Josef Bartoš
Bartoš, Josef
Pseudonym/Varianten: Bartos

Kunsthistoriker.

*01.07.1923 Pelechov bei Zelezny Brod (damals Tschechoslowakei)
†06.03.1998 Semily (Tschechien)



Josef Bartoš teilte das Schicksal vieler Anthroposophen, die in kommunistischen Ländern ihr Leben verbrachten und ihre Impulse und Ideale oft jahrzehntelang nicht verwirklichen konnten.

Er wurde am 1. Juli 1923 auf dem Lande in dem kleinen Dorf Pelechov (Nordböhmen) in einer anthroposophischen Familie geboren. Von früh auf zeigte er enorme Begabungen, verbunden mit einer starken Lebenscholerik. „Er war einer der wenigen wirklich genialen Menschen, denen ich in meinem Leben begegnete …“, schrieb V. Komárek, einer der bekanntesten tschechischen Maler des 20. Jahrhunderts, in seinen Lebenserinnerungen über Bartoš (Komárek 1993, S. 99). Anthroposophie lernte er bereits als Kind in seiner Familie kennen. Vor dem Hintergrund der Kriegserlebnisse meldete er sich gleich im Sommer 1945 bei der Militärakademie und ließ sich zum Offizier der neuen tschechoslowakischen Armee ausbilden. Nach dem kommunistischen Umsturz verließ er die Armee und studierte Kunstgeschichte und klassische Archäologie an der Prager Universität. Er wurde bald zu einem der besten Kenner altgriechischer Kunst in der damaligen Tschechoslowakei und blieb von 1956–59 an der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Ende der 50er-Jahre kulminierte eine bereits gegen das 28. Lebensjahr beginnende innere Krise: Die Schulwissenschaft befriedigte ihn wenig; der deutlich spürbare ideologische Druck machte sein weiteres Verbleiben an der Universität unmöglich; die Anthroposophische Gesellschaft und die Christengemeinschaft waren verboten; darüber hinaus zerbrach seine erste Ehe. Er kam aus Prag nach Nordböhmen zurück, wo er seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter in unterschiedlichen Industriezweigen verdienen und oft gefährliche Arbeiten mit vielen Überstunden annehmen musste. Das 42. Lebensjahr brachte ihm „etwas wie einen innerlichen Sonnenaufgang“. Äußerlich gesehen war sein Leben kompliziert und unerfüllt. Er fand aber seine zweite Frau Alena, die ihm seitdem zur festen Stütze und treuen Partnerin wurde. Vor allem aber: Er begann sein Innenleben zu aktivieren und zu intensivieren, er begann sich regelmäßig und systematisch in die Anthroposophie zu vertiefen.

Die Zeit des Prager Frühlings Ende der 60er-Jahre zeigte ihm äußerlich ein freundlicheres Gesicht. Die griechische Kunst, die jahrelang wie verschüttet in ihm schlief, erwachte zu einer unerwarteten Lebendigkeit und Durchsichtigkeit. Er durfte sich an der Universität habilitieren, seine Habilitationsschrift über die griechische Plastik wurde gewürdigt und er begann wieder in Prag zu unterrichten. Zudem wurde er Leiter einer Galerie für antike Kunst (in Hostinné/Ostböhmen). 1969 unternahm er eine Reise zu anthroposophischen Einrichtungen nach Deutschland und in die Schweiz.

Doch schnell waren diese Jahre vorüber, die kommunistische Herrschaft verstärkte sich, Bartoš verlor seine Lehraufträge, musste die Galerie verlassen und wieder zur manuellen Arbeit zurückkehren. Zweimal im Leben – im 24. und 46. Lebensjahr – stand er durch einen Unfall nahe der Todesschwelle, beide Male erlebte er dadurch neben einer körperlichen Behinderung eine tief gehende innere Änderung und Verwandlung. Die schwere körperliche Arbeit führte jetzt zur vollen Invalidität und in seinem 56. Lebensjahr wurde ihm eine bescheidene Invalidenrente gewährt. Immer häufiger aber wurde er von Menschen aufgesucht, die nach Rat in schwierigen Lebenssituationen oder in ihrer spirituellen Entwicklung suchten. Im Verborgenen bildete sich um Josef Bartoš allmählich ein Menschenkreis, der intensive anthroposophische Studien durchführte. Es dauerte aber bis 1989, bis für den jetzt bereits 66-jährigen Josef Bartoš die produktivste Lebensepoche ansetzte.

Nun konnte er verwirklichen, was ihm seit seiner Jugend vorschwebte: öffentlich und frei mit Menschen zu arbeiten, die in verschiedenen praktischen Bereichen aus anthroposophischen Erkenntnissen und Anregungen tätig sein wollten. Er organisierte mit wenigen Helfern in der kleinen Stadt Semily öffentliche Vorträge über Anthroposophie und ihre praktischen Tätigkeitsfelder. Seine Auftritte hatten starke Resonanz. Als brillanter und überzeugender Redner konnte er die tieferen Seelenschichten seiner Zuhörer erreichen. Sofort bildeten sich Gruppen von Interessenten, die über die anthroposophisch inspirierte Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft mehr erfahren wollten. Aus diesem Interesse entstanden die ersten Initiativen. 1991 wurde in Semily der erste Waldorfkindergarten in Tschechien gegründet, 1992 die Waldorfschule; in der Nähe von Semily wurden 150 Hektar einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt; in Semily entstand die Möglichkeit einer anthroposophisch-medizinischen Behandlung.

Josef Bartoš wurde in der ganzen Tschechoslowakei aktiv, gründete den so genannten „Koordinierungsrat der Waldorfpädagogik“ in Tschechien, der sich sowohl die Organisation der waldorfpädagogischen Ausbildung für Lehrer und Kindergärtnerinnen wie auch die rechtliche Sicherung von Waldorfschulen und -kindergärten zur Aufgabe machte. Er organisierte das erste tschechische waldorfpädagogische Ausbildungsseminar für Klassenlehrer und ebenso für Kindergärtnerinnen. In der ersten Hälfte der 90er-Jahre führte er die Verhandlungen mit dem Unterrichtsministerium und unternahm mehrere Reisen mit höheren Beamten des Ministeriums und Abgeordneten des Parlaments zu den anthroposophischen Einrichtungen in Deutschland. Ihm verdanken die Waldorfschulen und Waldorfkindergärten viel von ihrem jetzigen stabilen Status im tschechischen Schulsystem. Die meiste Energie widmete er aber der Ausbildung einer spirituellen Lebensorientierung durch gemeinsame anthroposophische Arbeit im Hinblick auf die neu gegründeten Einrichtungen.

Nach sieben Jahren unermüdlicher Aktivität musste Josef Bartoš wegen einer schweren Darmerkrankung seine Arbeit einschränken und am 6. März 1998 starb er in seinem Haus in Semily.

Tomáš Zdražil


Literatur: Komárek, V.: Pojednáni o mé radostné cesté od kolébky ke krematoru, Praha 1993; Bouzek, J.: Josef Bartoš, in: Arz 1998, Nr. 2; ders.: Josef Bartoš, in: N 1998, Nr. 36/37.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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