George Sir Trevelyan
Sir Trevelyan, George

Historiker, Philosoph.

*05.11.1906 Westminster (UK)
†07.02.1996  (UK)



George Trevelyan kam als letzter männlicher Nachfahr einer alten aristokratischen britischen Familie zur Welt, die ihren Stammbaum bis in das legendäre keltische Lyonesse zurückführte, der versunkenen Stadt vor der Küste Cornwalls. George Trevelyan war stolz darauf, dass sein Urahn Sir Trevillian als einer der Ritter aus der Tafelrunde von König Artus galt, der der Legende zufolge den Untergang der Stadt überlebte, indem er auf dem Rücken seines Pferdes an Land schwamm. Georges agnostischer, pazifistisch und sozialistisch gesinnter Vater Sir Charles war in den 30er-Jahren als Präsident des Board of Education Mitglied zweier Labour-Regierungen unter Ramsay Macdonald. Sein Onkel war der berühmte Historiker George Macaulay Trevelyan und auch der junge George absolvierte ein Geschichtsstudium am Trinity College der Universität Cambridge, an der sein Onkel unterrichtete.

Schon als Jugendlicher war er von der Natur fasziniert: Aus London kam er regelmäßig auf den Besitz seines Vaters, Wallington Hall in Northumberland (von dem er später enterbt werden sollte), wo er tagelang in den Hochmooren herumwanderte; er blieb ein begeisterter Bergsteiger und während seiner Schulzeit in Sidcot in den Mendip Hills entdeckte er auch seine Leidenschaft für Höhlenforschung. Trevelyan war nicht nur charmant und sehr scheu, sondern auch gut aussehend und sportlich mit athletischem Körperbau. Dennoch überkam ihn eine tiefe „Unzufriedenheit mit meinem Körper“ und im Jahr 1926 suchte er den damals in Londoner Kreisen bekannten Spezialisten F. M. Alexander auf, den Begründer der Alexander-Technik, die auf bewusste Körperhaltung und Atmung aufbaut. Alexander lehrte den 20-Jährigen, dass ihm das übermäßige Körpertraining eher geschadet habe, und stellte ihm die Aufgabe, den Ausgleich in Non-Doing zu suchen, was dem jungen Trevelyan wie die Offenbarung einer großen, holistischen Wahrheit erschien, auf welche Weise der Körper von innen heraus zu führen sei.

Doch blieb Trevelyan zu diesem Zeitpunkt überzeugter Agnostiker, der keiner spirituellen Suche nachging. In der Werkstatt von Peter Waals in Chalford in Gloucestershire hatte er das Tischlerhandwerk und Möbeldesign gelernt, nach 1931 ließ er sich als Lehrer der Alexander-Technik ausbilden, doch beide Berufe ließen ihn unbefriedigt. Da holte ihn der aus Nazi-Deutschland nach England emigrierte Kurt Hahn, der Gründer und Leiter der reformpädagogischen Gordonstoun School, als Lehrer für Geschichte, Literatur, Holzschnitzen und Wandern an seine Einrichtung und eröffnete ihm damit einen sehr viel weiteren Horizont menschlicher Begegnungen. Hier sollte er auch Helen Lindsay-Smith kennen lernen, die er 1942 heiratete. 1936 reiste George Trevelyan nach Dänemark und Schweden, um sich durch das dortige Modell der Volkshochschulen für seine Vision inspirieren zu lassen, die prächtigen englischen Landhäuser in öffentliche Kulturzentren umzuwandeln.

Doch erst 1942 kam der eigentliche Durchbruch in Trevelyans Leben, als er anlässlich eines Besuchs bei dem ökologischen Gärtner Derryk Duffy in Heathcot House nahe Aberdeen einem Vortrag von Walter Johannes Stein unter dem Titel „What did Dr Steiner mean by Anthroposophy?“ beiwohnen konnte. Er nahm den Vortrag auf, als ob dieser direkt an ihn persönlich gerichtet wäre. Ob vorgeburtliche Existenz, der Gedanke der Erde als Übungsplatz der Seelen oder Reinkarnation: „Alles in mir sagte ja, ja, ja.“ Er wurde Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien und Ernst Lehrs führte ihn in Goethes Metamorphosenlehre ein. „Der Agnostizismus von 36 Jahren verwehte wie ein Morgennebel. Die spirituelle Weltanschauung wurde für mich in ihrer Herrlichkeit und Wunderbarkeit klar.“ (Trevelyan 1991, S. 60f)

Zu seinem Bedauern konnte er auf ein Angebot von Walter Johannes Stein, mit ihm zusammenzuarbeiten, nicht eingehen; auch wurde er kein Waldorflehrer, wie ursprünglich beabsichtigt. Stattdessen wurde Trevelyan 1947 Leiter des Shropshire Adult College in Attingham Park. Dort konnte er in zahlreichen Kursen endlich seinem Wunsch nachgehen, spirituelle Einsichten und Weisheit an zahlreiche Erwachsene aus dem In- und Ausland weiterzugeben. So sprach er zu Themen wie „Den inneren Lehrer finden“, „Ganzheitliche Vision“ oder „Tod und Werden“ und lud auch anthroposophische Redner wie Ernst Lehrs, Stein und Karl König ein (die bei seinem Publikum jedoch nicht ankamen), was in der damaligen Zeit in einer öffentlichen Einrichtung einigen Mut erforderte, zumal das College von Geldern der Stadt und der Universität Birmingham getragen wurde, die Trevelyans Tätigkeit mit zurückhaltender Skepsis verfolgten. Doch waren seine eigenen Kurse ein durchschlagender Erfolg und stets gut besucht, sodass der englische Pragmatismus die Oberhand gewann und man Trevelyan gewähren ließ.

Als Sir George 1971 in den Ruhestand trat, wurde er gebeten, den Wrekin Trust zu begründen (benannt nach einem sakralen Hügel nahe Attingham Park), der als gemeinnützige Einrichtung den Fortbestand der Kurse und Studien über die im Universum wirkenden spirituellen Prinzipien und über die holistische Weltsicht garantieren sollte. Dazu gesellte sich später das besondere Anliegen, die spirituellen Weisheiten der alten Kulturen und Religionen mit den modernen Entwicklungen in der Psychologie und den Naturwissenschaften zu verbinden, etwa im Rahmen der jährlich stattfindenden Konferenzen „Mystics and Scientists“, auf der Teilnehmer aus der ganzen Welt zusammenkamen, um ihre Erfahrungen auszutauschen. 1982 wurde dem Trust (und Trevelyan) in Stockholm der Right Livelihood Award (oder „Alternative Nobelpreis“) überreicht.

Im Rahmen seiner Tätigkeit wurde Sir George Trevelyan auch als „Großvater der New Age-Bewegung“ bekannt, da er enthusiastisch neue Unternehmungen begrüßte, die eine „evolutionäre Transformation“ des Zeitgeists unterstützen wollten; dazu gehörten die Findhorn Foundation im schottischen Moray, The Gatekeeper und Open Gate Trusts als Bewahrer sakraler „Kraftorte“ oder die Lamplighter-Bewegung, die in ganz Großbritannien durch „ewig brennende Lampen“ ein Netzwerk des Lichts knüpfen wollte. In Trevelyans beweglicher, ganzheitlicher Sicht, der mitunter die gedankliche Konturiertheit fehlte, hatten viele, zum Teil skurrile Auffassungen Platz, solange sie von einer Vision des „Neuen Zeitalters“ befeuert waren. So sah er unterschiedslos: „Blavatskys Geheimwissenschaft, Annie Besants Theosophie, Steiners Anthroposophie und Alice Baileys esoterische Schriften verkünden alle ein Wiederaufleben spiritueller Energie aus Ost wie West.“ (Trevelyan 1980 [deutsch], S. 40)

Als Wanderer, Forscher und Gärtner sein ganzes Leben lang tief mit der Natur verbunden, vertrat er den Standpunkt, dass man den „drastischen planetaren Umwälzungen [in Umwelt, Klima und physikalischen Feldern] mit Mut und Freude“ entgegensehen solle, „im Wissen, dass der Planet Erde gereinigt werden soll und eine neue Epoche beginnt“ (Brown 1998). Es lag sicher auch in der Tradition der Abstammung seiner Vorfahren, wenn Trevelyans größtes Verdienst in der Kunst zu suchen war, soziale Zusammenhänge zu schaffen und zu verknüpfen, Menschen miteinander in Beziehung und Zusammenarbeit zu bringen, mit intuitivem Blick für Fähigkeiten und Talente der anderen. Einerseits forderte er sie zu einem umfassenderen Verständnis und zum initiativen Handeln heraus, andererseits hatte er eine Vorliebe für das Zusammenkommen an Round Table-Treffen, wo die Talente der Einzelnen dialogisch in den Dienst an der Ganzheit gestellt werden sollten.

Markus Osterrieder


Werke: The Findhorn Garden, London 1976, ²1977; A Vision of the Aquarian
Age, Coventure, UK 1977, deutsch: Eine Vision des Wassermann-Zeitalters,
Freiburg i. Br. 1980, ²1981; The Active Eye in Architecture. An Approach to
Dynamic and Imaginative Looking, Ross-on-Wye 1977 (b); Magic Casements.
The Use of Poetry in the Expanding of Consciousness, 1980; Operation
Redemption. A Vision of Hope in an Age of Turmoil, Wellingborough 1981;
deutsch: Unternehmen Erlösung. Hoffnung für die Menschheit, Gutach 1989;
Exploration into God. A Personal Quest for Spiritual Unity, Bath 1991.
Literatur: Nesfield Cookson, R.: Sir George Trevelyan, in: NGB 1996, Nr. 2;
The Times’ Obituary Page, 17. Februar 1996; Brown, R.: The New Age,
Christianity and The Millennium I, in: Adelaide Fountain Newsletter,
February 1998; Farrer, F.: Sir George Trevelyan and the Spiritual
Renaissance of Our Time, Edinburgh 2002; Sir George Trevelyan: An
Archive of His Life and Work, http://www.sirgeorgetrevelyan.org.uk.




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