkheft zum 20. Todestag Rudolf Steiners, Dornach
1945; Henrik Ibsen, der Fragesteller und Christian Morgenstern, der
Antwortgeber, Bern 1957; Die Schulskizzen von Rudolf Steiner, Dornach 1959;
Gespräch von Volk zu Volk, Basel 1969; Übersetzung ins Englische erschienen;
Beiträge in N, Bef, BfA, BGA, MaB, Msch.
Literatur: Zbinden, H. W.: Marie Groddeck, Froböse, E.: Abschiedsworte für
Marie Groddeck, Zaiser, G.: In memoriam Marie Groddeck, in: MaB 1958, Nr.
18; Leinhas, E.: Marie Groddeck, in: MaD 1958, Nr. 45; Groddeck, W.: Im
Gedenken an Marie Groddeck, in: Msch 1958, Nr. 6; Froböse, E.: Marie
Groddeck, in: BGA 1968, Nr. 22; Groddeck, W.: Das verlorene und wieder
zu gewinnende Bewußtsein des Menschtums. Marie Groddeck, in: MaB 1968,
Nr. 44; Binnie, B.: Der Impuls der Friedwartschule, in: EK 1968, Nr. 6;
Biermann-Binnie, B. u.a.: Erinnerungen an Rudolf Steiner und die
Fortbildungsschule am Goetheanum, Basel 1982; Schöffler 1987; Templeton,
B.: Marie Groddeck. Eine Erinnerung zum 100. Geburtstag, in: N 1991, Nr. 43.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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