Anna von May-Rychter
von May-Rychter, Anna M.
geb.: May

Malerin.

*16.02.1864 Regensburg (Deutschland)
†09.04.1954 Jerusalem (Israel)





Anna May-Rychter lebte in Armut, aber wenn man in ihre Jerusalemer Wohnung eintrat, hatte man das Gefühl, in einen geweihten Raum zu kommen. Sie lebte in einem alten arabischen Haus, in einem großen Raum mit Kreuzgewölbe, umgeben von vielen Büchern, mitten in der Stadt. Seit den 30er-Jahren traf sich dort wöchentlich ein Kreis von deutschsprachigen Menschen, um Anthroposophie zu studieren.

Anna kam in Regensburg als älteste Tochter von Hofrat Heinrich May, dem Leibarzt des Fürsten von Thurn und Taxis, zur Welt. Der Herzog Karl Theodor von Bayern rief ihren Vater nach München. Er übernahm die ärztliche Leitung des Wildbades Kreuth. Sie wurde neun Jahre lang in einem katholischen Stift erzogen. Als junges Mädchen studierte sie in München bei Nikolaus Gysis Malerei. Dort traf sie Thaddäus von Rychter, ebenfalls Maler, und begegnete durch ihn Rudolf Steiner, der ihr den Auftrag gab, das große „Triptychon vom Gral“ zu malen. Er gab ihr detaillierte Anweisungen, bis zum Rahmen. Sie und ihr Mann arbeiteten am Bau des ersten Goetheanum und waren Mitglieder der Künstlergruppe „Aenigma“, die das Triptychon 1918 in München ausstellte. Es wurde während des Krieges in der Hamburger Waldorfschule durch Bomben zerstört, aber Margarethe Hauschka, ihre Nichte, fand später eine farbige Reproduktion und gab eine genaue Beschreibung des Bildes (G 1975). Im Ersten Weltkrieg malte sie ein rundes Michaelbild, das mit einem Spruch von Rudolf Steiner zusammen vervielfältigt als Weihnachtsgabe an Soldaten verschickt wurde.

1924 gingen sie nach Jerusalem, da eine Serie von Aquarellen von den heiligen Stätten bei ihr bestellt wurde – aber auch des Lichtes und der Farben wegen. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Gemälden, die als Andenken verkauft wurden. 1939 wurde Thaddäus Rychter nach Polen gerufen, um eine Kirche auszumalen. Nachdem Polen von den Deutschen besetzt wurde, blieb er verschollen, und sie hörte nie wieder von ihm. Sie lebte und arbeitete in bescheidenen Verhältnissen in dem arabischen Haus in Jerusalem als Mittelpunkt des kleinen Menschenkreises, der die dort gepflegte geistige Arbeit schätzte.

1954 starb sie im Alter von 90 Jahren. Nach ihrem Tod schrieb ein Journalist aus Jerusalem einen Artikel unter dem Titel: „Jerusalem’s last saint died“.

Eva Levy


Literatur: Meyer-Jacobs, B.: Dornacher Tage in Hamburg, in: N 1927, Nr. 26;
Strakosch-Giesler, M.: Künstlergruppe „Aenigma“, in: N 1943, Nr. 15; dies.:
Anthroposophie in Jerusalem, in: N 1949, Nr. 14; Bar-Shalom, N.: Bericht aus
Israel, in: N 1960, Nr. 16; In memoriam Rosa Ducas, in: N 1967, Nr. 10;
Weiler, R. A.: Frau Anna May-Rychter, in: N 1954, Nr. 24; Fels, A.: Zum
Hinscheiden von Anna von May-Rychter, in: N 1954, Nr. 48; Gottlieb, M.: Anna
von May-Rychter, in: MaD 1954, Nr. 29; Hauschka, M.: Das Triptychon „Gral“
von Anna May, in: G 1975, Nr. 24; GA 265, 1987; GA K 12 Bd 2.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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