Hans Büchenbacher
Büchenbacher, Hans

Philosoph.

*12.09.1887 Fürth/Bayern (Deutschland)
†28.06.1977 Arlesheim (Schweiz)





Hans Büchenbacher kämpfte zeitlebens an vorderster Front für die anthroposophische Sache. Von Rudolf Steiner als offizieller Redner berufen, vertrat er zunächst den öffentlichen Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, später wirkte er an prominenter Stelle innerhalb des Gesellschaftslebens und nach seiner Emigration aus Deutschland 1935 setzte er sich am Goetheanum und in dessen Umkreis, besonders in Basel, für die Anthroposophie und ihre philosophische Grundlegung ein.

Sein Elternhaus vermittelte ihm eine gute Erziehung. Sein Vater war ein beliebter Strafverteidiger und Justizrat, seine Mutter eine gebildete Frau, beide Eltern waren musikalisch begabt, mit zwei Schwestern erlebte er ein harmonisches Familienleben. Er selbst lernte Geige und Klavier und nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums war es sein Wunsch, Kapellmeister zu werden. Sein Vater jedoch bestand auf einem akademischen Abschluss. So studierte er in München Jurisprudenz, Philosophie und Psychologie und promovierte 1911 bei Professor Lipps in Erlangen mit einer Arbeit „Über Gegenstandsforderungen in der Musik“, worin sich seine Beziehung zur Musik in einer anderen Weise manifestieren konnte.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er als Soldat an die Westfront geschickt. Infolge seines mutigen Einsatzes wurde ihm die Offizierslaufbahn nahe gelegt. Auch als Offizier behielt er bewusst das Sattelzeug des einfachen Soldaten. Noch vor Kriegsende wurde er als Kriegsinvalider schwer krank entlassen.

Schon in seiner Münchner Studentenzeit hörte er Rudolf Steiner in Vorträgen. Im Schützengraben las er „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ und 1918 die Neuauflage der „Philosophie der Freiheit“. Als ausgezeichnetem Fachphilosophen bereitete ihm dieses Werk begreiflicherweise große Mühen. Doch wurde es ihm im späteren Leben immer mehr zur zentralen Grundlage. Als über 80-Jähriger hielt er am Goetheanum eine Reihe von Vorträgen zu diesem Werk, die große Beachtung fanden und in denen er die ganze Tiefe der Anthroposophie auslotete.

In zweiter Ehe verband er sich mit der schwedischen Gräfin Hamilton, die ihm einen Sohn schenkte. Auch aus seiner ersten Ehe stammte ein Sohn.

Die entscheidenden Begegnungen mit Rudolf Steiner fielen vor allem in das Jahr 1920, zugleich das Jahr seiner Berufung zum Redner für den Dreigliederungsimpuls. Im Mai desselben Jahres wurde er persönlicher esoterischer Schüler Rudolf Steiners. Ein Höhepunkt seines Einsatzes für die Person Rudolf Steiners kam während der zweiten, 1922 von der Konzertagentur Wolff und Sachs veranstalteten Vortragsreihe zustande, bei der am 15. Mai ein öffentlicher Vortrag in München vorgesehen war. Hans Büchenbacher erfuhr von der Absicht einer völkisch-nationalen Gruppierung, die Vortragsveranstaltung zu stören und Rudolf Steiner tätlich anzugreifen. Er organisierte auf eigene Faust – die Polizei war nicht verlässlich – generalstabsmäßig und erfolgreich entsprechende Gegenmaßnahmen zum persönlichen Schutz Rudolf Steiners.

Anlässlich der turbulenten Delegiertenversammlung vom 27./28. Februar 1923 (GA 257/259) vertrat er vehement die Position der jungen Anthroposophen, die von der bestehenden Gesellschaftsführung enttäuscht waren, sich nicht verstanden fühlten. Er war Initiant und im Komitee der Freien Anthroposophischen Gesellschaft. Rudolf Steiner dankte ihm als dem Vertreter der Jugendbewegung. Nach der Weihnachtstagung 1923/24, an der er persönlich teilnahm, verband er sich ganz mit der durch Rudolf Steiner neu begründeten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Von Ostern 1931 bis 1934 war er Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und übernahm gleichzeitig die Redaktion der Zeitschrift „Anthroposophie“. Schon 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers, schlug er vor, dem zu erwartenden Verbot durch die Nationalsozialisten mit einer freiwilligen Auflösung der Gesellschaft zuvorzukommen. Damit drang er freilich nicht durch, sondern es wurde ihm im Gegenteil von manchen Seiten nahe gelegt, als Halbjude aus dem Vorstand zurückzutreten. Nach dem tatsächlich erfolgten Verbot 1935 verließ er für immer Deutschland und zog in die Schweiz, nach Arlesheim. Hier blieb er bis zu seinem Lebensende und erwarb auch die schweizerische Staatsbürgerschaft. Er entfaltete eine große Wirksamkeit für die Anthroposophie in vielen öffentlichen Vorträgen, Mitgliederveranstaltungen am Goetheanum, in der Studentenarbeit und viele Jahre als Leiter der von ihm begründeten Philosophisch-Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft in Basel. Am Goetheanum begründete er eine Arbeitsgruppe für Philosophie und Psychologie. Die Früchte dieser Arbeit sind in zehn Heften dokumentiert, die Büchenbacher unter dem Titel „Abhandlungen zur Philosophie und Psychologie“ herausgab.

In all seinem Wirken war die Verankerung der Anthroposophie mit ihrer Esoterik in einem gesunden Denken ein immer währendes Hauptanliegen. Eine Sternstunde für die Teilnehmenden und gleichzeitig die Darlegung seiner Lebensfrüchte war eine sich über mehrere Jahre erstreckende Vortragsreihe am Goetheanum mit dem Titel „Die Rätsel der Philosophie“. In Anknüpfung an die gleichnamige Schrift Rudolf Steiners (GA 18) behandelte Büchenbacher die dort genannten Philosophen von der Antike bis zur Gegenwart mit seinen eigenen Kommentaren. Diese Vortragsreihe mündete in die schon erwähnte Betrachtung der „Philosophie der Freiheit“ mit ihren esoterischen Wurzeln ein.

Heinz Zimmermann


Werke: Über Gegenstandsforderungen der Musik, München 1911; Der Christus-
Impuls und das Ich. Eine erkenntnistheoretische Betrachtung, Breslau 1935;
Natur und Geist. Grundzüge einer christlichen Philosophie, Bern 1946, ²1954;
als Herausgeber: Abhandlungen zur Philosophie und Psychologie, 10 Hefte,
Dornach 1951–70, in jedem Heft ein Aufsatz von ihm; Die „Philosophie der
Freiheit“ und die Gegenwart, Dornach o. J.; Erfahrung und Denken in den
vier Schichten der Wirklichkeit. Aufsätze, Basel 1978; Beiträge in
Sammelwerken; spanische Übersetzung erschienen; zahlreiche Beiträge in G,
N, weitere in A, DD, I3, MaD.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners.
o. O. 1970; Buser, H.: Hans Büchenbacher, in: N 1977, Nr. 31; v. S.: Im
Gedenken an Dr. Hans Büchenbacher, in: N 1977, Nr. 38; Schöffler 1987;
Deimann 1987; Lindenberg, Chronik 1988; GA 257, 4 1989; GA 259, 1991;
GA 260, 5 1994; autobiografisch: Erinnerungen, in: I3 1999, Nr. 4.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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